Archiv der Kategorie: Gastbeiträge

Eine Frage an Maria Gromadzka: Sie haben sich in Ihrer Masterthesis mit der ursprünglichen Konzeption in der Villa sowie einer möglichen Rekonstruktion befasst. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Veni, vidi… – Die Reise nach Italien

Die Entstehung der Villa Berg in Stuttgart habe ich als faszinierende Geschichte entdeckt, voller Leidenschaft und Ehrgeiz der drei Männer: Kronprinz Karl, Friedrich Wilhelm Hackländer – der Sekretär – und Christian Friedrich von Leins – der Hofbaumeister. Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Entwicklung der Eisenbahn, als das englische Wort „Tourist“ in der deutschen Sprache auftaucht, haben die drei Freunde entschieden, nach Italien zu reisen. Die Reise war für den Kronprinz beeindruckend. Besonders von dortigen Villen begeistert, verspürte der Thronfolger den Wünsch ein Stück Italien in Stuttgart zu erstellen. Wie der Renaissance-Adel wollte auch Kronprinz Karl näher zur Natur wohnen und das gesellschaftliche Leben mit der kulturellen Entwicklung verbinden und der Privatsphäre annähern. Der Wohnsitz war für den Kronprinz Karl und seine Frau Olga, Großfürstin von Russland, gedacht, welche er 1846 geheiratet hatte.

Abbildung 1: Geschichte

Villa oder Burg?

Das Besondere des Entwurfs der Villa ist die Finesse des Konzepts. Die Villa wurde 1845 auf der Spitze des Höll’schen Bühls, am Eingang des Stuttgarter Talkessels, gebaut. Das Bauwerk ist an der Blickachse zum Königsschloss Rosenstein ausgerichtet, welches dem Vater des Kronprinzen, Wilhelm I., gehörte und dies beeinflusst das ganze Konzept. Quer zu dieser gedachten Linie verläuft die Kompositionsachse der ganzen Anlage, die den Entwurf des Parks, die Lage des Gebäudes und die Bedeutung der Nordflügeln begründet. Die Villa ist auch durch eine Blickachse mit dem Württemberg verbunden, wo sich die Grabkapelle der Königin Katharina befindet und sich ursprünglich die Stammburg der Dynastie befand.

Abbildung 2: Park

Abbildung 2: Park

Die Gestaltungsidee der Villa Berg ist ebenso sehr durchdacht. Das Gebäude im Stil der italienischen Neorenaissance nimmt Bezug auf regionale Traditionen, die sich zum Beispiel im geschosshohen Sockel aus kräftigen Rustikaquadern des roten Sandsteins erkennen lässt. Dieses Untergeschoss, das auch die wichtigen Nordflügel mit den beiden Toren der Ein- und Ausfahrt umfasst, erwecken den Eindruck einer Ringmauer mit burgenartigem Charakter. Auch die Türme und Art des Innenhofs sind der italienischen Architektur fremd und erinnern eher an den Bau der germanischen Tradition.

Im Inneren der Villa

Im Inneren erfüllt das Bauwerk repräsentative und private Funktionen einer königlichen Residenz. Die Parkanlage und die Flügel mit dem Innenhof dienen dem herrschaftlichen Empfang. Das Eingangstor befindet sich auf der Blickachse zur Stadt Stuttgart in der Mitte des Nordflügels mit Übergang zum Park mit Belvedere. Im Erdgeschoss befinden sich repräsentative Räume des gesellschaftlichen Lebens, die sich in den Gebäudeachsen auf die vorgelagerten Terrassen des Unterbaus öffnen. Die Raumfolge ist zirkular um den Kern des Treppenhauses angeordnet. Der größte Raum ist der zweigeschossige Tanzsaal mit einer Galerie für Orchester und Zuschauer. Die zentrale, repräsentative Treppe führt ins Obergeschoss. Diese Ebene ist in zwei symmetrische Hälften aufgeteilt. Auf der Südseite befinden sich die Zimmer des Königs, auf der Nordseite die Zimmer der Königin. Die beiden Raumfluchten der privaten Bereiche treffen sich im gemeinsamen Schlafzimmer. Im Dachgeschoss befinden sich Räume für die Bediensteten. Im Untergeschoss sind grottenartige Räume einer Badeanlage mit einer Verbindung zu dem vorgelagerten Wasserbecken eingebaut.

Abbildung 3: Funktionen

Abbildung 3: Funktionen

Damals und heute

Sowohl diese gestalterischen Elemente, die Qualität des Entwurfs, die Komposition und Lage der Villa als auch die Entstehungsgeschichte machen die Villa und den Park in ihrer ursprünglichen Gestaltung zu einer Einheit von hoher Wichtigkeit. Die Villa wurde 1951, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, nach der damals vorherrschenden Denkweise ohne Rücksicht auf das bestehende Bauwerk, sondern nur im Hinblick auf die neue Nutzung – der Sendesaal – umgebaut. Die Nutzung erforderte erhebliche Änderungen im ursprünglichen Konzept. Durch die Zerstörung der Flügelbauten und die Errichtung der Studiobauten sind die Blickachsen architektonisch nicht mehr vorhanden. Der Bau des Studios in unmittelbare Nähe hat die Villa ihrer Dominanz beraubt. In den nach dem Bombenbrand übrig gebliebenen Außenmauern wurde der zweigeschossige Sendesaal nach dem Entwurf von Egon Eiermann eingebaut. Um den Sendesaal stützenfrei konstruieren zu können, wurden die Turmaufbauten an den vier Ecken des Gebäudes entfernt. Durch diese Maßnahmen gingen die architektonischen Grundmotive und die ästhetischen Proportionen des Entwurfs von Christian Friedrich Leins verloren.

Die Villa Berg schafft Identität

Die Villa Berg wurde am Beginn der Industrialisierung sowie während politischer und philosophischer Umbrüche entworfen. Es waren die Zeiten der stürmischen Diskussionen, in der man die Fragen nach Bedürfnissen der neuen Gesellschaft beantworten wollte. Auch in der Architektur suchte man nach einer eigenen Identität in der sich verändernden Welt. Gottfried Semper (1803 – 1879), der große Architekturtheoretiker, schrieb damals über Faktoren, die in einem Gebäude erkennbar sein sollen: „alle räumlichen und persönlichen Einflüsse und Momente der Gestaltung (…): physische Beschaffenheit des Landes (…) [und] lokale Einflüsse (…). Endlich, ist noch die Hand des Künstlers, dessen individuelle Persönlichkeit und Stimmung hervorzuheben“[1]. Er zeigt, dass ein Gebäude an regionale Bedürfnissen und Traditionen angepasst werden sollte, um die Identität der lokalen Gesellschaft zu stärken. Im Entwurf der Villa Berg wurde das durch Bezüge an regionale architektonische Elemente und Blickachsen verwirklicht. Heutzutage hat sich die Recherche der Kulturwissenschaften in dieser Richtung stark weiterentwickelt. Beispielsweise wurde nachgewiesen, dass es neben dem Gedächtnis jedes einzelnen Menschen auch ein „Gruppengedächtnis“ gibt, in welchem Kultur, Werte und Identität gespeichert und durch verschiedene Elemente tradiert werden. Diese können zahlreiche Formen annehmen: von der architektonischen Gestalt der Stadt bis zum spezifischen Idiom der Sprache oder den unzählbaren Details des Alltags. Die Villa Berg übernimmt in Stuttgart eine derartige Funktion. Die Forschungen kommen zu dem Ergebnis, dass das Gruppengedächtnis geprägt und geschützt werden muss, um die Identität der Gesellschaft und der Einzelnen zu schützen.

„Süddeutsche Akademie der Künste und Wissenschaften“

In dem Entwurf meiner Masterarbeit gehe ich davon aus, dass durch den Umbau 1951 die im Entwurf erhaltene Verbindung mit geschichtlichen Wurzeln unterbrochen wurde. Die übrigen Elemente des Konzeptes – Außenwände des Gebäudes und Teile des Parks – bilden keine Einheit mehr. Deswegen stelle ich in meinem Projekt ein Konzept vor, in dem der Sendesaal von Egon Eiermann herausgenommen und an einem anderen Ort wieder aufgebaut wird, dafür wird im Inneren der Villa das ursprüngliche architektonische Gefüge nach zeitgenössischen Bedürfnissen wiederaufgebaut. Auch die für das ursprüngliche Konzept wichtigen Nordflügeln und Türme werden in moderner Formensprache wiederhergestellt. Im Projekt war es mir wichtig, die Blickachsen wieder wirken zu lassen. So entsteht ein Konzept von einer „Süddeutschen Akademie der Künste und Wissenschaften“. Die wiederhergestellte Villa Berg soll ein Ort der Begegnung für Stuttgart werden. In diesem Konzept wird das Gebäude zum Zentrum des Denkens und Schaffens. Hier werden Räume für Arbeit und Kommunikation zur Verfügung gestellt. Ziel des Projektes ist die Wiederverknüpfung und gegenseitige Unterstützung von zum Teil sich widerstrebenden oder ignorierenden Kräften: Wissenschaft und Kunst – und deren Verbindung mit der Öffentlichkeit. Hier finden Sie die Pläne zu dem Entwurf „Süddeutsche Akademie der Künste und Wissenschaften“:

Im Erdgeschoss befinden sich Seminar- und Ausstellungsräume und im Obergeschoss die Säle für Gruppenarbeit. Im Dachgeschoss werden Hotelzimmer und Appartements für Teilnehmer des Projektes eingeplant. Nicht nur die dynamische innere Struktur des Gebäudes mit seinen vertikalen und horizontalen Verbindungen wird wiederhergestellt, sondern auch die Abstufung der privaten Sphäre der Villa, was sich in der Fassadengestaltung wiederspiegelt. Die Räume in Nordflügel dienen als Ateliers für Künstler und die Terrassen als Cafeteria. Im Untergeschoss werden Thermen geplant. Zusammenfassend ist der Schwerpunkt meines Entwurfs das Wiederanknüpfen an die Elemente des ursprünglichen Konzeptes, die Integration in eine Einheit und die Verbindung der Villa Berg mit der Struktur der Stadt als ein Ort der Begegnung. Die vollständige Arbeit – vorgelegt von Maria Gromadzka als Masterthesis an der Hochschule für Technik im SS 2014, unter Betreuung von Prof. Peter Krebs, Prof. Harald Roser und Prof. Peter Schneider – finden Sie in der folgenden PDF-Datei. Eine weitere Veröffentlichung oder Vervielfältigung der Diplomarbeit ist ohne Zustimmung der Autorin nicht erlaubt.

[1] Semper, Gottfried: Schmuck als Kunstsymbol, in: Monatsschrift des wissenschaftlichen Vereins. Akademische Vorträge, Heft 3, S. 5-42, Zürich 1856, S. 40

Maria Gromadzka studiert Denkmalpflege an der Technischen Universität in Berlin. Zuvor studierte sie Architektur an der Hochschule für Technik in Stuttgart und an der Universität der Künste in Poznań. Die Faszination für Denkmalpflege hat mit der Masterarbeit zur Villa Berg in Stuttgart angefangen. Ihre beruflichen Wege sind noch offen, aber eine Richtung wurde damit gelegt.

Gastbeiträge

In Gesprächen begegnen uns immer wieder Fragestellungen, auf die wir selbst keine Antwort wissen. Wir wenden uns deshalb mit Fragen zu verschiedenen Aspekten von Villa Berg und Park an Experten und fragen nach.

Eine Frage an Dr. Dietrich Heißenbüttel: Mit welchen Kultur-Schichten hat sich das Gesamtareal im Laufe seiner Geschichte aufgeladen?

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Kultur-Schichten

Die Villa Berg, zweifellos eines der herausragenden Baudenkmale in Stuttgart, ist gleichwohl weniger ein intaktes Beispiel für die frühe historistische Villenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Dazu hat der Bau, ebenso wie der Park, zu sehr unter den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem nachlässigen Umgang danach gelitten. Doch die Villa war in der gesamten Zeit ihres Bestehens, seit ihrer Erbauung unter Kronprinz Karl und seiner Gemahlin Olga, aber auch in der Zeit des Süddeutschen Rundfunks, immer ein Ort der Kultur. Ihrem beklagenswerten heutigen Zustand ist dies kaum noch anzusehen. Und doch gibt es zum Teil umfangreiche Zeugnisse dieser kulturellen Aktivitäten aus jeder Periode der Nutzung. Diese mehr als 160-jährige Kulturgeschichte wieder sichtbar zu machen und daran anzuknüpfen, könnte der Ausgangspunkt für einen gelungenen Umgang mit dem Kulturdenkmal sein.

Architektur

Als die Villa Berg 1845 bis 1853 erbaut wurde, befand sie sich auf einem Hügel weit außerhalb der Stadt mit Sichtbeziehungen zu den wichtigsten Monumenten des württembergischen Königtums: Schloss Rosenstein, Grabkapelle auf dem Rotenberg und Wilhelma. Dieser Zustand lässt sich natürlich nicht wiederherstellen, wenngleich von den oberen Etagen aus möglicherweise Sichtbezüge bestehen bleiben.

Als privater, quasi bürgerlicher Wohnsitz des Kronprinzen, war die Villa Berg weniger als Schlossbauten auf Repräsentation bedacht, und wurde zum Modell für die Wohnarchitektur der bürgerlichen Oberschicht Stuttgarts und darüber hinaus. Als bedeutendes Beispiel kann die Villa Bosch an der Gänsheide gelten. Andere Bauten wie die besonders opulent ausgestattete Villa des Industriellen Gustav Siegle sind heute nicht mehr erhalten. Wieder andere wie die Villa Gemmingen oder die Villa Reitzenstein greifen als Adelssitze bewusst auf die barocke Schlossarchitektur zurück. Mit zunehmend dichter Bebauung entwickelt sich der Bautypus Villa nach und nach weiter zum bescheideneren Einfamilienhaus in Halbhöhenlage.

Angelehnt an Bauten der italienischen Renaissance, gilt die Villa Berg als frühes Beispiel des Historismus. Dieser zeigt sich in der gleichzeitigen Verfügbarkeit sämtlicher Baustile vergangener Epochen. Der Architekt, Christian Friedrich Leins, wählte für den Königsbau am Schlossplatz eine klassizistische Formensprache, die Johanneskirche am Feuersee baute er in den Formen der Gotik. Die Villa Berg orientiert sich nicht nur an den Formen der Renaissance, sie enthält auch ein originales Bauteil aus dieser Epoche. 1845, im Jahr des Baubeginns, wurde das Neue Lusthaus aus dem 16. Jahrhundert, das sich an der Stelle des heutigen Kunstgebäudes befand, „unter den Stoß-Seufzern der kunstliebenden Bevölkerung“ (August Köstlin) radikal erneuert. Dabei verschwand der komplette, überaus reiche Skulpturenschmuck. Kronprinz Karl sicherte sich einige exemplarische Stücke, weitere gelangten in das kurz zuvor erbaute Schloss Lichtenstein und in den Privatgarten des Schriftellers Friedrich Hackländer auf der Gänsheide, der Karl beim Bau der Villa Berg beriet. Eine Konsolfigur von Sem Schlör, eingeschlossen in ein Beschlagwerkornament des 16. Jahrhunderts, ist als Schlussstein in einen Bogen an der Ostfassade der Villa eingemauert.

Skulptur

Zwei weitere, ähnliche Figuren, ebenfalls von Sem Schlör, eine Hirschkonsole, ein Relief des Simson mit den Stadttoren und ein Pilasterkapitell, alle aus dem Neuen Lusthaus, waren in einer Grotte an der Westfassade untergebracht, ebenso die Wetterhexe, eine ursprünglich drei Meter hohe, kupferne, goldbemalte Wetterfahne, von der nur der Sockel erhalten ist. Alle diese Fragmente befinden sich heute im Städtischen Lapidarium.

Dort befinden sich auch noch andere Skulpturen aus dem Park und der Villa, darunter die steinerne Ingeborg mit dem Falken von Joseph von Kopf, die Bronzestandbilder der Sandalenlösenden Venus von Ivan Petrovich Vitali und das 1883 entstandene Muckenbüble von Wilhelm Rösch. Eine Prunkschale aus Jaspis, die Zar Nikolaus I. seiner Tochter Olga zum Einzug schenkte und zwei Volutenamphoren aus Vulkanit, hergestellt im südsibirischen Kolywan, werden ebenfalls im Lapidarium verwahrt.

Wie bei fürstlichen Gartenanlagen der Zeit üblich, war der Park der Villa Berg mit verschiedenen Pavillons, kleineren Architekturen und zahlreichen Skulpturen bestückt. Insgesamt waren um die Villa in der Zeit bis zur Krönung Karls 1864 mindestens 25 Statuen aufgestellt, dazu Reliefs, Brunnen, Kandelaber und weiterer plastischer Schmuck. Einige weitere wie das Muckenbüble, die allegorische Figur Liebe macht blind von Donato Barcaglia von 1884, ein Aschenbrödel von Theodor Scheerer aus demselben Jahr oder die 1910 entstandene Wasserspendende Nymphe von Franz Linden kamen später hinzu. Vor Ort finden sich heute nur noch der Nymphenbrunnen von Albert Güldenstein, verschiedene Kandelaber und Blumenschalen sowie einige Kriegerdenkmale und Mahnmale jüngerer Zeit.

Doch an anderen Orten sind weitere Skulpturen erhalten: Fünf Standbilder von Ludwig von Hofer, Heinrich Maximilian Imhof und Barcaglia stehen heute in der Rotunde der Neuen Staatsgalerie, Lindens Wasserspendende Nymphe auf dem Pragfriedhof. Weitere Werke befinden sich in Privatbesitz, vermutlich im Depot des Stadtarchivs oder sind nicht erhalten. Noch 2010 hat der SWR die 1828 entstandene, ursprünglich an der Westfassade angebrachte Figurengruppe Jupiter und Antiope von Francesco Pozzi versteigert.

Der umfangreiche Skulpturenschmuck ist zweifellos integraler Bestandteil des Kulturdenkmals Villa Berg. Dass vor Ort kaum noch etwas davon erhalten ist, zeugt von Vernachlässigung. Wenn die Villa wieder ihrem historischen Rang entsprechend in Wert gesetzt werden soll, so gehört dazu auch die Überlegung, einige dieser Skulpturen in den Park zurückzubringen. Vollständig lässt sich der frühere Zustand sicher nicht restituieren, schon allein weil nicht alle Werke erhalten sind. Die fünf Standbilder von Hofer, Imhof und Barcaglia gehören mittlerweile zum festen Bestand der Neuen Staatsgalerie, wo sie freilich in ihren telefonzellenartigen Kabinen gegenwärtig auch keinen sehr gepflegten Eindruck hinterlassen. Andere Skulpturen – oder gegebenenfalls Abgüsse – könnten jedoch ohne weiteres wieder in den Park der Villa Berg zurückversetzt werden.

Park

Als „wahres Eden“ bezeichnet Theodor Griesinger 1866 den Park der Villa Berg: „Wer nur ein einziges Mal dort war und zugleich die herrlichen Parkanlagen nebst der wundervollen Orangerie besuchte, den wird es nicht mehr Wunder nehmen, warum das hohe Königs-Paar Karl und Olga hier viel lieber jeden Sommer seinen Aufenthalt nimmt, als in irgendeinem der renommiertesten Bäder und Vergnügungsörter Europas.“

Die Villa Berg war berühmt für ihre Pflanzenwelt, angefangen mit der Orangerie, dem zuerst fertiggestellten Gebäude an der Stelle der heutigen Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule. Neben Zitrusfrüchten waren dort unter anderem Palmen, eine Sammlung von 6000 Kamelien und Azaleen sowie 200 Sorten Orchideen untergebracht. Es gab einen Küchengarten mit mehr als 500 Gemüsearten, Artischocken, Feigen und Ananas. Der Park, wie der Schlossgarten eine Mischung aus axialen Anordnungen mit vierreihigen Platanenalleen und einem umgebenden Englischen Landschaftsgarten, enthielt Rasenstücke und Blumenrabatten, einen Obstgarten mit 400 Arten und einen Weinberg, „eine Menge alter Tannenarten“ und eine Rosensammlung mit 500 Sorten.

Diese fürstliche Pracht lässt sich mit der Funktion eines Volksgartens nicht in Einklang bringen. Der Erwerb durch die Stadt 1915 wurde damals begrüßt, weil dadurch der dicht bevölkerte, ausgedehnte Stadtteil Ost eine öffentliche Grünanlage erhielt. Der Pflanzenreichtum ging zurück, dafür kamen ein Parkrestaurant und ein Kinderspielplatz hinzu. Heute wirkt der Park vernachlässigt. Neben Gehölzen und Gras bleibt allenfalls die Rosenpergola an der Westseite in einem wenig gepflegten Zustand erhalten.

Malerei

Die Geschichte des heutigen Kunstmuseums beginnt in der Villa Berg: 1925 vermachte der Markgraf Silvio della Valle di Casanova, der zum Musikstudium nach Stuttgart gekommen war, der Stadt seine Sammlung schwäbischer Impressionisten. Es handelte sich um 55 Gemälde von Otto Reiniger, 17 von Hermann Pleuer, 8 von weiteren Künstlern sowie die Porträts des Markgrafen und seiner Frau von Bernhard Klinckerfuß.

Beinahe wäre stattdessen die bedeutendste Sammlung von Grafiken des französischen Karikaturisten Honoré Daumier in die Villa gekommen. Otto Fischer, der Direktor der Staatsgalerie, hatte darüber bereits mit Eduard Fuchs zu verhandeln begonnen. Fuchs, dessen Porträt von der Hand Max Slevogts sich in der Staatsgalerie befindet, war als Verfasser der Illustrierten Sittengeschichte zu Geld gekommen. Als politischer Aktivist und Unterstützer von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, war er zugleich ein geachteter Kunstsammler, der seine Daumier-Sammlung Stuttgart überlassen hätte, wenn sie denn in der Villa Berg oder Schloss Rosenstein ausgestellt worden wäre. Zur selben Zeit, 1924, zeigte Fischer im „Stuttgarter Kunstsommer“ erstmals in größerem Umfang Expressionisten, wurde dafür allerdings vom Landtag gerügt. Er orientierte sich neu, wurde Ehrenberater der chinesischen Reichsmuseen und wechselte 1927 nach Basel. Die Stiftung kam nicht zustande.

Reiniger und Pleuer hatten sich noch vor 1900 – für deutsche Verhältnisse früh – einer impressionistischen Malweise zugewandt. Reiniger ist vor allem bekannt für seine Ansichten des Feuerbachs. Meisterhaft malte er die Reflexionen des Lichts auf dem fließenden Gewässer – doch den Zeitgenossen, gewohnt an Historien-Schinken, blieb unbegreiflich, was er mit einem solchen Nichts an Motiv sagen wollte. Nicht besser erging es Pleuer, der mit Mondscheinlandschaften angefangen hatte und dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn zu seinem Thema machte. Er kann damit zugleich, nach Adolf Menzel, als einer der ersten realistischen Maler gelten. Doch schwitzende Bahnarbeiter waren nicht das, was das Stuttgarter Publikum sehen wollte. Interessanterweise waren es in beiden Fälle adlige Sammler, die für diese Kunst ein Auge hatten – neben Casanova unter anderem der Freiherr Franz von König-Fachsenfeld.

1925 wurde die Villa Berg renoviert und technisch aufgerüstet. Zur Eröffnung am 28. Mai war die Sammlung erstmals zu sehen und blieb dann im zweiten Stock dauerhaft ausgestellt, während das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss für repräsentative Empfänge der Stadt genutzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Eugen Keuerleber mit dem Erwerb von Werken von Otto Dix den zweiten, heute weitaus renommierteren Schwerpunkt der Sammlung aufzubauen, die dann ab 1961 im Kunstgebäude und schließlich ab 2005 im Kunstmuseum ausgestellt war.

Bauliche Veränderungen der Nachkriegszeit

Von Bombenangriffen getroffen, war die Villa nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, aber auch innen keineswegs vollständig zerstört. Allerdings zeigte sich die Stadt nicht geneigt, ihre Verantwortung für das Baudenkmal wahrzunehmen und übergab Villa und Park an den Süddeutschen Rundfunk. Völlig ausgebeint, blieb von der Villa nur die Fassade stehen, reduziert um die Ecktürme und zwei niedrige Flügelbauten an der Nordseite. Dahinter verbirgt sich ein Neubau der 1950er-Jahre. Der Große Sendesaal war auch konstruktiv von den Außenwänden getrennt.

In der Folgezeit hat der SDR ungefähr ein Viertel der Parkfläche überbaut. Nördlich entstand zuerst das 1959 eingeweihte, von Rolf Gutbrod entworfene Hörfunkgebäude mit dem fünfeckigen Probesaal des Rundfunk-Sinfonieorchesters als nördlichem Abschluss. Es folgten eine Reihe funktionaler Fernsehgebäude, bevor in den 1970er-Jahren die Neubauten an der Neckarstraße entstanden. Nach dem Bau einer Tiefgarage wurde der Terrassengarten an der Südseite der Villa im Stil der 1960er-Jahre asymmetrisch mit Waschbeton und versetzten Bassins neu gestaltet. „Da sie nie richtig abzudichten war“, heißt es in der von Ulrich Gohl herausgegebenen Publikation des Vereins Muse-O zu der Brunnenanlage, „wurde sie bald weitgehend stillgelegt und teilweise bepflanzt.“

Während die Sichtbeziehungen unterbrochen waren, wurde der Park der Villa Berg 1977 im Zuge der Bundesgartenschau durch Fußgängerstege mit dem Unteren Schlossgarten und dem Rosensteinpark verbunden. Insbesondere die Stege von Jörg Schlaich vom Mineralbad Leuze zum Rosensteinpark gehören zu den epochemachenden Bauwerken ihres Genres.

Trotz der zum Teil brachialen Eingriffe in die historische Substanz, die schon von der zeitgenössischen Presse und Öffentlichkeit kritisch beurteilt wurden, sind nicht alle Neubauten nur negativ zu bewerten. Das Hörfunkgebäude von Rolf Gutbrod, das mit seinem Majolikafries unter dem Dach und dem fünfeckigen Probesaal ein wenig an die Liederhalle erinnert, steht zu recht unter Denkmalschutz. Der Terrassengarten an der Südseite hat sicher keine Auszeichnung verdient, ließe sich jedoch durch Wiederinbetriebnahme der Wasserspiele, Blumenschmuck und Sitzgelegenheiten in von Bäumen beschatteten stillen Ecken vom gegenwärtigen Zustand der Verwahrlosung ohne hohen Aufwand in einen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität verwandeln. Über das neue Innenleben der Villa mag man geteilter Ansicht sein. Immerhin geht der Große Sendesaal wesentlich auf Egon Eiermann zurück, einen der führenden Architekten der Nachkriegszeit, der freilich in Stuttgart durch den Abriss des Kaufhaus Schocken 1960 in unrühmlicher Erinnerung geblieben ist. Von unbestreitbarem Rang ist auch die Walcker-Orgel. Zweifellos ist das Ensemble aus neu gestalteter Villa und Gutbrod-Bau ein Monument ersten Ranges für die Rundfunkkultur der Nachkriegszeit.

Rundfunk, Film, Neue Medien

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, und zwar zuerst der Hörfunk, bevor das Fernsehen zunehmend Verbreitung fand, war das Leitmedium der jungen Bundesrepublik, die sich im Gegensatz zum Nationalsozialismus weltoffen und demokratisch präsentieren wollte. Daher stammt der Kulturauftrag im Staatsvertrag, daher erklärt sich die besondere Rolle der Rundfunk-Sinfonieorchester und die außerordentliche Entwicklung der Neuen Musik. Aber auch auf dem Gebiet der Literatur und des Hörspiels waren die Rundfunkanstalten von herausragender Bedeutung für die kulturelle Entwicklung der Nachkriegszeit. Schlager, Klassik, Jazz, Landfunk und neue Literatur: das Spektrum war denkbar weit und umfasste alle Bereiche des Kulturlebens. Am Süddeutschen Rundfunk wirkten Erwin Lehn und dann Wolfgang Dauner, Martin Walser und Alfred Andersch – um nur einige wenige zu nennen. Arno Schmidt, Theodor W. Adorno und Max Bense gehören zu den vielen Autoren, die im zweiten Programm wiederholt zu Wort kamen.

Diese für die Geschichte der Bundesrepublik so wichtige Entwicklung ist im Rundfunkarchiv umfangreich dokumentiert, aber noch kaum aufgearbeitet. Allein ein 1996 entstandenes Verzeichnis der Sendungen der Redaktion Radio-Essay – und dies war nur eine von vielen des Kultursenders Südfunk 2 – umfasst Einträge zu 2624 Sendungen, zu denen ausnahmslos Manuskripte und in 925 Fällen auch Tondokumente erhalten sind. Dieses Material kann auf Anfrage eingesehen werden, was jedoch kaum bekannt ist. Auch im Fernsehen entstanden zuweilen außergewöhnliche Produktionen wie zum Beispiel Samuel Becketts 1981 zuerst ausgestrahlte, abstrakte Choreografie Quad. Später zog das Haus des Dokumentarfilms in die Villa Berg ein. Auf dem angrenzenden Teck-Areal / Kulturpark Berg befindet sich die Merz Akademie: eine interessante Nachbarschaft.

Raum für Kultur

Das Fehlen von Räumen für Kultur war eines der wiederkehrenden Themen im Stuttgarter Kulturdialog. Es gibt kein Kommunales Kino mehr, es fehlt an Auftritts- und Proberäumen für den Tanz, im gesamten Stuttgarter Osten gibt es kein Kulturzentrum. Am Rande des bevölkerungsreichen Stadtteils gelegen, aber auch von der Innenstadt und Cannstatt aus gut zu erreichen, mit Bezügen zur älteren Geschichte, aber auch zur Kultur der Nachkriegszeit, bietet die Villa in hohem Maße das Potenzial, zu einem Ort zu werden, mit dem sich die Bewohner des Ostens und der gesamten Stadt identifizieren.

Damit dies geschehen kann, wären folgende Punkte zu berücksichtigen:

  1. Es versteht sich von selbst, dass der Park und die Villa, die sich heute zum Teil in einem verwahrlosten Zustand befinden, stärkerer Pflege bedürfen, angefangen mit einfachen Maßnahmen wie der Bepflanzung von Blumenbeeten oder der Instandsetzung der Wasserspiele. Der ursprüngliche Reichtum der Pflanzungen ist sicher nicht wiederherzustellen. Aber gegenüber dem aktuellen Stand ließe sich, anknüpfend an die frühere Gestaltung, manches verbessern. Warum nicht wieder Obstbäume und Weinreben pflanzen? Wenn die Stadt den Aufwand der Pflege scheut, könnte sie Teile des Parks für Guerilla Gardening freigeben.
  2. Die heute kaum noch erkennbaren historischen Bezüge müssen wieder erfahrbar gemacht werden. Ursprünglich im Park befindliche Skulpturen könnten dort wieder aufgestellt werden; die Gestaltung der Parkanlagen könnte sich stärker am ursprünglichen Zustand orientieren; die Geschichte der Villa sollte in einer Ausstellung und/oder auf Stelltafeln im Park nachvollziehbar gemacht werden. Denkbar wäre, die originale Gemäldesammlung des Markgrafen di Casanova in der Villa auszustellen, für die sich das Kunstmuseum bisher nur wenig interessiert hat. Denkbar wäre auch – aber dies ist vom Interesse des SWR abhängig – die Rundfunkgeschichte zu präsentieren, bis hin zu einer stärkeren öffentlichen Erschließung der Archivbestände.
  3. Zu einem starken Anziehungspunkt für den Stuttgarter Osten, die gesamte Stadt und auch auswärtige Gäste kann die Villa Berg nur werden, wenn sie ein breites Programm für unterschiedliche Besucher bietet. Als Veranstaltungsort böte sie genügend Platz für stadtteilbezogene wie übergreifende Aktivitäten, da neben dem Großen Sendesaal auch noch der Probesaal im Gutbrod-Bau sowie zahlreiche kleinere Räume zur Verfügung stehen.
  4. Der Große Sendesaal hätte die richtigen Dimensionen als Veranstaltungsraum für den Stuttgarter Osten, aber auch, um das Kommunale Kino aufzunehmen. Allerdings hat sich die Medienlandschaft gegenüber der Zeit, als die Kommunalen Kinos in Reaktion auf den Kulturverlust durch das Kinosterben der 1960er-Jahre gegründet wurden, sehr stark verändert. Interessanter als einfach das alte Modell fortzuführen wäre, diese Veränderungen zu analysieren und ein modernes Medienzentrum zu installieren, in dessen Mittelpunkt weiterhin Filmvorführungen stehen könnten, das aber auch auf neuere Entwicklungen reagiert. In Kooperation mit der Merz-Akademie könnte hier ein einzigartiges Kompetenzzentrum entstehen.
  5. Für ein breites, nicht speziell kulturinteressiertes Publikum, also die Bewohner des Stuttgarter Ostens, ist die Villa Berg in erster Linie Freizeitort. Park und Kinderspielplätze gehören wie in den 1920er-Jahren dazu, ebenso das beliebte Schachfeld an der Südterrasse, aber auch eine mit anderen Bedürfnissen nicht kollidierende Gastronomie. Denkbar wäre, bei entsprechender statischer und technischer Aufrüstung, die Dachterrasse der Villa als Café zu nutzen. Mit dem Blick auf den Park und Umgebung würden die historischen Sichtbezüge wieder erfahrbar. Ein entsprechend gelenkter Parcours beim Aufstieg zur Dachebene könnte als Lehrpfad zur Geschichte der Villa dienen, der von den Besuchern zwanglos, im Vorübergehen wahrgenommen würde.
  6. All dies ist möglich, ohne dass die Stadt ausschließlich Steuermittel versenkt. Ideen und Vorschläge müssen am Anfang stehen, erst danach lässt sich die Finanzierung klären. Es gibt zahlreiche interessierte Vereine und Initiativen wie der Verein Kommunales Kino oder Stadtteilinitiativen aus dem Stuttgarter Osten, die zum Teil bereits detaillierte Vorstellungen entwickelt haben. Ein erster Schritt wäre, diese an einen Tisch zu bekommen, um ihre Vorstellungen, ihren Raumbedarf aber auch ihre Ressourcen zu ermitteln. Auch wenn sie keine umfangreichen finanziellen Mittel mitbringen, ist ihr Engagement doch mit Geld nicht aufzuwiegen: nicht nur wegen der ehrenamtlichen Arbeit, sondern auch, weil jede Initiative zugleich ein bestimmtes Publikum erschließt. Wenn die Villa Berg aus ihrem Aschenputteldasein erlöst und wieder zu einem Anziehungspunkt wird, werden alle Ausgaben zu einer Investition, die sich bezahlt macht: nicht nur für die Betreiber einer Gastronomie, sondern für die gesamte Stadt.

Zitierfähiger Titel des Gastbeitrags:
„Die Kulturschichten von Villa Berg und Park“ (Autor: Dr. Dietrich Heißenbüttel, 10.04.2014)

Dr. Dietrich Heißenbüttel ist Journalist, Kritiker und Kunsthistoriker. Er hat Architektur (TU Berlin) sowie Kunstgeschichte / Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft (Universität Stuttgart) studiert. Promoviert hat er an der Martin-Luther-Universität (Halle / Saale) zu dem Thema „Italienische Malerei vor Giotto: Wandmalerei und Geschichte des Gebiets um Matera bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts”. Seit 1999 ist er freiberuflich als Journalist tätig und hat kunsthistorische Arbeiten zu Renaissancemöbeln, mittelalterlicher Wandmalerei, interkulturellen Begegnungen im Mittelmeerraum, afrikanischer Gegenwartskunst und Globalisierung veröffentlicht. Mit dem Buch Kunst in Stuttgart: Epochen – Persönlichkeiten – Tendenzen“ hat er als Herausgeber ein neues Standardwerk zur Stuttgarter Kunstgeschichte geschaffen.

Literatur:

  • Christine Breig, Der Villen- und Landhausbau in Stuttgart 1830 – 1930. Ein Überblick über die unterschiedlichen Umsetzungen und Veränderungen des Bautypus Villa in Stuttgart, Stuttgart 2000.
  • August Köstlin: „Das alte herzogliche Lusthaus in Stuttgart“, in: Allgemeine Bauzeitung 1870, S. 186-190.
  • Dietrich Heißenbüttel (Hrsg.): Kunst in Stuttgart. Epochen, Persönlichkeiten, Tendenzen, Stuttgart 2013.
  • Ulrich Gohl (Hrsg.): Die Villa Berg und ihr Park. Geschichte und Bilder, Stuttgart 2007.
  • Wikipedia-Eintrag zu den Skulpturen von Gerd Leibrock.
  • Theodor Griesinger: Württemberg nach seiner Vergangenheit und Gegenwart in Land und Leuten, Stuttgart 1866.
  • Timo John: Die königlichen Gärten des 19. Jahrhunderts in Stuttgart, Stuttgart 2000.
  • Radio-Essay 1955-1981. Verzeichnis der Manuskripte und Tondokumente, Stuttgart 1996.
  • Website des Vereins Neues Kommunales Kino Stuttgart e.V.

Eine Frage an Christiane Mayer: Olga, Wera, … – Gibt es eine Verbindung zwischen dem sozialen Engagement „von Villa und Park damals“ und heute?

Die Verbindung zwischen Olga und Wera

Die Ehe zwischen König Karl I und Königin Olga von Württemberg blieb kinderlos. Olga litt sehr unter dieser Kinderlosigkeit. Im Jahr 1862 nahm das Paar die 9-jährige Wera Konstantinowa bei sich auf.[1] Wera war die Nichte Olgas und galt als schwieriges Kind. Dennoch nahm sich Olga ihrer vorbehaltlos an und zog sie wie eine eigene Tochter groß. Die Zuwendung Königin Olgas wirkte sich positiv auf die Entwicklung von Wera aus, die beiden Frauen hatten zeitlebens eine enge Verbindung zueinander. 1871 wurde Wera von Olga und Karl adoptiert und war damit Königstochter.[2]

Im Jahr 1864 überschrieb König Karl I von Württemberg anlässlich seiner Krönung die Villa Berg an seine Ehefrau Olga. Nach ihrem Tod im Jahr 1892 ging die Villa in den Besitz ihre Adoptivtochter Herzogin Wera von Württemberg über.[3] Die beiden Besitzerinnen „von Villa und Park damals“ sind bis heute vor allem durch ihr karitatives und soziales Engagement in positiver Erinnerung. Viele Stuttgarter Einrichtungen tragen noch heute ihre Namen.

Olga und Wera – das soziale Engagement „von Villa und Park damals“

Zu Lebzeiten von Olga war die Mildtätigkeit das klassische Betätigungsfeld der Ehefrauen von Landesfürsten. Sie zeichnete sich vor allem durch die klassische Funktion der Schirmherrschaft für gemeinnützige Zwecke aus. In diesem Sinn stellte Olga im Jahr 1847 die Heil- und Pflegeanstalt für – in den Worten von damals – „schwachsinnige“ Kinder in Mariaberg und die Stuttgarter Kinderheilanstalt – das „Olgäle“ – unter ihren Schutz. Bald jedoch setzte sie eigene Akzente, wobei ihr besonders die Erziehung und Bildung der Kinder und Jugend am Herzen lag. Zahlreiche Kinderkrippen, Kinderrettungsanstalten und Kleinkinderbewahranstalten entstanden mit Ihrer Hilfe und Unterstützung.[4] Im Jahr 1873 stiftete sie die höhere Mädchenschule im Stuttgarter Westen, das Königin-Olga-Stift, das bis heute als Bildungseinrichtung fungiert.[5] Auch zahlreiche Ausbildungsstellen für Mädchen und Frauen wurden durch Olgas Unterstützung geschaffen.

Herzogin Wera von Württemberg folgte dem Beispiel ihrer Adoptivmutter Olga und engagierte sich ebenfalls stark im karitativen und sozialen Bereich. Auch sie legte starke eigene Akzente, ganz in Olgas Tradition, die – wie zu vermuten ist – von ihrer eigenen persönlichen Situation geprägt waren.

Nach dreijähriger Ehe verlor Wera bereits im Jahr 1877 ihren Ehemann Herzog Eugen von Württemberg. Sie ging zeitlebens keine neue Ehe mehr ein und widmete sich der Erziehung ihrer beiden 1876 geborenen Zwillingstöchter Elsa und Olga. Selbst alleinerziehend lag ihr das Schicksal unverheirateter Mütter und alleinstehender Mädchen am Herzen.[6] Als der Großfürstin bekannt wurde, dass eine überforderte Mutter ihren Säugling in Stuttgart in den Bahnhofsabort geworfen hatte, gründete sie eine Zufluchtsstätte für gefährdete Mädchen und unverheiratete, werdende Mütter, was allgemeinen Anstoß erregte. Wera lies sich dennoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen und rief im Jahr 1909 ohne staatliche und kirchliche Unterstützung die Stiftung „Zufluchtsstätten in Württemberg“ zugunsten heimatloser Mädchen und werdender Mütter[7] mit den noch heute existierenden Weraheimen ins Leben. Es heißt sogar, dass Wera zugunsten der Stiftung ihren Schmuck verkauft hat und die Erlöse der Stiftung zukommen ließ.

Sowohl Olga als auch Wera haben sich in ihrem für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen sozialen Engagement durch Widerstände nicht aufhalten lassen. Darüber hinaus haben beide das geschafft, was auch heute in der sozialen Arbeit gefordert wird: Nachhaltigkeit. Stuttgart profitiert noch heute von dem karitativen Wirken dieser beiden Frauen, noch heute existiert das Olga-Stift und das Wera-Heim und Kinder, Mädchen und Frauen werden im Sinne von Olga und Wera unterstützt. Diese große Leistung legt die Frage nahe, welche Verbindungen es darüber hinaus zwischen dem sozialen Engagement der Besitzerinnen von „Villa und Park damals“ und heute gibt.

Die Verbindung zwischen dem sozialen Engagement „von Villa und Park damals“ und heute

Im Jahr 1883 führte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck die Krankenversicherung und 1984 die Unfallversicherung ein. Damit wurde zu Lebzeiten von Olga und Wera die Sozialgesetzgebung eingeführt.[8] Das Sozialsystem „von Villa und Park damals“ ist in keiner Weise mit unserem heutigen sehr komplexen und ausdifferenzierten Sozialsystem vergleichbar. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen dem sozialen Engagement von Olga und Wera und sozialem Engagement heute.

Beide Frauen haben sich noch heute aktuellen Problemstellungen verschrieben. Olga setzte sich für Bildungsgerechtigkeit ein. Bildungschancen sind nach wie vor Lebenschancen und heute wie damals nicht jedem Kind zugänglich. Gemäß der im Juni 2013 veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung hängt auch heute der Bildungserfolg und die damit verbundenen Bildungschancen im Wesentlichen von der sozialen Herkunft ab.[9] D. h. Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Milieus haben nahezu keine Chance einen höheren Bildungsgrad zu erreichen und damit einer dauerhaft existenzsichernden Erwerbsarbeit nach zu gehen.
Die direkte Nachbarschaft von „Villa und Park“ zeichnet sich heute beispielsweise durch ein Nebeneinander von hohen Einkommen, verbunden mit einem für Stuttgart überdurchschnittlichem Anteil an AkademikerInnen sowie BezieherInnen von ALG II mit niederen Bildungsabschlüssen aus. Demnach leben Kinder mit guten und mit schlechten Lebenschancen dicht nebeneinander.[10] Um Bildungsgerechtigkeit zu erlangen ist also nach wie vor soziales Engagement im Sinne von Olga notwendig, auch in der direkten Nachbarschaft von „Villa und Park“.

Weras Engagement galt vor allem den unverheirateten Müttern. Alleinerziehende Frauen gehören auch heute noch zu den besonders benachteiligten Personengruppen. So haben sie, weil die alleinige Sorge für ihre Kinder dies kaum zulässt, keine für die Lebenssicherung ausreichende (Vollzeit-) Stelle oder häufig sogar keine berufliche Ausbildung absolviert. Ihnen bleibt so qualifizierte und existenzsichernde Erwerbsarbeit vielfach verwehrt. Weiter unterliegen sie einem besonders hohen Risiko, auf Dauer ohne Berufsausbildung und damit abhängig von staatlichen Transferleistungen zu bleiben. In Baden-Württemberg verfügen 61,1% der alleinerziehenden arbeitslosen Frauen unter 45 Jahren, die ALG II beziehen, über keine Berufsausbildung.[11] Wie bereits dargestellt besteht für die Kinder dieser Frauen ein hohes Risiko, auch ohne Bildungsabschluss zu bleiben. Deshalb wirkt soziales Engagement für Alleinerziehende sozusagen doppelt. Z. B. fördert das Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg über das Programm „Gute und sichere Arbeit“ seit 2012 Modellprojekte für Alleinerziehende.[12] Über diese Projekte soll den Frauen der Beginn einer Teilzeitausbildung ermöglicht werden, was aufgrund ihrer familiären Inanspruchnahme eine große Kraftanstrengung bedeutet. Der wichtige „Nebeneffekt“ dieser Modellprojekte ist, dass diese Förderung auch Auswirkungen auf die Kinder der Frauen hat und damit im doppelten Sinn wirkt.
In der Nachbarschaft von „Villa und Park“ gibt es heutzutage einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Familienform „Alleinerziehend“. Jede dritte Familie ist hier alleinerziehend, während es in Stuttgart insgesamt „nur“ jede fünfte ist.[13] D.h. auch hier ist soziales Engagement im Sinne von Wera und auch Olga noch heute aktuell und notwendig.

Es gibt eine weitere Parallele zwischen „Villa und Park damals“ und heute. Zu Lebzeiten von Olga und Wera war das klassische Betätigungsfeld der Ehefrauen der Landesfürsten die Mildtätigkeit. Zwar werden heutzutage die wichtigen politischen Ämter und Funktionen über demokratische Wahlen besetzt, nach wie vor weitestgehend mit Männern. Die Aufgabe ihrer Frauen ist auch heute noch die „Mildtätigkeit“. So hat z.B. Stefanie Schuster, die Ehefrau von Altbürgermeister Schuster – ganz im Sinne von Olga und Wera – 1997 die Stiftung Olgäle gegründet. Sie wurde jetzt für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet, für das sie eine „geradezu unglaubliche Hartnäckigkeit“ an den Tag legt.[14] Diese Zuschreibung der Tätigkeit der Ehefrauen unserer heutigen „Landesfürsten“ wird immer wieder kritisch diskutiert, dennoch ändert sich wenig. Es ist eher so, dass die entsprechenden Gattinnen oder Lebendgefährtinnen – in gewisser Weise in Tradition von Olga und Wera – über das geforderte Maß hinaus eigene Akzente setzen. Stefanie Schuster ist nicht „nur“ die Schirmherrin der Stiftung Olgäle, sie fungiert auch über die Amtstätigkeit ihres Mannes hinaus als ihre Präsidentin und akquiriert selbst aktiv Gelder für die Stiftung.

Und das zeigt eine weitere Verbindung zwischen „damals und heute“. Damals wie heute brauchen soziale Themen über das „übliche“ Maß hinausgehendes Engagement und Menschen, die bereit sind, dies zu investieren. Es ist unumstritten, dass es der deutschen Gesellschaft heute „gut geht“. Gerade dann darf nicht verloren gehen, dass es dennoch Menschen gibt, die schlechte Bildungs- und Lebenschancen haben. In der Nachbarschaft von „Villa und Park“ leben sie direkt neben denjenigen mit den guten Bildungs- und Lebenschancen. Sie brauchen – damals wie heute – Menschen, die sich stark für sie einsetzen und darüber hinaus – eine weitere wichtige Verbindung zwischen „Villa und Park“ von damals und heute – sich ihrer vorbehaltlos annehmen. So wie Olga sich ihrerseits vorbehaltlos und mit weitreichender Wirkung Weras annahm.

Aber gerade weil es mehrere Verbindungen zwischen dem sozialen Engagement von „Villa und Park damals“ und heute gibt, sollten die sozialen Visionen von Olga und Wera auch als Erbe für Villa und Park begriffen werden. Bei der zukünftigen Nutzung sowohl der Villa als auch des Parks sollten bzw.  müssen soziale Themen und Aspekte – im Sinne ihrer ersten beiden Besitzerinnen Olga und Wera – berücksichtigt werden.

Christiane Mayer arbeitet beim Frauenunternehmen ZORA gGmbH und ist dort unter anderem für das Gemeinwesen verantwortlich. Die ZORA gGmbH bietet Beschäfti­gung, Ausbildung, Qualifizierung und Beratung für Frauen in chancenbenachteiligten Lebensverhältnissen an und ist Trägerin einer Ganstageseinrichtung für Kinder zwischen null und sechs Jahren. Mit ihren Angeboten verfolgt das Unternehmen einen stadtteilorientierten Ansatz und engagiert sich  im Gemeinwesen des Stuttgarter Osten.


[1] http://www.landesarchiv-bw.de/web/53431. Abgerufen am 14.01.2014

[3] Geschichte trifft Zukunft – Occupy Villa Berg (Hrsg.): Ideen, Wünsche und Bilder 2013, S. 12f.

[4] http://www.landesarchiv-bw.de/web/41977. Abgerufen am 14.01.2014

[5] http://www.olga-stift.de/geschichte/. Abgerufen am 14.01.2014

[6] http://www.landesarchiv-bw.de/web/53431. Abgerufen am 14.01.2014

[7] http://www.weraheim.de/index.php?id=28. Abgerufen am 14.01.2014

[9] www.chancen-spiegel.de. Abgerufen am 19.01.2014

[11] Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Stand November 2011

[12] Ministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.): Aufruf zur Einreichung von Projektanträgen zur Teilzeitausbildung von alleinerziehenden Frauen ohne Bildungsabschluss. Stuttgart, 13.02.2012

[14] Böhm, Wenke: „Goldener Volltreffer“ für Stefanie Schuster. In: Stuttgarter Zeitung vom 23.01.2014, S. 23

Eine Frage an Rainer C. M. Wagner: Welche Bedeutung hatte die Villa Berg für das Haus des Dokumentarfilms?

Vom Zentrum der Welt zum Geisterhaus – Erlebnisse rund um die Villa Berg

(Rainer C. M. Wagner)

Zuerst ein Paar Fakten und Daten zum Verständnis. Das Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart e.V. ist ein eigenständiges Institut, das – einmalig in Europa – der Sammlung, Forschung und Förderung des Dokumentarfilms dient. Der Trägerverein besteht derzeit aus dreizehn Mitgliedern, meist öffentlich-rechtlichen Einrichtungen. Den Hauptanteil tragen der SWR und das Land Baden-Württemberg.

Das Haus des Dokumentarfilms wurde im Oktober 1991 sozusagen in die Villa Berg hineingeboren. Anlass war das „Europäische Film- und Fernsehjahr“.

Geburtshelfer waren zwei Fernsehdirektoren, der amtierende des Süddeutschen Rundfunks (SDR) Hans Heiner Boelte und der kurz vorher pensionierte des Südwestfunks (SWF) Dieter Ertel. Der hatte durch seine Arbeit 30 Jahre zuvor der Dokumentarabteilung des SDR-Fernsehens den Ehrentitel „Stuttgarter Schule“ erworben.

Darauf rekurrierend hatte die Landesregierung von Baden-Württemberg das Projekt „Haus des Dokumentarfilms“ in ihre Kunstkonzeption aufgenommen mit der Erklärung: “Standort soll Stuttgart sein…“.

Und in Stuttgart – da waren sich alle Beteiligten schnell einig – sollte es eben die Villa Berg sein, die damals dem SDR gehörte und mehr oder weniger frei war. Außerdem war die SDR-Immobilienverwaltung wohl angehalten, aus dem Gebäude einen Ertrag zu erzielen.

Ich selber war damals nicht so begeistert vom neuen Institut. Ich leitete die Redaktion für Geschichte und Zeitgeschichte im Programmbereich „Kultur und Gesellschaft“, der für dokumentarisches Fernsehen zuständig war, und argwöhnte, da sollte eine Handvoll Theoretiker uns Praktikern ins Handwerk reden. Außerdem hatten wir Redaktionen gern sporadisch einzelne Räume der Villa Berg, vor allem das Terrassenzimmer, für Besprechungen, Veranstaltungen und Vorführungen genutzt.

Gut drei Jahre später, Anfang 1995 wurde ich Geschäftsführer im Haus des Dokumentarfilms und sah die Sache naturgemäß anders. Das Institut sollte seine satzungsgemäße europäische Dimension erweitern, besonders nach Osten und die Arbeit des Fernsehens in der sich wandelnden Medienlandschaft optimieren. Dafür war die Villa Berg genau der atmosphärisch richtige Ort, ein zur Entstehungszeit innovatives Gebäude mit persönlichen Bezügen zur russischen Kultur.

Alle Kollegen aus dem SDR, aus anderen Sendern oder Medien-Betrieben, von Delegationen aus dem Ausland beneideten uns um das herrschaftliche Ambiente unseres Domizils.

Dabei ist mir erst bewusst geworden, dass ich mein ganzes Arbeitsleben im Park/Gelände der Villa Berg verbracht habe, privilegiert mit täglichem Weg durch Krokuswiesen und duftendes Gras unter exotischen Bäumen, deren Namen ich nicht kenne. Allerdings auch auf schlecht beleuchteten Parkpfaden, die nachts nicht sicher waren.

Die Wohnung habe ich dreimal gewechselt, den Arbeitgeber nie. Eine Biografie, die heutigen karrierebewussten Arbeitnehmern wohl exotisch erscheinen muss.

Erst war da – noch während meiner Ausbildung auf dem Killesberg 1964 – die Baustelle der in den Hang geschobenen Fernsehstudios und das große Loch für die SDR-Tiefgarage vor der Villa Berg. Das Hörfunkstudio in rotem Sandstein im Stil der Liederhalle stand schon da als Rückgebäude der Villa und Pendant gleichermaßen. Dann kam die große Zeit des SDR-Fernsehens in den späten 60er und den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Später, mit wachsenden Aufgaben (Drittes Fernsehprogramm etc.) stieg der Bedarf an Personal und Arbeitsräumen. Die Verstreuung der Büros hat mich zeitweilig in angemietete Häuser in der Werderstraße, der Neckarstraße, ins Funkstudio, schließlich in das ehemalige Lazarett im so genannten „Kulturpark Berg“ an der Teckstraße geführt. Aber immer blieb ich im Bannkreis der Villa Berg, bis ich schließlich 1995 im Zentrum des Kraftwirbels landete.

Die Villa Berg war, als sie noch mit Leben erfüllt war, kulturellem Leben, ein historischer Solitär im Ensemble der Rundfunkbauten im Park. Eine historische Dimension zu meinen Empfindungen liefert der vorzügliche Aufsatz von Katrin Barz und Markus Rötzer über die Gartenanlagen der Villa Berg. Ich sehe in der Bebauung des Parks in den Zeiten des SDR die durch die Funktion der einzelnen Bauten bestimmte organoide Streuung im Gelände mit der Villa Berg als bewusst belassener Krönung auf dem Gipfel des Hügels.

In der Praxis zeigt sich die Villa Berg dann doch als problematisch für die Verwendung als Büro bzw. Archiv mit Publikumsverkehr.

Das Haus des Dokumentarfilms hatte das erste Obergeschoss, ein Zwischengeschoss und das Dachgeschoss, dazu das Terrassenzimmer im Erdgeschoss gemietet. Der Großteil des Parterres mit den repräsentativen Foyers auf zwei Zugangsebenen, dem Großen Sendesaal samt den Tonregien und Nebenräumen blieb in der Verfügung des SDR-Hörfunks, speziell des Radio-Sinfonieorchesters. Dieser Große Sendesaal – beim Wiederaufbau der Neo-Renaissance-Villa als reizvoller Kontrast im nüchternen Stil der 50er Jahre mit viel Holz eingebaut und heute schon selber denkmalgeschützt – ist in meiner Radio-Jugend jener Wunderraum gewesen, darin der legendäre Hans Rosenthal „Allein gegen alle“ spielte, Erwin Lehn Big-Band-Evergreens aufzeichnete und das Radio-Sinfonieorchester Klassiker zelebrierte. In meiner Berufszeit diente der Saal für gut besuchte Feste mit Pelzmantel-Damen aus der Provinz, für Ehrungen von Medien-Preisträgern, für turbulente Personalversammlungen. Gegen Ende der SDR-Ära auch für Rock- und Pop-Konzerte, deren Begleiterscheinungen und Hinterlassenschaften uns im Haus des Dokumentarfilms die Arbeit nicht erleichterten.

In den drei hohen Räumen der Belle Etage saß die Geschäftsleitung des HDF mit Sekretariat und die Archivleitung. Der Studienleiter residierte im Terrassenzimmer, das gleichzeitig unser Veranstaltungsraum für Workshops und kleinere Tagungen war. In meiner Amtszeit zwischen 1995 und unserem Umzug in die Königstraße 2001 mögen ein Paar Dutzend Veranstaltungen dort stattgefunden haben. Die größeren – oft internationalen – Tagungen und Kongresse haben wir im SDR, im Treffpunkt Rotebühlplatz oder im Filmhaus veranstaltet, solange das noch existierte.

Einmal, im Jahr 1998,  war die Villa Berg sogar das Zentrum der Welt, der Fernsehwelt zumindest. Damals hat das Haus des Dokumentarfilms mit EU-Geldern den Medienkongress INPUT „The International Public Television Screening Conference“ mit 1000 Delegierten aus allen Kontinenten in der Liederhalle organisiert. Kommandozentrale war die Villa Berg.

Im Dachgeschoss, das im Sommer brütend heiß wurde und im Winter ordentlich auskühlte, saßen die Mitarbeiter/innen des Archivs. Dort haben wir unter anderen auch einen Film über „Stuttgart – die Großstadt zwischen Wald und Reben“ aus dem Jahr 1935 katalogisiert. Darin hat der berühmte Regisseur Walter Ruttmann (Berlin – Sinfonie einer Großstadt) auch die Freizeitmöglichkeiten unserer Landeshauptstadt vorgeführt. Und zwischen Freibädern und Wilhelma sehen wir ein Terrassencafe wo fröhliche Frauen in flotten Sommerkleidern und wohl gekleidete Herren zierlich ein Stück Torte essen. Und wo ist dies Cafe? Natürlich auf der Terrasse der Villa Berg mit Blick auf den noch gepflegten Westgarten.

Die großflächigen Fensterfronten nach Süden über den (leider ausgetrockneten) Wasserspielen auf dem Tiefgaragen-Dach und nach Westen auf eine abgestufte Rasenfläche, die früher einmal angelegt gewesen sein muss, ließen viel Sonne in unsere Räume (vielleicht sogar Erleuchtung in unsere Arbeit), aber auch viel Hitze.

So lässt sich die Frage nach den Bedürfnissen für jede zukünftige Nutzung vordergründig pragmatisch mit heutigen Selbstverständlichkeiten beantworten:

  • behindertengerechte Renovierung
  • Einbau von Aufzügen, weil die Treppen zum OG sehr hoch sind
  • Sanierung der Funktionsräume
  • Einbau einer wirksamen Klimaanlage
  • Kommunikationsleitungen, die heutigen Ansprüchen genügen
  • angemessener Parkraum.

Das alles ist schon in der Diskussion wie auch die dahinter stehende grundsätzliche Frage nach der möglichen Art der Nutzung.

Aus meinen Gedanken und Erinnerungen destilliere ich die Themenfelder Kultur und Unterhaltung. Für beides könnte die Villa Berg dienen. Das exklusive Divertissement des Adels fand ja im kultivierten Ambiente statt und das Volksvergnügen der demokratischen Gesellschaft hat als Pendant eine Palette alternativer Kulturen. Aber wo kriegt man das richtige Publikum her?

Seit dem Auszug des SWR-Fernsehens in den modernen Bau neben dem Funkhaus ist der Park der Villa Berg vollends verödet, wenn man von seiner – allerdings wichtigen – Funktion als Spielplatz und Spaziergangs-Hügel absieht.

Für die Bundesgartenschau im Stauferjahr 1977 hat man noch einmal die Grünachse von Stuttgart nach Bad Cannstatt wiederbelebt. Den Park der Villa Berg mit zwei Fußgängerbrücken nach Norden an den Rosensteinpark angebunden, Pavillons errichtet, eine Weinstube gebaut.

Dennoch hat sich Stuttgarts Gesellschaftsleben in den folgenden Jahrzehnten weiter auf die Innenstadt mit der Kulturmeile zurückgezogen. Selbst das Haus des Dokumentarfilms ist, diesem Sog folgend, aus der Villa Berg in die Königstraße 1A übersiedelt, um in Bahnhofsnähe und nicht allzu weit von Filmhaus und Literaturhaus für die Benutzer, meist Studierende, leichter erreichbar zu sein, auch in der Hoffnung, Gelegenheitsbesucher anzuziehen. Um die Jahrtausendwende hatte uns der SWR nach der Fusion nahe gelegt, die Villa zu räumen, weil der Sender den Repräsentativbau für andere Zwecke nutzen wollte. Eine Zeit lang war noch das Büro der Schwetzinger Festspiele in den Fronträumen und dann begann die Villa zum Geisterhaus zu verkommen, wie alle unbewohnten Bauten. Die Zeit hat eine ebenso große Zerstörungskraft wie ein Krieg.

Wie dem zentripetalen Verhalten der Stuttgarter und ihrer Gäste zu begegnen sei, weiß ich auch nicht. Aber es gibt Beispiele einer Gegenbewegung hin zu attraktiven Spezialitäten in den Stadtteilen, wie etwa das Restaurant „Da Capo“ im Kulturpark Berg.

Der Neoliberalismus repetiert gebetsmühlenartig den alten Satz „Der Markt reguliert alles“. Wollen wir es den Kräften des Marktes überlassen, was mit der Villa Berg in Zukunft geschieht? Ein Rettungskonzept ist des Schweißes der Edlen wert.

Der Journalist Rainer C.M. Wagner (Jahrgang 1940) war von 1995 bis 2002 Geschäftsführer des Haus des Dokumentarfilms. Zuvor studierte er Germanistik und Anglistik. Herr Wagner arbeitete seit 1967 als Fernsehjournalist, war seit 1971 Redakteur im SDR-Fernsehen und dort später Abteilungsleiter für Geschichte und Zeitgeschichte. Er verantwortete zahlreiche Einzelsendungen und Serien, u.a. „Europa unterm Hakenkreuz“ (13 Folgen, SDR 1982/83). Von 1992 bis 2007 unterrichtete er im Rahmen eines Lehrauftrags Dokumentarfilm-Gestaltung an der Fachhochschule Würzburg.

Eine Frage an Frau Dr. Höper: Was erzählt das Olga-Album über das Leben in der Villa Berg?

»Der feenhafte Wohnsitz« (Corinna Höper)

Die Villa Berg in den Alben von Olga Nikolajewna und Eveline von Massenbach

»Und der feenhafte Wohnsitz in dem sie [Olga] lebt mit einem Horizont von Hügeln, der ihn umgibt, gleicht einem Mittelpunkt des Friedens, des Lichtes und des Wohlbefindens, die von ihr auszuströmen scheinen.« – Mit diesen Worten beschrieb der russische Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803–1873) bei seinem Besuch 1859 die Villa Berg, einen der schönsten Bauten Stuttgarts, einst errichtet für Olga Nikolajewna (1822–1892), Großfürstin von Russland, und Kronprinz Karl von Württemberg (1823–1891). Sie verlobten sich im Januar 1846 in Palermo, die Hochzeit fand am 13. Juli im damaligen St. Petersburg statt und am 23. September zog das Kronprinzenpaar feierlich in Stuttgart ein. Bei ihrer Ankunft waren bereits zwei Gebäude im Bau, in denen die Jungvermählten wohnen sollten: Wilhelm I. (1781–1864) hatte Ludwig Friedrich Gaab (1800–1869) 1844 beauftragt, am vornehmen Schlossplatz das Kronprinzenpalais zu errichten. Kronprinz Karl selbst, inspiriert von einer Reise nach Italien, hatte indessen begonnen, 1845 durch Christian Friedrich Leins (1814–1892) vor den Toren der Stadt oberhalb des Weilers Berg einen Landsitz bauen zu lassen. Doch gingen bis zur Fertigstellung noch einige Jahre ins Land, daher bezog das Paar zunächst eine Interimswohnung im Neuen Schloss in Stuttgart. Johann Michael von Knapp (1791–1861) richtete im östlichen Teil des Stadtflügels zur Planie die Wohnungen ein, im Erdgeschoss für Karl, im ersten Obergeschoss für Olga. Ab dem 2. Dezember 1854 residierten sie im Kronprinzenpalais. Nach dem Tod König Wilhelms I. am 25. Juni 1864 kehrte das neue Königspaar Karl und Olga zurück ins Neue Schloss, zunächst in die Räume, die es bereits 1846 bewohnt hatte. Hofbaumeister Joseph von Egle (1818–1899) richtete die Wohn- und Empfangsräume der Majestäten ein, die schließlich am 17. Dezember 1865 bezogen werden konnten.

Abb. 1 Pieter Francis Peters (1818–1903) »Esquisse de l‘ Orangerie et du raisin de la Villa de S. S. A. A. I. & R.«, 1848 Orangerie und Weinberg der Villa Berg »Massenbach-Album«, Blatt 8; Landesmuseum Württemberg

Abb. 1
Pieter Francis Peters (1818–1903)
»Esquisse de l‘ Orangerie et du raisin de la Villa de S. S. A. A. I. & R.«, 1848
Orangerie und Weinberg der Villa Berg
»Massenbach-Album«, Blatt 8; Landesmuseum Württemberg

Zwar existieren einige wenige zeitgenössische Beschreibungen von diesen Räumlichkeiten – etwa von Karl Büchele in seinem Führer »Stuttgart und seine Umgebungen für Einheimische und Fremde« von 1858 –, doch sind die Räume selbst sowie der größte Teil der Ausstattung heute verloren. Bildliche Überlieferungen hingegen finden sich im sogenannten »Olga-Album«, das aus dem Besitz der ehemaligen Königlichen Familie von Württemberg stammt, 1958 von den »Freunden der Staatsgalerie Stuttgart« erworben wurde und als deren Leihgabe in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart aufbewahrt wird. Insgesamt 86 Aquarelle und Gouachen mit Innenansichten von Wohn- und Repräsentationsräumen hat Olga im Lauf ihres Lebens gesammelt und so die verschiedenen Orte dokumentiert, an denen sie mit ihrem Mann und ihrer Adoptivtochter Wera (1854–1912) in Stuttgart wie anderswo lebte. Die zeitliche Spannweite reicht von einem Hotelzimmer in Florenz 1846, in dem Olga auf der Rückreise nach der Verlobung Station machte, bis hin zum Sterbezimmer von Karl (6. Oktober 1891) im Neuen Schloss. Die meisten der Blätter sind von den beteiligten Künstlern signiert und datiert, alle sind auf Untersatzkartons aufgezogen, auf denen Olga selbst viele Benennungen der Räumlichkeiten überwiegend in Französisch, der Hofsprache, niedergeschrieben hat. Anlässlich der Ausstellung »Im Glanz der Zaren. Die Romanows, Württemberg und Europa«, 2013/14, konnte das Landesmuseum Württemberg ein weiteres Album erwerben und erstmalig ausstellen, in dem die seit 1851 in Diensten Olgas stehende Hofdame Eveline von Massenbach (1830–1904) 45 Darstellungen, etliche von ihr selbst gezeichnet, gesammelt hat, darunter auch zehn der Villa Berg, die zum Teil Kopien nach Blättern des »Olga-Albums« sind.

Abb. 2 Pieter Francis Peters (1818–1903) »Terrasse à la Villa de S. S. A. A. I. e R. «, 1855 Terrasse der Villa Berg »Massenbach-Album«, Blatt 15; Landesmuseum Württemberg

Abb. 2
Pieter Francis Peters (1818–1903)
»Terrasse à la Villa de S. S. A. A. I. e R. «, 1855
Terrasse der Villa Berg
»Massenbach-Album«, Blatt 15; Landesmuseum Württemberg

Außerdem finden sich dort zwei atmosphärische Blicke in die landschaftliche Umgebung der Villa Berg (Abb. 1–2), jeweils gezeichnet von dem aus dem niederländischen Nijmegen stammenden Maler Pieter Francis Peters (1818–1903), der seit 1845 in Stuttgart lebte und einer der Lieblingskünstler Olgas war – in ihrem Tagebuch nennt Eveline ihn liebevoll »unsern alten Maler Peters«. Letzteres, das sie von 1851 bis 1866 führte, vermittelt neben Olgas eigenen Aufzeichnungen, niedergeschrieben unter dem Titel »Traum der Jugend goldner Stern«, aufschlussreiche Eindrücke der damaligen Zeit.

Abb. 3 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Cabinet d S. A. R. Prince Royal Charles de Württemberg à l' Orangerie Berg«, um 1850 Kabinett von Karl in der Orangerie Berg »Olga-Album«, Blatt 46; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 3
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Cabinet d S. A. R. Prince Royal Charles de Württemberg à l‘ Orangerie Berg«, um 1850
Kabinett von Karl in der Orangerie Berg
»Olga-Album«, Blatt 46; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 4 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Cabinet de S. A. I. Mme. La Princesse Royale Olga de Württemberg, à l' Orangerie Berg«, um 1850 Kabinett von Olga in der Orangerie Berg »Olga-Album«, Blatt 48; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 4
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Cabinet de S. A. I. Mme. La Princesse Royale Olga de Württemberg, à l‘ Orangerie Berg«, um 1850
Kabinett von Olga in der Orangerie Berg
»Olga-Album«, Blatt 48; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Rund fünfundzwanzig der Darstellungen im »Olga-Album« zeigen die Villa Berg, errichtet 1845 bis 1853 als erster Neorenaissancebau in Stuttgart nach Plänen des Architekten Christian Friedrich Leins (1814–1892) und mit Pavillons, Terrassen und Pergolen versehen. Die Anlage des Parks erfolgte durch Hofgärtner Friedrich Neuner (1817–1883) nach Ideen von Friedrich Wilhelm Hackländer (1816–1877). 1848 bereits war die Orangerie, einer der ersten Glas-Eisen-Bauten in Deutschland, fertig, die von Karl und Olga zwischenzeitlich als Sommersitz genutzt wurde. Olga selbst berichtete in Briefen an ihre Brüder vom Fortgang der Bauarbeiten, so an Großfürst Michael (1832–1909) noch aus Palermo am 22. Februar 1846: »Ich hoffe, dass Papa es Euch erlauben wird zu mir nach Stuttgart zu reisen. Wir werden da eine Villa besitzen, die Karl ›Villa Olga‹ genannt hat, und dort werdet Ihr bei mir wohnen«; an Großfürst Konstantin (1827–1892), Stuttgart, 13. Mai 1847: »Wir haben hier wunderschönes Wetter, es ist ein Sommer ohne Herbst: Alles blüht und duftet! Mit unserer Villa geht es nur sehr langsam voran, aber die Orangerie wird in einem Monat fertig gebaut sein; die Wege werden wie auf Elagin mit rotem Sand gestreut.« Johann Caspar Obach (1807–1865), der seit 1825 an der Stuttgarter Lithographischen Anstalt lehrte, dokumentierte um 1850 die Kabinette von Kronprinz und -prinzessin (Abb. 3–4) sowie den Speisesaal (Abb. 5) in der Orangerie.

Abb. 5 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Salle à manger de S. A. R. Prince Royal Charles de Württemberg, et de S. A. I. Mme. La Princesse Royale Olga de Württemberg à l' Orangerie Berg«, um 1850 Speisesaal von Karl und Olga in der Orangerie Berg »Olga-Album«, Blatt 47; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 5
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Salle à manger de S. A. R. Prince Royal Charles de Württemberg, et de S. A. I. Mme. La Princesse Royale Olga de Württemberg à l‘ Orangerie Berg«, um 1850
Speisesaal von Karl und Olga in der Orangerie Berg
»Olga-Album«, Blatt 47; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

»Dem Rosenstein gegenüber erhebt sich eine der schönsten und reizendsten Schöpfungen der Neuzeit, die Villa Sr. K. Hoh. des Kronprinzen Carl, im edelsten Renaissancestyl von Leins (1846 begonnen, den 29. Oct. 1853 eingeweiht) erbaut«, berichtete Karl Büchele 1858. Schon zuvor beschrieb Friedrich Müller, der von 1856 bis 1858 Kustos des Königlichen Kupferstichkabinetts Stuttgart war, bereits 1851 die noch im Bau befindlichen Räumlichkeiten: »Die Wohnung des Kronprinzen liegt gegen Süden und besteht, außer einem Vorsaal, der sein Licht von oben erhält […] in einer Reihe von fünf in einander gehenden großen Zimmern, während die Gemächer der Kronprinzessin gegen Osten und Norden liegen und hier zwei Enfiladen von sieben Zimmern, Garderobe, Durchgangscabinette etc. nicht mitgerechnet, bilden. Die Ausstattung dieser Wohnräume ist durchaus einfach gehalten. Die Böden sind von Eichenholz, die Thüren und Täfelungen lackirt.«

Anlässlich des Besuchs von Olgas Mutter, Zarin Alexandra (1798–1860), im Oktober 1956 vermeldete das »Kunstblatt«: »Als die Kaiserin von Rußland kaum auf diesem reizenden Landsitz ihrer erlauchten Tochter, unserer Frau Kronprinzessin angelangt war, telegraphierte sie in der Freude über den herrlichen Bau und dessen schöne Situation sofort an den Kaiser nach Petersburg: ›Olga wohnt himmlisch!‹ – Auch S. M. der König von Preußen, der den Erbauer zu sich entbieten ließ und die ganze Einrichtung in dessen Begleitung in Augenschein nahm, sprach sich wiederholt in den gnädigsten Ausdrücken der Anerkennung und des ehrenvollsten Lobes aus.«

Abb. 6 Adolf Charlemagne (1826–1901) »Laubgang auf der grossen Villa Berg«, 1857 »Olga-Album«, Blatt 53; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 6
Adolf Charlemagne (1826–1901)
»Laubgang auf der grossen Villa Berg«, 1857
»Olga-Album«, Blatt 53; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Besonders für ihre Laubengänge war die Villa berühmt, bei denen nach der Beschreibung Friedrich Müllers »am Mittelbau eine die ganze Terrassenbreite einnehmende, von vier jonischen Säulen getragene Pergola (Laube) vorspringt. Reich geschmückte Tragbalken laufen über die Säulen weg, und ein niedliches Gitterwerk füllt die Zwischenräume des Laubdachs aus, das durch amerikanische Reben, die sich um die Säulen schlingen gebildet wird.« Gezeichnet wurden sie von Adolf Charlemagne (Adolf Jossifowitsch) (1826–1901), der im damaligen St. Petersburg lebte und Stuttgart 1857 besuchte (Abb. 6). Im selben Jahr fand in der Villa Berg vom 25. bis 28. September auf Anregung des russischen Außenministers Alexander Michailowitsch Gortschakow (1798–1883), einem Vertrauten Olgas, das Treffen zwischen Napoleon III. und dem russischen Zar Alexander II. (1818–1881) statt, die sogenannte »Entrevue de Stuttgart«.

Abb. 7 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Bibliothèque à la grande Villa Berg«, 1855 Bibliothek in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 56; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 7
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Bibliothèque à la grande Villa Berg«, 1855
Bibliothek in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 56; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 8 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Vestibule à la grande Villa, Berg«, 1855  Vestibül in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 55; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 8
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Vestibule à la grande Villa, Berg«, 1855
Vestibül in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 55; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 9 Pieter Francis Peters (1818–1903) »Escalier à la grande Villa Berg«, 1855 Treppe in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 54; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 9
Pieter Francis Peters (1818–1903)
»Escalier à la grande Villa Berg«, 1855
Treppe in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 54; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 10 Franz Heinrich (1802–1890) »Salle de bal à la grande Villa Berg«, 1855 Ballsaal in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 58; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 10
Franz Heinrich (1802–1890)
»Salle de bal à la grande Villa Berg«, 1855
Ballsaal in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 58; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Schon zwei Jahre zuvor hatten mehrere Künstler des »Olga-Albums« im Jahr 1855 verschiedene Innenräume der Villa Berg in ihren Aquarellen und Gouachen dokumentiert. Die Bibliothek, nach Friedrich Müller »ein im altenglischen Geschmack angeordnetes Gemach […] mit den vielen herabhängenden Zapfen versehen, die in den Sälen der alten englischen Landsitze für diese Stylart so charakteristisch sind« (Abb. 7), sowie das »luftige, geräumige und hohe Vestibule« zeichnete Johann Caspar Obach (Abb. 8), das »weite, geräumige Treppenhaus« mit seinem »wahrhaft poetischen Eindruck« der hochmodernen Glas-Eisen-Konstruktion Pieter Francis Peters (Abb. 9). Prunkstück der Villa war der zweigeschossige Ballsaal, dessen Darstellung von Franz Heinrich (1802–1890) stammt, der in Wien lebend Stuttgart immer wieder besuchte (Abb. 10). Friedrich Müller sah den Saal noch im Entstehen und berichtete: »Die reiche Täfelung im großen Deckenmittelfeld, sowie in den Plafonds der zwei Bogen, erhöht durch bunte Färbung und vielfach vergoldetes Ornament, der Glanz der Stuckbekleidung der Wände und die zahlreichen kleineren Arrangements an Thüren, Kaminspiegeln usw., in denen der Renaissancestyl seinen Geschmack und seinen Reichthum an Erfindung voll entfalten kann, werden diesen Saal zum prachtvollsten im Haus machen.«

Abb. 11 Johann Caspar Obach (1807–1865) »Corridor menant aux appartements de SS. MM. Le Roi Charles et La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa Berg«, 1855 Korridor zu den Gemächern von Karl und Olga in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 62; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 11
Johann Caspar Obach (1807–1865)
»Corridor menant aux appartements de SS. MM. Le Roi Charles et La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa Berg«, 1855
Korridor zu den Gemächern von Karl und Olga in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 62; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 12 Franz Heinrich (1802–1890) »Salle à manger à la grande Villa Berg«, 1855 Speisesaal in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 59; Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie Stuttgart

Abb. 12
Franz Heinrich (1802–1890)
»Salle à manger à la grande Villa Berg«, 1855
Speisesaal in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 59; Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie Stuttgart

Den oberen Korridor, der zu Gemächern von Karl und Olga führte, bildete wiederum Johann Caspar Obach ab (Abb. 11), die Beschreibung von Friedrich Müller lautet: »An das Austrittsvestibüle, das von einer Kuppel mit Oberlicht bedeckt ist und durch eine schön eingerahmte Durchsichtsöffnung den Ueberblick über den Tanzsaal von oben herab erlaubt, reihen sich rechts und links den Gängen entsprechend reich cassettierte Tonnengewölbe und weiter an den beiden Enden achteckige überwölbte Vorplätze, von denen der zur Linken zu den Gemächern des Kronprinzen, der andere rechts zu denen der Kronprinzessin führt. Diese achteckigen Vorplätze gehören zu dem Zierlichsten, was die Villa darbietet.« Prachtvoll war auch der komplett mit persischen Teppichen ausgelegte sowie mit Vasen aus Malachit und vergoldetem Porzellan geschmückte Speisesaal, der in einer Darstellung von Franz Heinrich überliefert ist (Abb. 12).

Abb. 13 Albert Kappis (1836–1914) »Cabinet de S. M. La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa Berg«, 1858 Kabinett von Olga in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 64; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 13
Albert Kappis (1836–1914)
»Cabinet de S. M. La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa Berg«, 1858
Kabinett von Olga in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 64; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 14 Pieter Francis Peters (1818–1903) »Chambre à coucher de SS. MM. Le Roi Charles et La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa«, 1855 Schlafzimmer von Karl und Olga in der großen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 65; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 14
Pieter Francis Peters (1818–1903)
»Chambre à coucher de SS. MM. Le Roi Charles et La Reine Olga de Württemberg à la grande Villa«, 1855
Schlafzimmer von Karl und Olga in der großen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 65; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Im ganzen Gebäude waren große Fenster vorhanden, wie sie in der Gouache von Albert Kappis (1836–1914), Absolvent der Stuttgarter Königlichen Kunstschule und später ab 1880 dort Professor für Landschaftsmalerei, im Kabinett Olgas zu sehen sind (Abb. 13): »An den Fenstern und Altanthüren besteht jeder Flügel aus einem Stück Glas, so daß in der Regel mit dem obern Querstück drei Gläser je ein Fenster ausfüllen, wir mehrmals aber auch die ganze Fensteröffnung durch ein einziges Glas geschlossen finden. Die solide Pracht, die in diesen großen Gläsern liegt, ist gerade hier doppelt wohlberechnet, weil dadurch die Aussicht aus jedem Fenster ein für sich abgeschlossenes, nicht durch Sprossenwerk unterbrochenes und durchkreuztes, reizendes Gemälde bildet. Es sollen diese kostbaren Scheiben ein Geschenk des Czars sein.« Die großen Fenster finden sich gleichermaßen im Schlafzimmer der Majestäten in der Darstellung von Pieter Francis Peters wieder (Abb. 14).

Abb. 15 Carl von Kurtz (1817–1887) »Chambre à coucher de Véra à la petite Villa«, 1880 Schlafzimmer von Wera in der kleinen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 67; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 15
Carl von Kurtz (1817–1887)
»Chambre à coucher de Véra à la petite Villa«, 1880
Schlafzimmer von Wera in der kleinen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 67; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 16 Robert Stieler (1847–1908) »Salle à manger de Véra à la petite Villa«, 1887 Speisezimmer von Wera in der kleinen Villa Berg »Olga-Album«, Blatt 69; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 16
Robert Stieler (1847–1908)
»Salle à manger de Véra à la petite Villa«, 1887
Speisezimmer von Wera in der kleinen Villa Berg
»Olga-Album«, Blatt 69; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Olgas und Karls Adoptivtochter Wera (1854–1912) heiratete am 8. Mai 1874 Wilhelm Eugen IV. (1846–1877), und das Paar bezog Räumlichkeiten in der Akademie (der ehemaligen Hohen Carlsschule). Wilhelm Eugen war im 2. Westfälischen Husarenregiment Nr. 11 in Düsseldorf stationiert und starb dort am 25. Januar 1877. Mit ihren Töchtern, den Zwillingsschwestern Elsa (1876–1936) und Olga (1876–1932), bezog Wera 1880 ein von Joseph von Egle bei der Orangerie erbautes Nebengebäude, die sogenannte »Kleine Villa Berg«: Carl von Kurtz (1817–1887), bereits ab 1848 Professor für Freihandzeichnen am Polytechnikum in Stuttgart, Adolph Treidler (1846–1905), ebenfalls dort ab 1888 Lehrer, sowie Robert Stieler (1847–1908), Kunstprofessor an der Technischen Hochschule Stuttgart, schufen Ansichten der Innenräume, wie das Schlaf- und Speisezimmer Weras (Abb. 15–16) und das Rauchzimmer »mit den Möbeln des Herzogs Eugen, aus seiner früheren Wohnung der Akademie Stuttgart« (Abb. 17).

Abb. 17 Adolph Treidler (1846–1905) »Rauch-Zimmer, im neuen Anbau der kleinen Villa, mit den Möbeln des Herzogs Eugen, aus seiner früheren Wohnung der Akademie Stuttgart«, 1885 »Olga-Album«, Blatt 70; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Abb. 17
Adolph Treidler (1846–1905)
»Rauch-Zimmer, im neuen Anbau der kleinen Villa, mit den Möbeln des Herzogs Eugen, aus seiner früheren Wohnung der Akademie Stuttgart«, 1885
»Olga-Album«, Blatt 70; Staatsgalerie Stuttgart (Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Friedrich Müller beendete 1851 seinen Aufsatz »Schildereien aus der Heimat. Die Villa Sr. K. Hoh. des Kronprinzen von Württemberg bei Stuttgart« wie folgt: »Entzückt von den vielen Eindrücken des Schönen, die in uns erweckt wurden, und die wir dankend mit fortnehmen, scheiden wir von dem prachtvollen Bau, nicht ohne uns zu erlauben, dem Baumeister und den dabei betheiligten Künstlern den Zoll bewundernder Anerkennung öffentlich zu entrichten. […] Hier lassen wir alle die großen und reizenden, mannigfaltigen und bunten Bilder, die heute an unseren Augen vorübergingen, noch einmal durch unsere so vielseitig poetisch angeregte Seele ziehen und scheiden endlich von dem mit so vielen Schätzen der Natur und Kunst in reichem Maße ausgestatteten Sommer-Aufenthalte unseres hohen kronprinzlichen Paares mit dem lebhaften Wunsche: es möchte Jedem unserer geneigten Leser der hohe Genuß eines Besuches auf dieser herrlichen Villa zu Theil werden!«

Theodor Griesinger befand 1866: »Sie erinnert nicht an den Orient [wie die Wilhelma], sondern an Rom oder Genua, und dürfte sowohl in Beziehung auf adeliches Aussehen dagegen, als auch in der Reinheit der Formen und der soliden Pracht der Ausführung, nicht wohl von irgendeinem oberitalischen Palaste des fünfzehnten Jahrhunderts übertroffen werden. Eben deßwegen steht auch jeder fremde Künstler und Kunstsachverständige bewundernd vor derselben still.«

Und Dr. Rudolf Thietz (1885–1966), Erzieher der beiden Enkelsöhne Weras, beschrieb die Villa Berg noch 1911 in einem Brief an seine Eltern vom 10. Juni als »[…] ganz würdevolles Schmuckkästchen von wahrhaft kaiserlicher Pracht, reich an guten Gemälden und riesig kostbaren Vasen und Skulpturen. Dazu gehört ein herrlicher, sehr großer Park, der bis an den Neckar reicht.«

Ausführliche Beschreibungen zu weiteren Darstellungen der Villa Berg und allen anderen Blättern des »Olga-Albums« finden sich auf der Homepage der Staatsgalerie Stuttgart im Online-Katalog unter dem Stichwort »Olga-Album«.

Frau Dr. Corinna Höper ist Konservatorin für Zeichnungen und Druckgraphik in der Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung. Sie betreut dabei insbesondere Italien und Frankreich vor 1800 sowie die Kunst von 1900 bis 1980. Wir danken der Staatsgalerie Stuttgart sehr für die Möglichkeit der Nutzung der Blätter des Olga-Albums, insbesondere danken wir Frau Dr. Höper für ihr Engagement.

Literatur (Auswahl)

  • Friedrich Müller, »Schildereien aus der Heimat. Die Villa Sr. K. Hoh. des Kronprinzen von Württemberg bei Stuttgart«, in: Neue Illustrirte Zeitschrift für Hannover, 7. Band, 1851, Nr. 36, S. 281–284, 290–291; Nr. 41, S. 321–323
  • Karl Büchele, Stuttgart und seine Umgebungen für Einheimische und Fremde, Stuttgart 1858, S. 302–309
  • Theodor Griesinger, Württemberg nach seiner Vergangenheit und Gegenwart in Land und Leuten. Seiner Majestät dem regierenden König Karl dem Ersten von Württemberg in tiefster Ehrfurcht gewidmet vom Verfasser, Stuttgart 1866
  • Max Bach, Stuttgarter Kunst 1794–1860. Nach gleichzeitigen Berichten, Briefen und Erinnerungen, Stuttgart 1900, S. 308–309 (Kunstblatt 1856), S. 312–320 (Villa Berg)
  • Traum der Jugend goldner Stern. Aus den Aufzeichnungen der Königin Olga von Württemberg, aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Sophie Dorothee Gräfin Podewils, Pfullingen 1955
  • Carl Wolfgang Schümann, »›Olga wohnt himmlisch‹. Studien zur Villa Berg in Stuttgart«, in: Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 10, 1973, S. 49–87
  • Robert Uhland (Hrsg.), Das Tagebuch der Baronin Eveline von Massenbach, Stuttgart 1987
  • Paul Sauer, Regent mit mildem Zepter. König Karl von Württemberg, Stuttgart 1999
  • Das Königreich Württemberg 1806–1918. Monarchie und Moderne, Ausst.-Kat. Landesmuseum Württemberg [22.9.2006–4.2.2007], Ostfildern 2006
  • Rudolf Thietz, Ein Preuße kommt nach Württemberg. Die Lebenserinnerungen des letzten Prinzenerziehers im Königreich Württemberg, bearbeitet von Tilman Krause, Stuttgart 2006
  • Ulrich Gohl (Hrsg.), Die Villa Berg und ihr Park. Geschichte und Bilder, Stuttgart o.J. [2007]
  • Paul Sauer, Wenn Liebe meinem Herzen fehlt, fehlt mir die ganze Welt. Herzogin Wera von Württemberg, Großfürstin von Russland 1854–1912, Filderstadt 20072
  • Olga – russische Großfürstin und württembergische Königin. Ein Leben zwischen höfischer Repräsentation, Politik und Wohltätigkeit, hrsg. vom Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg, Stuttgart 2008
  • Das »Olga-Album«, Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart [20.6.–25.10.2009], Ostfildern 2009
  • Im Glanz der Zaren. Die Romanows, Württemberg und Europa, Ausst.-Kat. Landesmuseum Württemberg, Stuttgart [5.10.2013–23.3.2014], Ulm 2013 (S. 95–97: »›Souvenir‹ – Ein Erinnerungsalbum der Baronin Eveline von Massenbach«)

Eine Frage an Katrin Barz und Markus Rötzer: Sie haben sich in Ihrer Diplomarbeit mit den Grundlagen zur Rekonstruktion des westlichen Gartens der Villa Berg beschäftigt, was waren Ihre Erkenntnisse?

Die Villa Berg – Der westliche Garten – Grundlagen zur Rekonstruktion

Der westliche Parterregarten der Villa Berg – ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf?

Es war einmal… so beginnen eigentlich nur Märchen. Doch auch nach einem Jahrzehnt geben wir die romantische Hoffnung nicht auf, dass der westliche Garten der Villa Berg wieder im Glanz seiner Ruhmeszeiten erstrahlen wird und kann. Wir, dass sind Katrin Barz und Markus Rötzer, Absolventen der Hochschule Nürtingen. Durch unsere Leidenschaft zu alten Gärten und der Gartendenkmalpflege (daran ist unser ehemaliger Professor Karl Ludwig schuld) setzten wir uns 2001 an unsere Diplomarbeit und machten es uns zur Aufgabe, die „Grundlagen zur Rekonstruktion des westlichen Gartens der Villa Berg“ ans Tageslicht zu bringen.

Markus und ich waren uns von Anfang an einig, dass es ein krönender Abschluss unserer Arbeit sei, darzulegen, dass der westliche Parterregarten mit seinen wunderschönen Einbauten und Achsen nach dem Vorbild des Landschaftsarchitekten Neuners und den geltenden Regeln der Gartendenkmalpflege rekonstruierbar d.h. 100% wiederherstellbar ist.

Parterregarten

Abbildung 1: Parterregarten 1897

Doch warum entfachte gerade dieser Garten unsere Leidenschaft? Aufmerksam wurden wir auf dieses Fleckchen Erde während einer Führung durch die ehemalige und zum Teil noch bestehende Grünachse von Stuttgart. Diese erstreckte sich um 1840 vom Schlossplatz über den  Rosensteingarten und dem Höllschen Bühl zum Örtchen Berg, damals noch nicht zu Stuttgart gehörend. Wir konnten es nicht fassen, dass nicht nur durch Kriege sondern auch durch bauliche Fehlentscheide (wie in vielen Städten), die Grünachse von ihrem ursprünglichen Ausmaß immens an Charme und Fläche verloren hatte und leider immer noch hat.

Grün in der Stadt ist wichtig, sei es zur Kurz- oder Langzeiterholung der Einwohner oder zur Verbesserung des Stadtklimas. Um ein besseres Verständnis zu den Hintergründen und Ereignissen rund um die Villa Berg zu erlangen, verbrachten wir etliche Stunden vertieft in alte Bücher oder durchforsteten Keller nach Plänen und Bildern. Wir hielten am Ende eine umfangreiche Sammlung an Informationen in der Hand und beschlossen, nicht nur auf den Parterregarten in unserer Arbeit einzugehen, sondern auch ansatzweise auf das „drumherum“.

Somit betrachteten wir anfänglich die Gemeinde Berg, ihre und Stuttgarts historische Entwicklung und die Lage in 2001. Nachdem wir uns über die Wichtigkeit der topografischen Lage der Villa klar wurden, widmeten wir uns den fünf Hauptakteuren, die der Villa und ihrem umgebenden Landschaftsgarten ihr Flair gaben:

  1. König Karl (vollständiger Name: Karl Friedrich Alexander) = Auftraggeber
  2. Großfürstin Olga Nikolajewna = Gemahlin König Karls
  3. Friedrich Wilhelm Hackländer = Sekretär und Reisebegleiter von König Karl
  4. Christian Friedrich Leins = Architekt der Villa Berg
  5. Friedrich Neuner = Landschaftsarchitekt/Gartenkünstler

Um die Konzeption der Villa Berg zu verstehen war es unabdingbar, zumindest einen kurzen Abriss der Geschichte und Begrifflichkeit der Villenkultur aufzuzeigen. Dafür wagten wir einen Rückblick von 200 Jahren. Wir stellten fest, dass einerseits die Italienreise des Kronprinzen Karls in Begleitung seines Sekretärs Hackländer und anderseits der Besuch der Weltausstellung in London 1862 und dem Besuch der Villa Goodwin Einfluss auf die Entstehung der Villa Berg und ihrem Garten hatten.

Villa Goodwin

Abbildung 2: Villa Goodwin, England

Von den Geometrien der westlichen Gartenpartien, der Lage, den Blickbeziehungen und des Bauwerks verkörpert die Villa Berg alle Merkmale der Villenarchitektur in 200 Jahren und diente als Vorbild für weitere Villen in Stuttgart.

Die Topographie, das Bauprogramm, die Fassade und das Gebäude an sich erhielten auch ein paar Seiten in unserer Arbeit. Danach gingen wir zu unserem Kernthema über: Dem westlichen Parterregarten. Auch hier legten wir Wert darauf, eine Zusammenfassung des kompletten 16ha großen Gartens abzuliefern. Neben dem westlichen Garten im Renaissancestil bestand der Garten weiter aus:

  1. Orangerie mit angrenzenden Glashäusern
  2. Gemüsegarten mit seltenen Topfpflanzen in den Gewächshäusern
  3. Seen mit Springbrunnen, angelegter Rain mit Kaskaden
  4. Verstreut über den Garten: strohbedeckte Kioske
  5. Irrgarten
  6. Vierreihige Platanenallee
  7. Englischer Landschaftspark
  8. Südlicher Garten im französischen Stil, an der Villa Auffahrtsrampe und Terrassen, Stufen zum Südgarten
  9. Westlicher Garten im Renaissancestil, mit Halbmondsee und Pergola
  10. Rosengarten
  11. Leins Weg
  12. Weinberge, Anleihe an den Ursprungszustand des Höllschen Bühls
Lageplan

Abbildung 3: Lageplan der Villa Berg und Garten

Wie im Lageplan erkennbar, war der westliche und südliche Gartenteil symmetrisch und geordnet angelegt. Ihm gegenüber steht der englische Landschaftspark mit seinen Brezelwegen.

Ein französisch-italienischer Garten oder doch eher englisch? Dies war die nächste Frage die wir uns stellten. Wir sahen uns beide Gartenstile an, analysierten diese und kamen zum Entschluss, dass der Garten der Villa Berg trotz der deutlichen Verwendung von Achsen und weiteren Elementen der italienischen Renaissance, eher einem „Pleasure Ground“ nahe steht. Dies wird auch durch das verwendete Pflanzensortiment untermauert. Eine komplette Auflistung der Pflanzen befindet sich in der Diplomarbeit.

Nach all den erlangten Erkenntnissen zur Kulturhistorie und den baulichen Tatsachen, fühlten wir uns „wissend“ genug die Komplettbetrachtung des Gartens abzuschließen. Es ging an den Parterregarten! Hier gliederten wir unsere Arbeit wie folgt:

  1. Der Parterregarten bis 1890
  2. Der Parterregarten im 20. Jahrhundert
  3. Bestandsaufnahme
  4. Die heutige Nutzung

In Kapitel 1 gingen wir auf die Unterschiede des geplanten und tatsächlich ausgeführten Garten, auf die Achsen und Richtungen, die Höhensprünge des Geländes, die Pflanzen und den angelegten Beet Formen, den baulichen Elementen sowie den Statuen und Brunnen, dem Wegesystem und den Rasenflächen.

Das Kapitel 2 beschreibt den Wandel der Villa Berg und des Gartens im 20. Jahrhundert. Unter anderem der Verkauf des Areals am 20.09.1914 an die Stadt Stuttgart, die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg und den Verkauf an den Süddeutschen Rundfunk. All das hat seine Spuren an der Villa hinterlassen.

Wie der Titel „Bestandsaufnahme“ schon verrät, haben wir uns für dieses Kapitel vor Ort begeben und alle Elemente, die im ersten Kapitel beschrieben wurden, gesucht, aufgenommen, fotografiert und analysiert. Der Ist-Zustand wurde dokumentiert, der uns teilweise schockierte. Denn verglichen mit der damaligen Oase, die zum Verweilen einlud, konnte bzw. kann man nur noch mit viel Fantasie erahnen, welches Prunkstück der westliche Garten einst war.

„Die heutige Nutzung“ und das letzte Kapitel des Parterregartens beinhaltet die Nutzung der Villa durch den SWR. Unsere Diplomarbeit entstand noch zu Zeiten, als die Villa Berg Eigentum des SWR und somit die Nutzung klar definiert war: Sendesaal, Büroräume und Veranstaltungsort. Der Garten an sich entwickelte sich von einem Bürgerpark (Von Adelshäusern angelegte Grünanlagen, später für die Bürger geöffnet), zum Volkspark, zum Stadtpark und heute?

Spaziergänger nutzen die Fläche, manche spielten Schach oder unterhielten sich auf den Parkbänken in der Sonne, Frisbee wurde gern gespielt und die Mitarbeiter des SWR verbrachten dort ihre Mittagspause. Doch zum Verweilen lud er nicht ein, eher zum „Durchgehen“. Zu einem Besuch bei Nacht rieten wir keinem.

Visionen, ja die haben wir und auch wenn der Zustand des Gartens 2001 erbarmungswürdig ist, ist er zur Entwicklung eines Leitbildes eher förderlich, da er nicht durch andere Zeitströmungen beeinflusst wurde. Damit ist es möglich, die  wenige historische Substanz zu erhalten, durch Grabungen zu verifizieren und zu untersuchen.

„Wenn die überkommene historische Substanz aus nur einer Anlagephase stammt und der Originalzustand hinlänglich genau dokumentiert ist, muss er als höchstes Ziel heutiger und künftiger Behandlungen des Gartens angesehen werden.“ (Hennebo, Gartendenkmalpflege, S. 58).

Da der Parterregarten aus nur einer Anlagephase besteht und wir mit unserer Diplomarbeit eine Dokumentation abgeben, muss es – laut Hennebo – unser höchstes Ziel sein, diesem Garten sein Ansehen zurück zu geben. Schon 2001 schlugen wir deshalb kurzfristige, mittelfristige und langfristige Maßnahmen zum Erhalt und Sicherung des Parterregartens vor.

Nach all den Erkenntnissen sind wir 2001 zu dem Fazit gekommen, dass durch die genannten Gründe eine Rekonstruktion des westlichen Gartens möglich ist. Ob dies nach 12 Jahren ebenso zutrifft, lässt sich nur hoffen. Klarheit darüber kann nur eine weitere Betrachtung unter den Aspekten der Gartendenkmalpflege geben. Da es jedoch keine weiteren baulichen Veränderungen am Gelände gab, stehen die Chancen gut, den westlichen Garten aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken.

Der Park der Villa Berg ist einmalig in Stuttgart. Sei es aus kulturhistorischer oder kunsthistorischer Sicht. Diese Eigenschaften sollte sich die Stadt endlich zu Eigen machen und die Gunst der Stunde nutzen, eine Perle in Stuttgart wieder aufleben zu lassen.

Die vollständige Diplomarbeit finden Sie hier. Eine weitere Veröffentlichung oder Vervielfältigung der Diplomarbeit ist nicht erlaubt.

Katrin Barz ist Marketerin in Berlin und Inhaberin der Agentur “Katrin Barz – kreativ, flexibel & spontan”. Geboren in Holzminden, der Heimatstadt des Barons von Münchhausen, verbrachte sie Kindheit und Jugend im beschaulichen und gemütlichen Städtchen Mengen (Landkreis Sigmaringen). Dort absolvierte sie ihr Abitur und schloss auch ihre Ausbildung zur Floristin ab. Für ihr Studium der Landschaftsarchitektur zog es sie nach Stuttgart. 2003 startete sie ihren Quereinstieg ins Marketing und ist seither begeisterte Marketerin.

Markus Rötzer ist Landschaftsarchitekt bei faktorgruen – Freie Landschaftsarchitekten und verantwortlich für Entwurf, Wettbewerbe und Ausführungsplanung. Faktorgruen ist mehr als ein Büro für Landschaftsarchitektur – geplant wird für den Menschen mit all seinen Wünschen und Bedürfnissen, für eine lebenswerte Umwelt und eine intakte Natur. Seit 1983 beschäftigen sich hiermit im Büro faktorgruen über 30 Landschaftsarchitekten, Diplom-Ingenieurinnen, Geo-Ökologen und technische Mitarbeiterinnen.

Die Autoren danken dem Garten-, Friedhofs- und Forstamt der Landeshauptstadt Stuttgart, Herrn Andreas Hellmann für die Unterstützung und Freigabe zur Veröffentlichung.