Eine Frage an Gerhard Walcker-Mayer: Welche Geschichte hat die Walcker-Orgel im Sendesaal der Villa Berg?

Als der damals unbekannte Komponist Olivier Messiaen (1931-1992) im April 1952 erstmals nach Stuttgart kam, um dort in der Villa Berg die Uraufführung seiner Komposition Livre d’orgue vorzubereiten, traf er auf eine Orgel, die mit 72 Registern verteilt auf vier Manualen und Pedal, wohl eines der umfangreichsten neuen Orgelwerke in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war.

Messiaen, dessen Orgelwerke „tönend gefasste Theologie“ seien, findet hier in der Villa Berg also eine Orgel außerhalb des Kirchenraumes vor, wo seine Musik doch aus der Praxis des katholischen Gottesdienstes erwächst; und er findet Gefallen an dieser Orgel, die er erneut im Frühjahr 1953 aufsucht.

Beide Besuche sind schön dokumentiert. Beim ersten Mal trägt sich Olivier Messiaen ins Gästebuch des Süddeutschen Rundfunks unter der Unterschrift von Dr. Gottfried Benn ein, mit einem Notenzitat der Takte 1-6 aus dem Soloklavier seiner Trois petites liturgies. In den Arbeitspausen, so wird berichtet, ging Oliver Messiaen hinaus in den Garten der Villa und zeichnete die Notenschrift beim Hören des Gesangs einer Amsel auf, was zu späteren Kompositionen führte.

Die Komposition Livre d’orgue ist eines seiner wichtigsten Orgelwerke und es hat die Firma Walcker mit großem Stolz erfüllt, als Messiaen nach dessen Uraufführung in der Villa Berg einen begeisterten Brief an die Firma schrieb, in dem er das Instrument ausdrücklich lobte: „Votre orgue est magnifique …“. Die Firma Walcker druckte das Schreiben auf die Rückseite ihrer Hausmitteilung Nr. 8 aus November 1954, zu einer Zeit also, als Messiaen und seine Musik langsam Anerkennung und Akzeptanz erfuhren.

Vor einem halben Jahr erkundigte sich ein Organist aus den Niederlanden bei mir, wo denn Messiaen die Uraufführung des Livre d’orgue gespielt habe, und er war blank erstaunt zu hören, dass es die Walcker-Orgel der Villa Berg war, einem ungeweihten Instrument. Er konnte die Information gut verwerten beim Booklet seiner CD-Reihe, der Gesamteinspielung der Werke Olivier Messiaens. Die nahezu komplette historische Einspielung vom Komponisten selbst aus dem Jahre 1953, von einem Radiohörer aufgenommen, kann auf der Website walcker.com geladen und gehört werden.

Nicht nur Messiaen, auch andere berühmte Orgelspieler waren von den feinen Klängen der Orgel in der Villa Berg begeistert. So der weltberühmte italienische Organist Fernando Germani aus Rom, der auf dieser Orgel mehrfach konzertierte und der „seinen lebhaften Glückwunsch zum glücklichen Gelingen des großen Orgelwerkes“ zum Ausdruck brachte. Der aus dem ostdeutschen Weimar angereiste Johannes-Ernst Köhler, der die ganz herausragende Intonation der Orgel lobte, war einer von vielen deutschen Organisten, die sich mit den feinen, warmen Klängen dieser Orgel anfreundeten.

Ich selbst hatte mehrfach als Lehrling und Geselle von 1967 bis etwa 1974 immer wieder Gelegenheit an der Orgel Arbeiten ausführen zu dürfen. Aber erst ein Hilfeschrei zweier Organisten, Natascha Majevskaja und Thomas Jäger, aus dem Jahre 2001, nötigte mich, umgehend nach Stuttgart zu reisen, um dort die Orgel zu besichtigen.

Majevskaja und Jäger wollten auf der Orgel konzertieren, die nun im Jahre 2001 rund 13 Jahre nicht mehr gewartet worden war. Ich überprüfte das Instrument und konnte feststellen, dass trotz Pflegenotstand rund 95 Prozent der Orgel funktionsfähig geblieben sind. Vor allem konnte ich den unverfälschten, schönen runden Gesamtklang dieser Orgel in mich aufnehmen. Ein herrliches Erlebnis.

Um die Orgel wenigstens in den spielbaren Teilen für Konzerte zu verwenden, schrieben die Organisten an den Intendanten Prof. Peter Voß, der aber aufgrund des weiteren hohen Investitionsbedarfs ablehnte. Wir schrieben ans Denkmalamt und fanden in Herrn Dr. Könner einen Orgelfreund, der das Instrument endlich unter Denkmalschutz stellte, nachdem er Messiaens Begeisterung mit einer eigenen Untersuchung bestätigt fand.

Drei Jahre später, im Jahre 2004, wurde ich von einem Baubüro beauftragt eine Dokumentation und einen Kostenvoranschlag zur Wiederspielbarmachung der Orgel auszuarbeiten. Im Januar 2005 wurden diese Unterlagen an das Büro übersandt. Von da an waren keine positiven Reaktionen mehr aus Stuttgart über unsere weit über die Grenzen des Landes bekannte Orgel zu hören, die einst das Herz eines Komponisten erwärmt hat, der heute zu den bekanntesten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts zählt.

Der Autor Gerhard Walcker-Mayer wurde als Sohn des Orgelbaumeisters Werner Walcker-Mayer und seiner Ehefrau Martha im Jahre 1950 in Ludwigsburg geboren. Er legte 1976 die Orgelbaumeisterprüfung in der Fachschule in Ludwigsburg ab. Von 1978 bis 1980 war er ohne Walcker selbstständig tätig, danach wurde er im väterlichen Betrieb weiter beschäftigt. Seit 1988 ist er Subunternehmer ausschließlich für die Firma E.F.Walcker GmbH & Co. Später hat er ein eigenes Unternehmen mit einer kleinen Werkstatt in Saarbrücken aufgebaut und sich auf die Restaurierung von historischen Orgeln der Romantik spezialisiert.

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