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Urania Berlin

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Quelle (alle Bilder): Urania

Was ist die Urania Berlin?

Die Urania Berlin e.V. ist ein Bildungs- und Kulturverein, der sich satzungsgemäß die Vermittlung von Wissen aller Gebiete insbesondere neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Ziel gesetzt hat. Der Verein setzt die lange Tradition der 1888 in Berlin gegründeten Aktiengesellschaft Urania unmittelbar fort, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Nachahmung gefunden hat. Die Berliner Urania gilt als Prototyp der heute allgemein Science Center genannten Einrichtungen, in Berlin gehen die öffentlichen Sternwarten und das Science Center Spectrum auf diese Quelle zurück.

War ursprünglich das Ziel der Urania „Freude an der Naturerkenntnis“ zu wecken, so gehen die heutigen Angebote weit über die Vermittlung naturwissenschaftlicher Kenntnisse hinaus. Die Urania bietet in Veranstaltungen verschiedenster Formate das ganze Spektrum der Wissenskultur von neuen Erkenntnissen der Wissenschaft bis zu hochwertigen künstlerischen Darbietungen, liefert ein Podium für aktuelle gesellschaftliche Debatten ebenso wie praktische Lebenshilfe und Informationen zu allen Fragen persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Ein besonderes Anliegen der Urania ist die Information über Länder und Kulturen und die Verständigung unter den Völkern.

Mit dem Slogan „Neues Wissen Erleben“ symbolisiert die Urania ihr Anliegen, allen Menschen Wissen neu zu erschließen, es lebensnah zu vermitteln und auf der Basis eigenen Verstehens und Erkennens aktives Handeln und damit eigenverantwortliche Gestaltung eines erfüllten Lebens zu erleichtern. Sie erreicht das durch Veranstaltungen mit herausragenden Experten aller Fachgebiete, durch Informationen über andere Länder und Kulturen durch eigene Studienreisen, durch Ausstellungen und moderne Beteiligungsformate wie Diskussionen, Workshops und Aktionstage.

Die Urania ist ein gemeinnütziger Verein, der ausschließlich vom Interesse der Berlinerinnen und Berliner getragen und institutionell nicht gefördert wird. Sie ist politisch unabhängig und steht in der Tradition der Humboldtschen Bildungsideale. Sie nutzt vielfältige Kooperationen mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen, Stiftungen und Organisationen, um ihre Ziele auf höchstem Niveau zu erreichen. Sie wird hierbei von den besten Vertretern ihres Fachs unterstützt, wie die lange Referentenliste der Urania zeigt. Alljährlich werden herausragende Persönlichkeiten mit einer Urania-Medaille ausgezeichnet, die sich um die Verbreitung ihrer Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit international verdient gemacht haben.

Die Urania Berlin steht fest auf dem Boden ihrer mehr als einhundertjährigen humanistischen Tradition, nutzt diese aber als Grundlage einer nachhaltigen Zukunftsfähigkeit dieser einzigartigen Einrichtung. Auf Grund der sich ständig verändernden Rahmenbedingungen hinterfragt die Urania stetig ihre Konzepte und reagiert mit neuen Ideen und Entwürfen. Ein kleines und sehr engagiertes Team betreut nicht nur die Besucher der nahezu eintausend Veranstaltungen jährlich. Viele hundert Gastveranstaltungen, darunter Kongresse, Fachtagungen oder vielfältige Kulturveranstaltungen, helfen die finanzielle Grundlage der Urania zu sichern. Mit dieser Arbeit gelingt es, allen Besuchern den Zugang zu den Bildungsangeboten der Urania zu ermöglichen.

Die Urania ist ständig bemüht für ihr hochaktuelles Anliegen, Wissen über die komplexen Vorgänge in unserer Welt lebensnah zu vermitteln, Unterstützer und Förderer zu begeistern. Sie stellt eine einzigartige Plattform dar, Anliegen von öffentlichem Interesse mit höchster Qualität und größtmöglicher inhaltlicher Neutralität zu vermitteln und zu präsentieren. Rund 1.800 Vereinsmitglieder und über 100 Partner unterstützen das ohne institutionelle Förderung realisierte Programm. Mitglieder genießen besondere Vorteile wie Vergünstigungen beim Eintritt und spezielle Veranstaltungen mit Urania-Kooperationspartnern.

Geschichte der Urania

Seit 1888 gibt es die Volksbildungsinstitution URANIA in der Invalidenstraße in Berlin-Moabit mit dem selbstgewählten Auftrag: Verbreitung der Freude an der Naturerkenntnis. Alexander von Humboldt war es, der mit seinen Kosmos-Vorträgen 1827 in der Berliner Singakademie seine umfassenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Bevölkerung getragen und so die Wurzel für die URANIA gelegt hat. Doch es ging nicht nur um Bildung an sich, sondern zunehmend um Wissen, das im Berufsalltag Chancen ermöglichen sollte. Dieses nutzenorientierte Wissen von den Bedingungen in Industrie und Produktion wandelte sich ständig und wurde immer umfassender und bedeutsamer.

Als Aktiengesellschaft gegründet entstand in wenigen Monaten ein Gebäude mit wissenschaftlichem Theater, Sternwarte und Museum. Das Konzept der Gründungsväter Wilhelm Foerster, Max-Wilhlem Meyer und Werner von Siemens war aufgegangen, die Urania wurde ein Publikumsmagnet. Durch den Physiker Eugen Goldstein, Entdecker der Kanalstrahlen, wurde die Wissenschaftsausstellung mit Experimenten bestückt, die vom Besucher beeinflusst werden konnten. Nach den ersten besonders erfolgreichen fünfundzwanzig Jahren brach der erste Weltkrieg aus und machte alle weiteren Planungen zunichte. In der Zeit der Weimarer Republik fand die URANIA nicht den rechten Weg und im Dritten Reich spielte sie nur eine marginale Rolle, existierte aber bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Erst die Wiederbegründung in der Nachkriegszeit führte sie allmählich wieder zu ihrer heutigen Bedeutung. (ausführlich s. Otto Lührs, URANIA – Mythos und Realität, 125 Jahre Urania Berlin, in Festschrift zum 125. Jubiläum dder Urania 2013).

Die Urania Berlin hatte große internationale Strahlkraft. Nachgründungen in Wien, Meran, Prag, Zürich und weiteren Orten zeugen davon. Diese Einrichtungen bestehen zum Teil noch heute, Wien als große Volkshochschule, Zürich als Planetarium. Das Konzept der Experimentalausstellung wurde zur Grundlage für die Präsentation im Deutschen Museum in München.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Aktiengesellschaft aufgelöst und ein gemeinnütziger Verein trat an ihre Stelle. Die Gründung des Vereins „Deutsche Kulturgemeinschaft Urania Berlin e.V.“ fand am 19. November 1953 in der Technischen Universität statt. Es dauerte dann noch bis 1962, ehe die Urania ihre heutigen Räume beziehen konnte, ein beispielhaftes Aufbauwerk, das noch heute ständig weiter entwickelt wird. Die Bedeutung der Einrichtung sieht man auch an ihrer Adresse – die Urania befindet sich in der Straße „An der Urania“.

Das Erbe der URANIA ist heute gleich drei Mal in Berlin vertreten. Zum einen die URANIA selbst gewissermaßen als Nachfolger des Wissenschaftlichen Theaters der alten URANIA, dann als Wilhelm-Foerster-Sternwarte, die mit dem Bamberg-Refraktor das Erbe der Volkssternwarte antrat und schließlich das Spectrum am Deutschen Technikmuseum, das sich als Folgeeinrichtung des Experimentiersaales der alten URANIA sieht und das Erbe Eugen Goldsteins verkörpert. Mit der Berliner URANIA hatte die Science-Center-Bewegung einst angefangen, im Deutschen Museum war sie fortgeführt worden und das Spectrum ist das erste Science Center der neuen Generation in Deutschland.

Das Programm der Urania heute

Die URANIA bietet heute wie einst ein umfassendes Spektrum neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Entwicklungen, vorgestellt von hochqualifizierten Wissenschaftlern. Die große Kultur- und Bildungseinrichtung in zentraler Lage Berlins ist zuerst ein Ort für Vorträge und Diskussionen zu den verschiedensten Themen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Das System von Einzelvorträgen ermöglicht es, die Forscher selbst zur Auskunft über ihre Arbeit und ihre Ergebnisse zu gewinnen, die für Kurse oder Lehrgänge keine Zeit aufbringen. In der URANIA wird darum hochkarätiges Wissen in knapper, auf das Wesentliche konzentrierter Form aus erster Hand vermittelt, und der Besucher kann erfahren, was in der vordersten Front der Forschung geschieht. In den inzwischen 127 Jahren ihres Bestehens waren herausragende Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Thomas Mann, Benoît Mandelbrot, Richard von Weizsäcker, Angela Merkel oder auch Michail Gorbatschow zu Gast in der Urania. Renommierte Wissenschaftler, darunter zahlreiche Nobelpreisträger, berichten zu den neuesten Erkenntnissen ihres Fachs.

Innerhalb des umfassenden Programms nehmen der Bereich Gesundheit und der Bereich der Länder- und Völkerkunde besonders großen Raum ein. Schon viele Jahre bietet die Urania mit den KulTouren auch Studienreisen an, die in Vorträgen vorgestellt werden.

Neben dem Vortragsangebot liegt ein traditioneller Schwerpunkt bei der Vorführung alter und neuer Werke der Filmkunst. Dank exzellenter technischer Ausstattung kann die Urania sowohl alle historischen Formate als auch modernes digitales Kino bieten. Über viele Jahre war sie Spielstätte der Berlinale, der Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Die Urania bietet aktuell etwa 1000 eigene Veranstaltungen pro Jahr in den Bereichen Vortragsformate, Kino und Bühne, Ausstellungen, Führungen und Special Events. Es ist der große Erfolg des Angebotes an wissenschaftlicher Volksbildung, der dies ermöglicht. Der Ruf der Institution, der Name „Berliner URANIA“ hat nicht nur in dieser Stadt einen guten Klang, sondern weit darüber hinaus.

Die Urania heute in Berlin

Die Urania verfügt derzeit über elf Veranstaltungsräume. Der größte, der Humboldt-Saal, ist mit seinen 866 Plätzen das größte Programmkino Berlins. Wird die Leinwand zur Seite gefahren entsteht eine Bühne für Theater, Konzerte oder Varieté. Der Kleistsaal bietet knapp 300 Plätze, weitere Räume zwischen 50 und 180. Ausgestattet ist die Urania mit hochwertiger Veranstaltungstechnik vom Konzertflügel bis zum digitalen Kinoprojektor und WLAN im gesamten Gebäude.

Das eigene Programmangebot der Urania wird in zweimonatlich erscheinenden Programmheften in einer Auflage von 30.000 Exemplaren veröffentlicht, hunderte Plakate in der Stadt werben für das Programm, ebenso das Internet-Portal urania.de. Finanziert wird das Programm aus den Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Eintrittsgeldern und Zuwendungen von Kooperationspartnern.

Diese Einnahmen tragen aber bestenfalls den Veranstaltungsbetrieb. Die Existenz des Vereins wird wesentlich durch seine Geschäftstätigkeit, insbesondere die Vermietung von Räumen gesichert. Mit jährlich etwa 400 Gastveranstaltungen, von Seminaren bis hin zu mehrtägigen Kongressen oder Messen, von Belegschaftsversammlungen bis hin zu großen Theateraufführungen erwirtschaftet die Urania ihre Existenzgrundlagen selbst. Sie erhält keine institutionelle Förderung, nur die Stiftung Deutsche Klassenlotterie fördert projektweise dringend notwendige Reparaturmaßnahmen.

Die Zukunft der Urania

Das Umfeld der Urania hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten entscheidend verändert. War die Urania im Berlin der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der einzige Ort, an dem Wissenschaft an die Öffentlichkeit vermittelt wurde, so tun dies inzwischen alle Universitäten und Hochschulen, zentrale Einrichtungen wie das Naturkundemuseum oder das Technikmuseum, die Planetarien und viele andere. Es gibt eine große Zahl von Schülerlaboren in direkter Verbindung zu wissenschaftlichen Einrichtungen, die Kliniken bieten umfangreiche Patienteninformationen. Die Bundesregierung fördert nicht nur das neu entstehende Humboldt-Forum, sie baut auch eine moderne Version der Urania mit dem „Haus der Zukunft“ – Jahresetat etwa 16,5 Millionen Euro.

Das alles ändert nichts daran, dass im Bildungsbereich auch außerhalb der Schulen ein großer Bedarf besteht und gerade auf naturwissenschaftlich-technischem Gebiet eine große gesellschaftliche Kraftanstrengung notwendig ist, für die Zukunft ausreichend Fachkräfte zu gewinnen. Die Begeisterung für Wissenschaft zu wecken ist also eine zentrale Aufgabe, der sich auch die Urania weiter mit Erfolg widmen wird. Dafür wurde die Urania schon 2006 ausgewählter Ort im Land der Ideen, und vor wenigen Monaten hat sie dafür den Teubner-Förderpreis erhalten. Aber es geht noch mehr. Die Aufgabe der URANIA ist es, neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen auch das Nachdenken darüber zu fördern, in welchen Wechselbeziehungen und inneren Zusammenhängen sie stehen und welches Gesamtverständnis der Welt auf wissenschaftlicher Grundlage zu erreichen ist. Sie stellt Widersprüche zur Diskussion und stellt interdisziplinäre Vergleiche her, die die Vereinzelung der Wissenschaftsgebiete überwinden und nach ihrer gemeinsamen Logik suchen. Die komplexen Probleme wie Klimawandel oder die Folgen der Digitalisierung zeigen, wie aktuell das schon von Humboldt formulierte Prinzip der Transdisziplinarität ist.

Die URANIA kann zunehmend der Ort sein, wo nicht nur der interessierte Laie von den Wissenschaften lernt, sondern auch Wissenschaftler aus den Fragen der Laien nach der Bedeutung der spezialisierten Erkenntnisse für das Verständnis unserer Lebenswirklichkeit. Diesem Ziel einer gemeinsamen Klärung der Widersprüche und Distanzen zwischen Erfahrungen und Theorien wird sich die URANIA in Zukunft noch stärker zuwenden, um in der heutigen Entwicklung der Wissenschaften ihre alte Aufgabe neu zu erfüllen, ein rational vertretbares, wissenschaftlich fundiertes Weltverständnis zu vermitteln.

Die Diskussion grundlegender gesellschaftlicher Entwicklungen vom Verständnis der Wissenschaft bis zu den politischen Umsetzungen kann an einem Ort wie der Urania besonders effektiv gepflegt werden. Mit ihren Philosophischen und Politischen Cafés hat die Urania dafür besondere Formate entwickelt. Lebensfragen werden in der Urania auf allen Gebieten diskutiert. Sie bietet aber auch spezielle Kommunikationsformate wie den kürzlich vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung ausgezeichneten „Ich-kann-nicht-singen-Chor“. Die Mitwirkung der Urania bei der Allianz für das Wohnen ist wichtig bei der Entwicklung neuer Formen der Bürgerbeteiligung, die Jobmessen der Urania entwickeln sich von Jahr zu Jahr. Gerade das Konzept der Vermittlung von Wissen durch diejenigen, die es selbst täglich erarbeiten und vermehren, ist einfach zeitlos. Das wird die Urania in die Zukunft tragen.

Der Artikel wurde verfasst von Herrn Dr. Ulrich Bleyer, Direktor der Urania Berlin e.V. Dr. Er ist 1950 in Zwickau geboren und aktuell Programmdirektor und Geschäftsführer der Urania Berlin e.V. Nach dem Abitur am Weinberggymnasium Kleinmachnow und seinem Studium der Physik an den Universitäten Jerewan und Leningrad arbeitete er von 1974 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Astrophysik der Akademie der Wissenschaften der DDR, wo er 1981 auch promovierte. Anschließend wechselte er an das Einstein-Laboratorium für Theoretische Physik dieser Akademie. Es folgten die Habilitation 1988 und die Arbeit in einem Forschungsprojekt von 1992 bis 1995, ein Lehrauftrag an der Universität Potsdam, Forschungsaufenthalte u.a. in Konstanz, Köln, London und Warschau. Mehr als einhundert Publikationen sind Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit.

Für Dr. Bleyer gehörten Lehrerweiterbildung und populärwissenschaftliche Vorträge im Rahmen der Urania in der ehemaligen DDR immer zu seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seit 1988 engagierte er sich in verschiedenen Gremien der Urania-Verbände auf Landes- und Bundesebene, besonders bei den Neugründungen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Die Gründung und Entwicklung des Urania Vereins „Wilhelm Foerster“ in Potsdam hat er maßgeblich mitgestaltet. 1995 erhielt er den Ruf an die Urania nach Berlin.

In seiner 20 jährigen Dienstzeit hat die Urania über 25.000 Veranstaltungen für mehr als zwei Millionen Besucher durchgeführt. Die Urania erhielt dabei zu keiner Zeit institutionelle Förderungen, sie wird allein von ihrem Mitgliederverein getragen. Veranstaltungen aller Formate vom Vortrag über Ausstellungen und Aktionstage bis hin zu Kino und Bühne hat Dr. Bleyer organisiert, entwickelt und verantwortet. Das Programm wird vielfach in Kooperation und mit Unterstützung aller erdenklichen Partner wie Ministerien, Stiftungen, Verlagen, Sponsoren realisiert. Projekte zu den Wissenschaftsjahren, zu den Jahrestagungen der DPG oder mit den großen Wissenschaftsorganisationen wie Helmholz- oder Leibniz-Gemeinschaft gehören zum Profil der Urania ebenso wie Informationsveranstaltungen zu Medizin und Gesundheit, politische Diskussionen oder Schülerveranstaltungen. Die wirtschaftlichen Grundlagen werden neben Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern wesentlich durch Raumvermietungen für Gastveranstaltungen geschaffen. Dabei realisieren 19 Mitarbeiter jährlich mehr als 1000 eigene und etwa 400 Gastveranstaltungen für über 200.000 Besucher.

Beispielprojekte und Inspiration

Als Anregung und Inspiration haben wir Vertreter von Initiativen und Einrichtungen, die für die Villa Berg und den Park beispielgebend sein können, gebeten, uns ihre jeweiligen Projekte vorzustellen. Eine Reihe weiterer interessanter Projekte findet sich im Anschluss an die Beiträge.

Schloss Villa Ludwigshöhe

Schloss Villa Ludwigshöhe (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Ulrich Pfeuffer)

Das Schloss Villa Ludwigshöhe haben wir ausgewählt als Beispiel für eine Villa italienischer Art aus der gleichen Bauzeit wie die Villa Berg.

Schloss Villa Ludwigshöhe wird betreut von der Direktion Burgen Schlösser Altertümer, welche seit 2007 zur Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz gehört, einer Oberen Landesbehörde des Landes Rheinland-Pfalz, die dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur nachgeordnet ist.

Das Schloss wurde nach den Plänen des Architekten Friedrich von Gärtner 1846-1852 im Auftrag König Ludwig I. von Bayern erbaut. Ludwig I. erfüllte sich damit den langegehegten Wunsch einer „Villa italienischer Art nur für die schöne Jahreszeit bestimmt und in des Königreich mildestem Teile“.

Schloss Villa Ludwigshöhe ist als klassizistische Vierflügelanlage um einen rechteckigen Innenhof konzipiert. Sein wichtigster Schmuck ist die doppelstöckige Säulenloggia, mit der es sich zum Tal hin präsentiert. Um die königliche Hofhaltung unterzubringen verfügte die Schlossanlage neben dem Hauptgebäude, auch Königsbau genannt, noch über einen Kavalierbau, der sich modern überformt erhalten hat, und einen Marstall, an dessen Stelle sich heute die Sportschule Edenkoben befindet. Ein Schlossgarten wurde nicht angelegt, da Ludwig ihn angesichts der Schönheit der landschaftlichen Umgebung für überflüssig hielt. Von der Ludwigshöhe öffnet sich der Ausblick über Weinberge hinweg weit in die Rheinebene.

König Ludwig I. ließ die herrschaftlichen Räume des Hauptgebäudes mit Mosaikfußböden aus Edelhölzern und Deckenbemalungen ausstatten, die sich an antiken Vorbildern orientieren, und noch heute zu bestaunen sind. Außerdem verfügte das Schloss über eine einheitliche Möblierung im Stil des späten Biedermeier. Ludwig I. verbrachte bis zu seinem Tod 1868 jeden zweiten Sommer auf der Ludwigshöhe. Er nahm dabei – obwohl seit seiner Abdankung 1848 nicht mehr regierender König –  auch repräsentative Pflichten war und hielt Hoftafeln ab.

Danach war das Schloss lange verwaist. Erst Prinzregent Luitpold hielt 1888 hier wieder für einige Tage Hof. Ab dann besuchten auch königliche Prinzen und Prinzessinnen das Pfälzer Schloss regelmäßig. 1894 wohnte Luitpold dort erneut. Während der Regentschaft Luitpolds gab es zahlreiche Änderungen und Erneuerungen in der Ausstattung der Ludwigshöhe. Um 1900 entstanden auch die prachtvollen Wandgemälde Adalbert Hocks im Konversations- und Speisesaal nach dem Vorbild des Pompejanums in Aschaffenburg. Auch Ludwig III. residierte regelmäßig  auf der Ludwigshöhe. Nach dem ersten Weltkrieg setzte sich Kronprinz Rupprecht dafür ein, dass das Schloss Villa Ludwigshöhe in den Besitz des Wittelsbacher Ausgleichfonds kam und bewohnte es mehrfach. Er ließ es auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder instand setzen und richtete es unter anderem mit Möbeln aus dem Münchener Leuchtenberg-Palais museal ein.

1975 kaufte das Land Rheinland-Pfalz den Königsbau. Es folgten grundlegende Restaurierungen. In den herrschaftlichen Räume des Erd- und Obergeschosses von Schlosses Villa Ludwigshöhe blieb es bei der musealen Präsentation mit Möbeln aus der Originalausstattung und dem Leuchtenberg-Palais in München, welche durch einige angekaufte Stücke und Gemälde mit Bezug zu den Pfälzer Wittelsbachern ergänzt wurde. Eine neue Nutzung wurde für die Räume im südwestlichen Trakt des Obergeschosses benötigt, die ursprünglich als Unterkünfte für hohe Gäste dienten. Man entschied, hier den 1971 von Land Rheinland-Pfalz erworbenen Gemälde-Nachlass von Max Slevogt unterzubringen. Am 20. April 1980 wurde Schloss Villa Ludwigshöhe mit der Max-Slevogt-Galerie neueröffnet. In einem Schaudepot im Gewölbekeller ist seit 2005 „Moderne Keramik des 20. Jahrhunderts – Die Sammlung Hinder/Reimers des Landes Rheinland-Pfalz“ beheimatet.

Die historischen Schlossräume sind aus konservatorischen Gründen nur mit einer Führung zu besichtigen. Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, werden auch ein Stationentheater, eine Erlebnisführung und ein Mitmachangebot für Kinder angeboten. In der Max-Slevogt-Galerie, welche als Außenstelle zum Landesmuseum Mainz (auch Teil der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz) gehört, finden regelmäßig Sonderausstellungen statt. Mit der Sammlung Hinder/Reimers beherbergt das Schloss eine der bedeutendsten Sammlungen zur Keramik des 20. Jahrhunderts. Mit den Matineen im Gewölbekeller werden alljährlich ausgewählte Aspekte der modernen Keramik und ihrer bedeutendsten künstlerischen Vertreter vorgestellt.

Außerdem werden in Schloss Villa Ludwigshöhe zahlreiche Konzerte, Vorträge etc. veranstaltet. Raum dafür bietet der königliche Speisesaal im Erdgeschoss. Besonders beliebt ist die Möglichkeit im Schloss zu heiraten. Jedes Jahr im August zu Ehren des Geburtstages König Ludwigs I. wird ein großes Schlossfest mit Feuerwerk gefeiert. Bei diesen zahlreichen Veranstaltungen arbeitet die Direktion Burgen, Schlösser, Altertümer mit verschiedenen Partnern zusammen, darunter Villa Musica Rheinland-Pfalz, der Lions Club und die Stadt Edenkoben.

Das Wittelsbacher-Jubiläum 2013/14 wurde zum Anlass für einige Veränderungen im Schloss genommen, die Ende August 2013 der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten. Darunter waren bauliche Maßnahmen, wie die Verlegung der Kasse vom Nebeneingang an den historischen Haupteingang und die Einrichtung eines Schlosscafés und eines barrierefreien Zugangs zum Erdgeschoss. In den kommenden Jahren sollen weitergehende Sanierungsmaßnahmen u.a. die Barrierefreiheit in allen Stockwerken ermöglichen. Zudem wird auch das Umfeld des Schlosses neu gestaltet.

2013  gab es die Sonderausstellung „Die Könige zu Besuch. Kunstsinn und Kulturpflege der Wittelsbacher in der Pfalz“ und die Schlossräume im Erdgeschoss wurden mit Blick auf ihre historische Ausstattung neupräsentiert. Diese Neupräsentation orientiert sich an der Zeit um 1900, da sich aus dieser Nutzungsphase die meisten Möbelstücke erhalten haben und auch die Wandgemälde der Erdgeschossräume 1899-1900 entstanden sind. Die Grundlage dafür bildeten die Auswertung historischer Inventare und Untersuchung der noch vor Ort vorhandenen Möbelstücke. Zusätzlich wurde ein Raum mit Informationstafeln zu den wichtigsten königlichen Bewohnern – Ludwig I., Prinzregent Luitpold, Ludwig III und Kronprinz Rupprecht von Bayern – eingerichtet. Überhaupt soll die Epoche des Prinzregenten Luitpolds und König Ludwigs III., zu der sich zahlreiche spannende Quellen erhalten haben, stärker in den Fokus gerückt werden.

Die Neupräsentation 2013 ist ein erster Schritt, zukünftig wird geplant, auch die repräsentativen Haupträume im Obergeschoss umzugestalten. Es ist angedacht, einen Großteil dieser Räume ebenfalls orientiert an ihre Ausstattung um 1900 einzurichten und in weiteren museal eingerichteten Zimmern die Raumnutzung und die Änderungen der Möblierung zu thematisieren. Neben der historischen Einrichtung des Schlosses sollen so auch die ursprüngliche Funktion und das Zusammenspiel der Räume für Besucher erfahrbar werden. Außerdem soll in Zukunft auch das Obergeschoss  barrierefrei erreichbar werden.

Der Artikel wurde verfasst von Frau Dr. Angela Kaiser-Lahme, Direktorin Burgen, Schlösser, Altertümer bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

Leutkircher Bürgerbahnhof eG

Bahnhof_September_2012

Den Leutkircher Bürgerbahnhof haben wir ausgewählt als Beispiel für ein bürgerschaftlich getragenes Projekt mit der Genossenschaft als Rechtsform.

Die Geschichte des Bahnhofs

Das Leutkircher Bahnhofsgebäude wurde 1889 von der königlich württembergischen Reichsbahn erbaut. Bis Ende der 1960er Jahre war das Gebäude von unten bis oben voll genutzt. Danach setzte der Verfall ein. Die Bewohner zogen aus. Die Bahnhofsgastronomie schloss 1972. Die Deutsche Bahn nutzte nur noch ca. 20% des Gebäudes. Über Jahre lief Wasser über das marode Dach in das Gebäude. Anfang der 1980er Jahre wollte die Bahn das Gebäude abreissen und mit einem modernen Zweckbau ersetzen lassen. Zwei Bürger machten sich für den Erhalt des Gebäudes stark, sammelten Unterschriften, vermittelten zwischen der Gemeinde und der Bahn und schalteten das Denkmalamt ein. Das Gebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt und das Dach repariert. Bis zum Jahr 1997 passierte nichts mehr. Das Gebäude darbte vor sich hin. Im Jahr 1997 verkaufte die Bahn das Gebäude an die Stadt Leutkirch. Hochtrabende Pläne der Kommunalpolitik aus dem Bahnhof einen Kulturpalast bzw. Stadthalle zu machen, scheiterten an der Tatsache, dass im Stadtsäckel keine 5 Millionen Euro vorhanden waren. Im Jahr 2005 entwickelte ein junger Gemeinderat die Idee „Bahnhof in Bürgerhand“. Die Tatsache, dass das Konzept eine Bürgerbeteiligung von 1.000.000 Euro beinhaltete, sorgte bei den Kommunalpolitikern und dem Oberbürgermeister nur für Kopfschütteln. Jahr für Jahr wurde die Idee des „Bahnhofs in Bürgerhand“ wieder in die politische Diskussion eingebracht. Vergeblich, kein Politiker wollte daran glauben, dass die Bürger einer Kleinstadt bereit wären eine Million Euro für ein bis dahin öffentliches Gebäude einzubringen. Als die Stadt Leutkirch im Jahr 2010 das Gebäude mit aller Macht verkaufen wollte, kam die Idee des Bürgerbahnhofs zum Tragen. Der Gemeinderat gab der Bürgerbahnhof-Inititative 3 Monate Zeit zu belegen, dass die Bürger bereit sind eine hohe Summe für ihren Bahnhof einzubringen. Innerhalb von 10 Wochen konnten zum Erstaunen aller Beteiligten 753.000 Euro an Absichtserklärungen eingesammelt werden. Der Gemeinderat konnte nun nicht mehr anders und gab der Idee „Stadt und Land – Hand in Hand für den Bahnhof in Bürgerhand“ nach. Darauf hin wurde eine Genossenschaft gegründet. Heute sind 700 Bürger und Unternehmenmit 1.111.000 Euro am Bürgerbahnhof beteiligt. Es gibt eine Warteliste von Bürgern, die auch gerne Mitglied bei der Genossenschaft werden würden. Aber im Moment sind alle 1.111 Anteile à 1.000 Euro vergriffen. Im Frühjahr 2012 konnte der Bürgerbahnhof feierlich eröffnet werden.

Das Profil des Bürgerbahnhofs

Das Bahnhofsgebäude wurde handwerklich hochwertig und nachhaltig saniert. Die 700 Genossen stehen voll und ganz hinter ihrem Bahnhof. Auch die anderen Mitbürger sind größtenteils auf die gelungene Sanierung ihres Bahnhofs stolz. Der Bürgerbahnhof ist heute ein pulsierendes Quartier in Leutkirch.

Nutzung und Mieter

Im Erdgeschoss befindet sich eine Gastronomie mit Hausbrauerei. Betreiber ist ein Erfolgsgastronom aus Ulm. Im Obergeschoss sind 5 junge Firmen aus dem Bereich Medien, Design und Werbung eingemietet. Im Dachgeschoss betreibt die Bürgergenossenschaft das Informationszentrum Nachhaltige Stadt. Dort finden z.B. Vorträge zu Windkraft, Erdwärme, Wasserkraft, Dämmung und Elektromobilität statt. Finanziert wird die Miete von 15 Unternehmen aus der Region, die sich zum Thema Nachhaltigkeit, Zukunft und Ideen präsentieren.

Die Initiatoren

Das Grundkonzept stammt von Christian Skrodzki. Seine Mitstreiter im Bürgerbahnhof-Initiativkreis waren Bernhard Hösch, Jörg Kuon, Günter Falter und Oliver Gegenbauer. Ferner gab es rund 60 Bürgerbahnhof-Botschafter, die sich stark um das Gelingen des Bahnhofs verdient gemacht haben.

Erfahrungen und Erfolgsfaktoren

Wir haben hauptsächlich sehr positive Erfahrungen gemacht. Nur in der Anfangsphase gab es sehr starke Kritiker und es wurde manche Leserbriefschlacht ausgefochten. Unsere Erfolgsfaktoren waren ein überzeugendes betriebswirtschaftliches Konzept und ein Experten-Netzwerk aus allen Bevölkerungs- und Berufsschichten. Die Installation der rund 60 Bürgerbahnhof-Botschafter. Eine umfangreiche Medien- und Marketingarbeit. Und viel viel Herzblut der Beteiligten.

Träger und Finanzierung

Die Leutkircher Bürgerbahnhof Genossenschaft ist der Besitzer des Bürgerbahnhofs und in diesem Sinne auch der Gesamtbetreiber. Die Vorstände und die Aufsichtsräte bringen sich ehrenamtlich ein. Wir generieren rund 120.000 Euro Mieteinnahmen pro Jahr. Davon werden alle Kosten getragen – und im Idealfall bleibt am Ende des Jahres ein kleiner Gewinn übrig, der dann an die Genossen ausgeschüttet werden würde. Ab dem Jahr 2015 rechnen wir mit einer Dividende von 1,5 – 2%. Wenngleich die Dividende den Genossen nicht wichtig ist.

Bürgerschaftliches Engagement

Den Bürgerbahnhof gibt es nur, weil er mit bürgerschaftlichem Engagement realisiert wurde. Die 700 Genossen sind Garant dafür, dass die Gastronomie im Erdgeschoss gut läuft und den Bürgern ein Ort der Kommunikation und des Treffens bietet.

Die Zukunft des Bürgerbahnhofs

Das Projekt ist solide über die nächsten 20 Jahre hinaus finanziert. Der Betrieb läuft. Wir wollen in Zukunft noch eine Tankstelle für Elektromobilität errichten. Ferner ein Fahrradhotel in zwei ehemaligen Schlafwagenwagons. Noch haben wir aber keine bezahlbaren Waggons gefunden.

Die Antworten wurden verfasst von Christian Skrodzki, Initiator und Vorstand der Leutkircher Bürgerbahnhof eG. Herr Skrodzki ist zudem Geschäftsführer der Werbeagentur inallermunde kreativhaus und Geschäftsführer von allgovia media.

Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität

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Foto: Hans-Jürgen Landes

 

Das Dortmunder U haben wir ausgewählt als multifunktionales Kulturzentrum neuer Art, das originäre künstlerische Ausdrucksformen und (digitale) Medienwelt verbindet.

Mission Statement

Das Dortmunder U ist ein kulturelles Zentrum mit internationaler Ausstrahlung, eine neue Landmarke in der Region und ein Symbol für den Strukturwandel in der Stadt Dortmund. Unter seinem Dach arbeiten verschiedene Einrichtungen, die Beiträge zur Kunst, Bildung und Wissenschaft entwickeln und miteinander verbinden. Ein besonderer Fokus der Ausstellungen und Vermittlungsangebote im Dortmunder U richtet sich auf die Einbeziehung der digitalen Medien und die Förderung von Kreativität. Das Dortmunder U ist ein Haus für alle Bürgerinnen und Bürger und ist offen für die Zusammenarbeit mit anderen kulturellen Einrichtungen und Organisationen. Es nimmt eine aktive Rolle im Kontext der lokalen und regionalen Kulturentwicklung wahr.

Allgemeine Information und Selbstverständnis

Seit dem Jahr 1926 gehört die ehemalige Produktionsstätte der Union-Brauerei zur Dortmunder Skyline, aber erst im Jahr der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 avancierte sie zum neuen Wahrzeichen der Stadt: Der Umbau des ehemaligen Brauereigebäudes mit dem U-Signet auf dem Dach zu einem Haus der Kunst und Kultur hat einen Bedeutungs- und Wahrnehmungswandel bewirkt, der den Struktur- und Kulturwandel in Stadt und Region sichtbar widerspiegelt.

Mit dem Dortmunder U ist in zentraler Innenstadtlage ein Zentrum für Kunst, Bildung und Kreativität entstanden, das in seiner Multifunktionalität einmalig ist. Dies meint die Partnereinrichtungen im Haus, aber auch das Ausstellungs- und Veranstaltungsangebot unter dem Dach des Dortmunder U. Dieses Miteinander schafft, wie in einer großen Familie, manchmal Spannungen, fördert aber immer öfter den Zusammenhalt. Es war von Anfang an klar, dass angesichts der heterogenen Nutzerstruktur das Profil des Dortmunder U – sein wiedererkennbares „Gesicht“ – nicht per definitionem festgelegt werden kann, sondern in der gemeinsamen Arbeit wachsen und Konturen gewinnen muss. Dies gebietet auch der Respekt vor den Partnern und ihren eigenen programmatischen Schwerpunkten. Bisher überzeugt das U vor allem durch seine Vielfalt der inhaltlichen Ansätze und der Veranstaltungsformate. Folgende wesentliche Eckpunkte lassen sich für das Selbstverständnis des Dortmunder U und seiner Programmarbeit festhalten:

  • Das Dortmunder U steht paradigmatisch für den Struktur- und den damit verbundenen Kulturwandel in Stadt und Region. Diese Positionierung findet sich auch als thematische Fokussierung im Programm der Ausstellungen und Veranstaltungen wieder.
  • Das Dortmunder U mit dem Museum Ostwall und dem Hartware MedienKunstverein ist ein Ort der modernen und zeitgenössischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Erschließung und Präsentation experimenteller und neuer Kunstformen ist sein Auftrag. Das Dortmunder U schafft Grenzgänge zwischen originären künstlerischen Ausdrucksformen und (digitaler) Medienwelt und erschließt neue Wege der Kunst im 21. Jahrhundert. Die Medienkunst-Ausstellungen, das interaktive Bilderarchiv und die Klangkunst, das Filmprogramm und die Filminstallationen im und am Gebäude stehen für diese Programmatik.
  • Kunstvermittlung und Kulturelle Bildung haben im Dortmunder U einen hohen Stellenwert, der bereits nach kurzer Zeit bundesweit anerkannt ist. Eine mittelfristige Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen und weitere Drittmittel unterstreichen diese Rolle. Der Bildungsauftrag wird von allen Partnern im U wahrgenommen und ist institutionalisiert in der U2_Kulturelle Bildung im Dortmunder U. Die Angebote der Kulturellen Bildung widmen sich schwerpunktmäßig der Verknüpfung von Kunst und digitalen Medien.
  • Das Dortmunder U versteht sich als Zentrum für die Förderung der künstlerischen Kreativität und kulturellen Eigentätigkeit; es will jungen Talenten eine Plattform bieten. Kompetenzförderung und Qualifizierung für kreative Berufs- und Tätigkeitsfelder prägen insbesondere die Angebote der Hochschulen, der U2_Kulturelle Bildung und des European Centre for Creative Economy (ecce).
  • Das Dortmunder U ist ein Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger. Ausgewählte Programme richten sich beispielsweise an Familien, Kinder und Jugendliche, Schulen und Studentengruppen sowie die Nachbarschaft. Besondere Projekte werden für das Unionviertel und die Nordstadt entwickelt, die die jeweiligen stadträumlichen, sozialen und interkulturellen Gegebenheiten berücksichtigen. Die Grundlage für diese Aktivitäten sind Netzwerke und Kooperationen, in die das U eingebunden ist.
  • Die „digitale Dimension“ des Dortmunder U ist auch eine wesentliche Grundlage für die öffentliche Kommunikation und Information über seine Angebote. Neben den herkömmlichen Medien ist das Dortmunder U erfolgreich in der Vermittlung seiner Inhalte und Programme in den sozialen Netzwerken und in der digitalen Konfiguration des Gebäudes selbst.

Als Kunstzentrum neuer Art hat das Dortmunder U in der Region ein Alleinstellungsmerkmal. Dies schafft Erwartungshaltungen, die manchmal nicht erfüllt werden, bietet aber auch Chancen für Neues und Unerwartetes. Es ist im besten Sinne ein „Experimentierfeld der Künste“ und damit ein offenes Angebot an Kunstschaffende und Bürger gleichermaßen.

Der Text wurde verfasst von Kurt Eichler, Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund.

 

Radialsystem V – Space for Arts and Ideas, Berlin

Foto: Sebastian Bolesch

Das Radialsystem V haben wir ausgewählt als Beispiel für einen interdisziplinären Raum der Künste, der Verbindungen von Kultur und Wirtschaft schafft.

Wie würden Sie das Profil und die Programmatik des Radialsystem beschreiben?

Space for arts and ideas. Das Radialystem V hat sich seit seiner Gründung am 9. September 2006 durch Jochen Sandig und Folkert Uhde als offener Raum für den Dialog der Künste weit über die Grenzen Berlins hinaus etabliert. Der historische Name des transformierten Pumpwerks am Spreeufer ist Programm: Ein radiales System strahlt von seinem Zentrum in alle Richtungen aus. Das Radialsystem V bringt Künstler, Kreative und Kulturbegeisterte in Kontakt miteinander und entwickelt aus der Begegnung von Tradition und Innovation, Alter Musik und Zeitgenössischem Tanz, Bildender Kunst und Neuen Medien neue Formate und Genres: Choreographische Konzerte und Opern, Nachtmusik im Liegen, Barock Lounge, Annettes DaschSalon, Konzertinstallationen, Radiale Nächte, Familientage und Kinderopern. Als Produktionsstätte ist das Radialsystem V die künstlerische Heimat von vier bedeutenden freien Ensembles: Akademie für Alte Musik Berlin, Sasha Waltz & Guests, Solistenensemble Kaleidoskop und Vocalconsort Berlin. Risiko- und experimentierfreudig ohne elitäre Attitüde wird hier das Musiktheater der Zukunft in der Praxis erprobt.

Das dialogische Prinzip ist für das Haus und seine Nutzung ausschlaggebend. Die Symbiose von Alt und Neu, die sich in der Architektur durch die gelungene Verbindung eines Industriedenkmals mit einem schlichten, gläsernen Neubau zeigt, spiegelt die Grundidee des Radialsystem V wider: Das Zusammenspiel von Tradition und Innovation, Alter Musik und Zeitgenössischem Tanz, Bildender Kunst und Neuen Medien, Kultur und Unternehmergeist. Durch die Zusammenführung vermeintlicher Gegensätze entsteht etwas individuell Neues, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Ein Grundgedanke des dialogischen Prinzips ist Offenheit – nicht Abgrenzung. Dass sich das Radialsystem V innerhalb kürzester Zeit als Ort innovativer und hochwertiger Konzerte, Tanz- und Musiktheateraufführungen in Berlin, aber auch in nationalem und internationalem Kontext etabliert hat, spiegelt das Potenzial dieser Idee.

Integraler Bestandteil des Nutzungskonzeptes ist der Dialog von Kultur und Wirtschaft. Das Radialsystem V ist zu einer erstklassigen Adresse für Empfänge, Symposien und Kongresse geworden – der Erfolg zeigt sich in der regen Nachfrage nach den Räumlichkeiten des Hauses durch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Mit großzügigen Sälen, lichtdurchfluteten Studios, Sonnendeck, Spreeterrasse und Bootssteg ist das Radialsystem V ein außergewöhnlicher Veranstaltungsort für Tagungen, Galaveranstaltungen und Medienproduktionen.

Unter welchen Rahmenbedingungen arbeiten Sie?

Die inhaltliche Ausrichtung des Radialsystem V ist eng mit der Struktur und Ästhetik des Gebäudes verbunden. Der Architektur kommt eine besondere Bedeutung zu: Sie ermöglicht die zeitgleiche Nutzung der Räume durch künstlerische Produktionen, Vermietungen und gastronomische Angebote. Von der Halle (600 qm) bis zum Kubus (54 qm) bietet das Haus auf sechs Etagen ca. 2500 Quadratmeter Veranstaltungsfläche. Während die Räume im Erdgeschoss durch den Charme industrieller Bauten des frühen 19. Jahrhunderts geprägt sind, bestechen die im Jahr 2006 neu geschaffenen Baukörper der oberen Etagen durch Transparenz und eine schlichte räumliche Struktur. Die nach Südwesten gelegene Spreeterrasse, durch das Gebäude gegen den Verkehr der Holzmarktstraße abgeschirmt, bietet im Sommer nahezu südländisches Flair.

Aufgrund seiner Lage an der Schnittstelle von Berlin-Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, zwischen Ostbahnhof, Spree und Köpenicker Straße übernimmt das Radialsystem V eine wichtige Katalysatorfunktion im sich stark entwickelnden östlichen Spreeraum Berlins. Das Haus ist per S-Bahn, Bus, Regionalbahn und Fernverkehr zentral zu erreichen. Es liegt schräg gegenüber vom Ostbahnhof am Ufer der Spree. Der Fußweg vom Ostbahnhof beträgt circa fünf Minuten.

Für die Radialsystem V GmbH sind aktuell etwa 20 fest angestellte Mitarbeiter tätig. Das Team wird je nach Bedarf regelmäßig mit weiteren freien Mitarbeitern verstärkt.

Wie ist Ihre Einrichtung entstanden? Wer waren die Initiatoren?

Nach ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit im Rahmen der Opernproduktion „Dido & Aeneas“, an der sie jeweils mit ihren Ensembles Akademie für Alte Musik Berlin und Sasha Waltz & Guests beteiligt waren, gründeten Jochen Sandig und Folkert Uhde 2005 in privater Trägerschaft das Radialsystem V. Seit der Eröffnung im September 2006 stehen beide dem Haus als geschäftsführende Gesellschafter und Künstlerische Leiter vor.

Wer ist jetzt Träger der Einrichtung? Wie sieht die Finanzierung aus?

Die Radialsystem V GmbH betreibt das Haus heute im achten Jahr privatwirtschaftlich und unabhängig. Der Betrieb des Hauses muss durch Einnahmen aus künstlerischen Projekten, Vermietungen und gastronomischen Angeboten finanziert werden – die einzelnen künstlerischen Projekte werden regelmäßig von verschiedenen Partner und Institutionen unterstützt und gefördert.

Wie sieht Ihre Einrichtung in zehn Jahren aus? Welche Schwerpunkte setzen Sie in der Zukunft? Wo liegen die Herausforderungen?

Die größte Herausforderung besteht bisher und aktuell in der nachhaltigen Sicherung des Betriebes des Hauses als Ort für die Künste.

www.radialsystem.de

Dieser Text wurde verfasst von Ben Czernek, Pressemitarbeiter der Radialsystem V GmbH.

Die Essbare Stadt, Andernach

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Die Essbare Stadt Andernach haben wir ausgewählt als ein Beispiel für eine sinnstiftende Nutzung öffentlicher Grünflächen.

Andernach geht einen neuen Weg in der Stadtgestaltung. „Tomaten für jedermann im Schlossgarten, Tafeltrauben an den Häuserfassaden, ein Weinberg und ein Kräutergarten mitten in der Stadt: Andernach will grüner werden.“ So beginnt ein Zeitungsartikel, der darauf hinweist, dass Andernach, eine Stadt im Kreis Mayen-Koblenz, gelegen am Rhein, sich 2010 mit dem neu entstandenen Umgang mit der Gestaltung öffentlicher Grünflächen am Bundeswettbewerb „Entente Florale“ beteiligt hat.

Andernach wollte damals bewusst andere Wege in der Stadtgestaltung gehen, um die Stadt für die Bürger attraktiver zu machen. Wie bei vielen innovativen Projekten war der Weg steinig. Die „Essbare Stadt“ stieß bei einigen Kommunalpolitikern, bei der Stadtverwaltung und bei so manchem Bürger auf Skepsis.

Das jedoch hat die Macher nicht abgeschreckt. Im Schlossgarten wurden als Startschuss 300 Tomatenstauden angepflanzt. Dass hierfür alte Sorten verwendet wurden, ist bis heute der besondere Charme des Projekts. Neben der Biodiversität war von Anfang an ein sozialer Aspekt wichtig: Alte Obst- und Gemüsesorten und Zierpflanzen werden überwiegend von Langzeitarbeitslosen angepflanzt und gepflegt. Durch diese Initiative haben sie eine Aufgabe bekommen und erfahren von vielen Bürgern und Verantwortlichen neue Wertschätzung, die für sie lange verloren war.

Freiwilliges Engagement der Bürger sowie professionelle Unterstützung durch die Stadtgärtner der Stadt Andernach sorgen darüber hinaus für den Erfolg des Projekts, das auf Langfristigkeit angelegt ist. Die Bürger nehmen das Projekt sehr positiv an, befürchteter Vandalismus blieb aus und auch die anfängliche Zurückhaltung, sich aus dem neu entstandenen Angebot an Nutzpflanzen zu bedienen, ist großer Akzeptanz gewichen.

Das Budget für dieses Projekt war begrenzt. Für dieses Projekt waren im Stadthaushalt 50.000 Euro eingeplant. Angesichts des ehrgeizigen Ziels, die Grünflächen der Stadt von ihrer ausschließlich dekorativen Form zu befreien und stattdessen mit Obst- und Gemüsepflanzen zu bestücken, Beerensträucher zu pflanzen und – wie der Name schon sagt – essbar zu machen.

Das Projekt entwickelt sich weiter: Waren es anfangs nur die 300 Tomatenstauden, so nutzt das Projekt immer mehr der öffentlichen Grünflächen der Stadt Andernach. Seit Kurzem gibt es ein weiteres Modellprojekt vor den Toren der Stadt. Hier entsteht auf einem 9 Hektar großen Gelände ein Permakulturgarten, in dem sich ebenfalls Menschen ohne Arbeit für die Erhaltung alter und fast vergessener Tier- und Pflanzenarten engagieren, gesellschaftliche Wertschätzung erfahren und ihrem Leben eine neue Perspektive geben.

Die Teilnahme am Bundeswettbewerb „Entente florale 2010“ war ein voller Erfolg: Andernach wurde für die „Essbare Stadt“ mit der Goldmedaille ausgezeichnet!

www.andernach.de

Dieser Text wurde verfasst von Ralf Maier, Teammitglied von Geschichte trifft Zukunft – Occupy Villa Berg, auf der Grundlage der Website der Stadt Andernach.