Archiv der Kategorie: Gastbeiträge

Eine Frage an Ulrich Gohl: Können Sie uns Herkunft und Bedeutung der beiden modernen Plastiken nahe der Villa Berg erläutern?

Hinweis: Diese Texte wurden zuerst veröffentlicht in der Publikation „Im öffentlichen Raum. Kunstwerke und Denkmäler im Stuttgarter Osten“ (Ulrich Gohl, Bd. 10 der Reihe „Hefte zum Stuttgarter Osten“, Verlag im Ziegelhaus, 2010) und uns mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Verfügung gestellt.

In der Umgebung der Villa Berg gibt es zwei prägende moderne Plastiken: „Kreisende Adler“ von Fritz Melis und das „Mahnmal“ von Otto Baum.

Fritz Melis: Kreisende Adler

Östlich der Villa Berg in Richtung zu den ehemaligen Fernsehstudios des SWR, steht eine Skulptur, die viele nicht zuordnen können. Es handelt sich um die „Kreisenden Adler“ des Bildhauers Fritz Melis.

Melis wurde 1913 in Berlin-Pankow geboren. Zwischen 1933 und 1936 studierte er an der Akademie Berlin und wurde 1937 freischaffender Künstler. Militärdienst und Kriegsgefangenschaft (1938-46) unterbrachen seine Laufbahn. 1946 kam er nach Stuttgart, hatte Kontakt zu hiesigen Künstlern wie Otto Baum, Ida Kerkovius oder Alfred Lörcher – aber auch zu vielen Architekten, die Melis’ Arbeiten für ihre Bauten schätzten. 1958 erstellte er sich ein Atelierhaus in Bietigheim, wo ihn seine Mitbürger 1968 in den Gemeinderat wählten. Er starb 1982.

Melis’ künstlerischer Schwerpunkt lag auf den Tierdarstellungen, wobei er „das Tier trotz weitgehender Abstraktion (oder deshalb) wesenhaft zu erfassen“ suchte – so Günther Wirth in einem Text von 1983. Nicht selten zerlegte er die Gestalt in Dreiecke, so auch bei der äußerst dynamischen, fünfeinhalb Meter hohen Skulptur aus Kupferblech „Kreisende Adler“. Das für den Süddeutschen Rundfunk geschaffene, 1970 aufgestellte Werk ist heute in keinem sehr guten Zustand: Nähte sind geplatzt, Oberflächen beschädigt.

Otto Baum: Mahnmahl

Otto Baum kam im Jahre 1900 in Leonberg als Bauernsohn zur Welt und wuchs in Vaihingen auf den Fildern auf. Er arbeitete als Schlosser, Matrose, Holzbildhauer und Farbenverkäufer, ehe er von 1924 bis 1927 und von 1930 bis 1934 an der Stuttgarter Kunstakademie studierte. Bald hatte er erste Ausstellungen, schuf bedeutende Bauplastiken, besonders für Gebäude von Paul Bonatz. 1937 wurden seine Werke als „entartet“ aus Museen entfernt, Aufträge blieben aus. Er arbeitete heimlich in seinem Degerlocher Gartenhaus. Von 1946 bis 1965 war er Professor für Bildhauerei an der hiesigen Akademie und erhielt zahlreiche öffentliche Aufträge. 1949 baute er sich in Esslingen sein eigenes Atelierhaus. Ab Ende der 1950er-Jahre wurde Baum auch international anerkannt, blieb aber öffentlichkeitsscheu. In den 1970er-Jahren erkrankte er schwer und nahm sich 1977 das Leben.

Das Mahnmal hieß zunächst offiziell „Ehrenmal für die gefallenen Schüler der Wirtschaftsoberschule“ und wird heute als „Mahnmal“ geführt. Das zehn Meter breite Werk aus gemauertem Muschelkalk schuf der Künstler im Jahre 1960. Auf der Vorderseite ist abstrahiert die durch den Krieg geschundene Kreatur zu erkennen; für die beiden Weltkriege stehen die Ziffern „1914-1918“ und „1939-1945“, dazu kommt die Künstlersignatur. Flammen und Trümmer auf der Rückseite stehen für die materiellen Zerstörungen. Dieses herausragende Werk ist, wohl wegen Absenkung des Sockels, ungefähr in der Mitte auseinandergebrochen. Ein Blick auf die Rückseite ist wegen wuchernder Vegetation fast nicht möglich, außerdem haben hier Sprayer ihr Unwesen getrieben.

Das Mahnmal steht hinter der ehemaligen Wirtschaftsoberschule, der heutigen Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in der Sickstraße 165 im Raitelsberg. Es ist auch sichtbar vom südöstlichen Ende des Parks der Villa Berg.

 

 

 

Eine Frage an Michael Bott: Können Sie uns die Geschichte der Gartenkunst am Beispiel des Parks der Villa Berg erläutern?

Das Gastbeitrag ist eine Zusammenfassung einer umfassenderen, wissenschaftlichen Beitrags von Michael Bott, der als PDF unten angehängt ist.

Der Park der Villa Berg – Die Geschichte der Gartenkunst
(Michael Bott)

Wie viele andere Kulturgüter, z.B. in Form von Baudenkmälern, gehen historische Gartenanlagen durch die verschiedensten Ursachen im Laufe der Zeit unwiederbringbar verloren, werden sie nicht im Wissen um die Intuition und Idee ihrer Schöpfer gepflegt, die sie einst entstehen ließen. Auch das Land Baden-Württemberg sowie die Landeshauptstadt Stuttgart sind Eigentümer von einst prächtigen Parkanlagen ihrer einstigen Herzöge und Könige, die danach trachteten in Konkurrenz mit ihren europäischen Adelsgenossen standesgemäße, imposante sowie zeitkonforme Schlösser und Parkanlagen zu besitzen.

Da die Villa Berg sowie ihr Park in der letzten Zeit in das öffentliche Interesse gerückt sind, nehme ich diesen Umstand zum Anlass, hier in aller Kürze Grundzüge der Geschichte der Gartenkunst zu erläutern, um damit den Wert der Parkanlage als bewahrenswertes Kulturdenkmal zu unterstreichen und dessen zumindest teilweise Wiederbelebung allen Entscheidungsträgern nahezulegen.

Dabei ist es wichtig, den Wert historischer Gartenanlagen nicht nur an deren Ästhetik festzumachen, sondern auch an dem direkten Zusammenhang zwischen Formgebung und dem jeweilig herrschenden Zeitgeist. Man kann sagen, dass es grundsätzlich von der Renaissance bis zu den Gärten Anfang des 20. Jahrhunderts zwei übergeordnete Gestaltungsmaximen gab:

Die Erste war streng geometrisch ausgerichtet und hat die italienischen Renaissance-Gärten, sowie die französischen Barockgärten geprägt. Die aristotelische Idee, dass der Mensch die schlimmen Zufälligkeiten der Natur korrigieren könne, um ihr die Vollkommenheit, die sie haben sollte und nach der sie ständig strebte, wiederzugeben – gerade Linien, kreisrunde Meere und geometrische Bäume –, diese Idee war Zentralpunkt der Gestaltung französischer Barockgärten. Weiter hatte die Kunst die Natur zu beherrschen. Repräsentant dieser Epoche war König Ludwig, XIV. Um die Gartenanlagen als Gesamtkompositionen in diesem Sinne auszubilden, hatten sich deren Einzelelemente dieser Idee einzugliedern, bzw. unterzuordnen. Diese Einzelelemente waren beispielsweise:

  • Die Wegeführung: streng geradeaus, rechtwinklig, das Wegesystem spiegelbildlich, symmetrisch,
  • Die Pflanzen: streng, auch als geometrische Körper und Kunstwerke geschnitten,
  • Die Pflanzraster/Pflanzschemas: ebenso regelmäßig konzipiert, in Form von Alleen oder streng raumbildenden Hecken,
  • Die natürliche Geländeoberfläche: wurde „geschleift“ und neu geformt, aus Ebenen wurden  Terrassen, Treppen, Balustraden, Rampen,
  • Das Element Wasser: in geometrischen Becken gefasst, über Kaskaden geleitet, in Fontänen in den Himmel geschossen,
  • Parkbegleitende Kleinbauten: beispielsweise Pavillons aus Stein oder Eisen, ebenfalls im geometrischen Stil erbaut.

Die konträr dazu übergeordnete Gestaltungsmaxime fand ihren Ausdruck in den englischen Landschaftsgärten. Die Philosophie Rousseaus „Zurück zur Natur“ war stilprägend und Maxime für diesen Typus der Gartengestaltung. Die Natur selbst diente dabei als Vorbild für die Landschaftsarchitekten, diese konzipierten mit allen Mitteln Gärten, in denen beim Durchwandern verschiedene Sinneseindrücke entstehen sollten, wie beispielsweise

  • Szenerien der Erhabenheit und Größe, Verehrung des Altertums (Griechische oder Römische Tempel),
  • Szenerien der Vergänglichkeit (z.B. durch künstliche Ruinen),
  • Szenerien der Einsamkeit (z.B. Eremitagen mit angestellten Eremiten),
  • Szenerien der Exotik (z.B. Chinesische Pagoden),
  • Szenerien der Naturhaftigkeit (z.B. Grotten, Höhlen, Felswände),
  • Szenerien der Furcht und des Schreckens (z.B. Wolfsgeheul, Kreuze, Marterapparate).

Man spricht bei diesen Gärten ebenfalls von den malerischen oder poetischen Gärten. Ein Maler sollte in diesen Landschaftsgärten Motive finden für seine Malerei, aber auch umgekehrt sollten die Landschaftsarchitekten Motive bekannter Maler in die Landschaft umsetzen. Dasselbe gilt für den Bezug Poesie und Landschaftsgestaltung: Gärten sollten so gestaltet sein, wie sie Poeten in ihren Gedichten beschrieben. Zu der Art, wie die Kompositionselemente des formal-geometrischen Gartens aufgeführt wurden, bildeten die Kompositionselemente des an der Natur orientierten Landschaftsgartens konträr ihre Ausbildungsformen:

  • die Wegeführung weich, organisch geschwungen (oft auch Brezelwege genannt),
  • die Pflanzen und Bäume frei wachsend, geformt von den Einflüssen der Natur, bzw. des Klimas,
  • die Pflanzschemas mit freien pflanzlichen Individuen, gruppiert oder auch einzeln stehend,
  • die Form der Geländeoberfläche mit weich geformten Mulden, Hügeln und Tälern,
  • das Wasser in naturhaft geformten Seen und in Verbindung mit dem Wasser Orte der Ruhe, Einsamkeit, Melancholie oder als murmelnde Bäche, über Kaskaden und runde Kiesel gleitend,
  • parkbegleitende Kleinbauten, welche die oben aufgeführten Sinneseindrücke hervorrufen oder initiieren sollten (Vergänglichkeit, Einsamkeit etc.).

Der naturidealisierende, gemischte Gartenstil des 19. Jahrhunderts – eine Mischform aus beidem

Ab etwa 1820 etablierte sich im Bereich der heutigen Bundesrepublik ein eigener Stil der Gartengestaltung, der so genannte naturidealisierende, gemischte Gartenstil. Dieser wurde maßgeblich durch drei Landschaftsarchitekten geprägt, die auf ihrem Gebiet anerkannte Autoritäten waren:

  • Friedrich Ludwig von Sckell (1750-1823)
  • Hermann, Fürst Pückler-Muskau (1785-1871)
  • Peter Joseph Lenné (1789-1866)

Die Gestaltung dieser Gärten kann in Kürze etwa so umrissen werden: Sie bezieht ihre Art hauptsächlich aus dem englischen Landschaftsgarten, nimmt aber begrenzt Elemente des französischen bzw. italienisch-geometrischen Gartenstils wieder auf. In Bezug auf die Parkgestaltung hieß das meist, dass die Wegeführung und Pflanzschemas in der Nähe von Gebäuden geometrisch konzipiert waren und das Gebäude oder ein Platz in geometrischem Bezug zur Wegeführung stand. Je weiter sich Wege und die eng damit verbundenen Pflanzschemas jedoch von Gebäuden entfernten, desto organischer war ihr Charakter und umso naturhafter wurde das Landschaftsbild gestaltet. Der Begriff „naturidealisierend“ kann so beschrieben werden: Ein Gartenarchitekt, der mit der Gestaltung eines Geländes beauftragt war, sollte dieses nach dem Vorbild der Natur und der Natürlichkeit des Ortes entsprechend aufgreifen und darüberhinaus idealisieren. Mängel des Geländes im Einzelnen oder im Ganzen waren zu beseitigen oder zu verbergen, vorhandene Schönheiten aber herauszustellen und durch eine entsprechende Gestaltung zu würdigen.

Der Park der Villa Berg einst und heute

Nach diesem auf das Wichtigste verkürzten „Ausflug“ in die Geschichte der Gartenkunst nun wieder zurück zu unserem Park der Villa Berg, einst und heute.

Gartenkunst Kurzfassung

Park der Villa Berg, Handkolorierte Flurkarte um 1875 (Karte: Michael Bott)

Gartenkunst Kurzfassung

Plan der Heil- und Pflegeanstalt in Lengerich von 1863 (Peter Joseph Lenné)

(Anmerkung des Autors zum Plan von Peter Joseph Lenné: Wie voran den „naturidealisierenden, gemischten Gartenstil“ beschrieben, erkennt man den äußeren Bereich des Parks der Heil- und Pflegeanstalt Lengerich im Stil der englischen Landschaftsgärten naturhaft gestaltet, Wegeführung und Pflanzschemen weich organisch gerundet, während der zentrale Bereich der Anlage streng geometrisch gestaltet ist mit den Gestaltungselementen Wegeführung, Pflanzschemen, erkennbaren Symmetrie- und Spiegelachsen, sowie ebenflächiger Geländeausformung.)

Vergleicht man den Plan von Lenné (naturidealisierender gemischter Gartenstil) mit dem der Villa Berg um 1875, so erkennt man diesen Stil auf beiden Plänen, im Falle des Parks der Villa Berg in die hiesige Landschaft übertragen bzw. eingepasst, eben in modifizierter Weise, d.h. ein Gemisch aus geometrischer Gestaltung um die Gebäude herum (mit allen Elementen wie zu Beginn aufgeführt) und dann übergehend in eine naturhafte Gestaltung in den darauffolgenden bis peripheren Bereichen.

Vom ehemals weiträumigen, vielgestaltigen und zeittypischen Park (entworfen von Neuner, teilweise Leins) ist heute nur noch ein kleiner, in sich abgeschlossener Bereich relativ unverändert vorhanden, nämlich der Rosengarten mit dessen am höchsten Punkt liegenden Belvedere.

Über dieses, um 1860-1865 von Josef v. Egle entworfene, klassizistische Kleinbauwerk kann man in einem literarischen Werk von 1889 lesen: Im Westpark „begegnen wir einem zierlichen Weinberghause […], das von Hofbaudirektor v. Egle außerhalb des eben erwähnten Sees (Anm. des Autors: Halbmondsee) in dem dortigen Weinberg ausgeführt wurde, am Ende der Achse, die geradlinig durch die ganze Parkanlage läuft. In diesem anmutigen kleinen Bauwerke, das einer fröhlichen Hofgesellschaft zur Unterkunft dienen soll, klingt der Ton aus, der auch in dem Villa-Bauwesen angeschlagen wurde […]“ (Christian Friedrich von Leins, Die Hoflager und Landsitze des Württembergischen Regentenhauses, Stuttgart, 1889).

Das Belvedere (analog zur Villa im kleineren Maßstab) bildet den Kristallisationspunkt einer kleinen geometrischen Gartenanlage mit Symmetrieachse sowie rechteckig geformten Wegen und Blumenbeeten, Terrassen, Treppen und Balustraden und hat auf der unteren Ebene ein kleines Wasserparterre. Analysiert man, aufgrund welcher Veränderungen vom einstigen Charakter nicht mehr viel übrig geblieben ist, kommt man auf folgende Ursachen:

An erster Stelle aufgrund aller eingefügten Bauwerke, die der Villa und dem Park die „Luft nehmen“, der Villa ebenso ihre Priorität und Erhabenheit. Das Zusammenspiel zwischen Wegeführung und Pflanzschemas insgesamt ist entstellt, v.a. durch die Beseitigung von Wegen, bzw. durch Abänderungen der Wegeführung und das Fehlen von einstig vorhandenen Bäumen, bzw. Baumgruppen. Die Vielzahl an den unterschiedlichsten Baumarten, bzw. Varietäten ist in vielen Parkbereichen nicht mehr vorhanden, v.a. im westlichen Bereich beherrscht der Spitzahorn durch Naturverjüngung die Baumlandschaft. Verschiedene „Erlebnisbereiche“ haben sich aufgelöst durch das Fehlen baulicher Gartenelemente oder auch Grünstrukturen. Dies bezieht sich nicht nur auf die gestaltete Parklandschaft, die den Besuchern Europas Gartenkultur erleben ließ, sondern auch auf unsere typisch schwäbische Kulturlandschaft mit ihren einzelnen Komponenten, wie Waldflur, Rebflur oder Streuobstflur, die bewusst in den Park aufgenommen wurden.

Ein Beispiel: Aus den historischen Plänen (Flurkarten und Geometerplänen) geht hervor, dass südlich und südöstlich des Rosengartens ein kleiner Waldbereich, Rebflächen und Obstbäume eng beieinander lagen, somit in enger Abfolge durchlebt und erlebt werden konnten. Das Belvedere war in Rebflächen eingebettet, hatte östlich Waldbäume und westlich blütenreiche Obstwiesen angrenzend. Diese konnte man unter Nutzung der so genannten „Brezelwege“ in Zeiten der Obstblüte oder naschend in Zeiten der Obsternte lustvoll „durchschlendern“. Diesen „Erlebnisbereich“ gibt es so heute nicht mehr.

Mit Sicherheit wäre es eine Illusion, den Park der Villa Berg gänzlich wiederherstellen zu wollen. Schön wäre es jedoch, der Villa zumindest an einer Seite wieder das passende und von Neuner kreierte grüne Ambiente zurückzugeben und es wäre sicher lohnend, sich darüber hinaus Gedanken zu machen, wo diese entschwundenen Erlebnisräume vielfältigster Art – wie beispielhaft angeführt – auch an anderen Stellen wieder zurückgeholt werden könnten.

Michael Bott ist Gartenhistoriker und hat sich u.a. schon mit anderen historischen Parkanlagen in Stuttgart wie dem Kurpark von Bad Cannstatt, dem Lapidarium und der Karlshöhe befasst. In Bad Wildbad hat er sich mit der Rekonstruktion der Kuranlagen beschäftigt. Darüber hinaus ist er Mitautor der Bücher „250.000 Jahre Cannstatter Geschichte“ sowie „Gärten und Parks in Stuttgart“. Den gesamten Beitrag von Michael Bott können Sie als PDF hier nachlesen:

Eine Frage an Raphaela Schütz: Wie blicken Sie als Jugendliche auf Villa Berg und Park im Wandel der Zeit?

2015-10-25 13.04.28

Villa Berg – Im Wandel der Zeit
(Raphaela Schütz)

Einleitung

Ich habe mir das Thema „Villa Berg – Im Wandel der Zeit“ für meine Halbjahresarbeit an der Walddorfschule Silberwald ausgesucht, weil ich finde, dass die schönen Orte in Stuttgart immer mehr verschwinden oder vernachlässigt werden, so z. B. in der Innenstadt, wo anstatt Gebäude zu restaurieren immer lieber abgerissen wird, oder der Bahnhof und der Schlossgarten. Man sieht dies auch in Kleinigkeiten, dass z. B. der Aufgang von der Waldorfschule zur Uhlandshöhe nicht mehr gesäubert wird, oder dass auf die Treppe zwischen Werkstatthaus Ost und Spielplatz das ganze Laub und die Äste der Umgebung geworfen werden, so dass man sie gar nicht mehr benutzen kann.

Eigentlich wollte ich ursprünglich über mehrere Orte schreiben. Aber dann habe ich mich für die Villa Berg entschieden, da mein Lieblingsort der Rosengarten im Park der Villa Berg ist. Außerdem haben wir ein sehr neues Buch über die Villa mit interessanten Fotos gefunden.
Ich selbst wohne im Osten, ca. 30 Minuten zu Fuß von der Villa entfernt. Mein Kindergarten allerdings war ganz nah dran. Schon früher als kleines Kind war ich häufig von meinem Kindergarten aus im Park der Villa Berg. Da sind wir immer durch den Rosengarten gegangen. Und damals war immer Wasser in dem Brunnen, doch dann plötzlich war es weg. Außerdem wohnen Freunde von uns in der Nähe, mit denen wir oft mit ihrem Hund im Park der Villa spazieren gehen. Wir reden immer wieder darüber, dass die Villa und der Park mehr und mehr verfallen: zugenagelte Fenster, überwucherte Steinplatten, Bauzäune, Graffitis, Zerstörungen.

Ich finde es sehr schade, dass dieser schöne Ort so vernachlässigt wird. Wenn man sich dort aufhält, hört man viele Spaziergänger über die Villa und ihren schlechten Zustand reden. Seit Jahren kommen alle paar Monate Zeitungsartikel, in denen steht, dass die Stadt die Villa bald zurückkauft und sie renoviert, so dass sie endlich wieder genutzt werden kann – als was, ist umstritten.

Das Gebäude ist ständigem Wandel ausgesetzt. Das habe ich selbst erlebt. Zu Beginn meiner Arbeit war ich dort, um Fotos zu machen und habe festgestellt, dass das Gebäude und die Umgebung von Pflanzen überwuchert waren. Eine Woche später hatte das Gartenamt die meisten der Pflanzen abgeschnitten, leider auch das Efeu, das an einer Lampe so schön hoch gewachsen war. Noch eine Woche später war der Bauzaun, durch den man zuvor noch auf die Terrasse durchgehen konnte, durch eine Kette so gesichert, dass dies nicht mehr möglich war. Auch ist manchmal Wasser in Brunnenbecken und dann wieder nicht, je nach Wetter.

In der Arbeit schreibe ich über die Geschichte des Baus und die verschiedenen Nutzungen, über die ursprüngliche Architektur und den Park, über den heutigen Zustand, über die Skulpturen und über verschiedene Vorschläge zur Zukunft der Villa Berg. Die Fotos beziehen sich nicht immer auf den geschriebenen Text, sondern erzählen eigenständig die Geschichte der Villa Berg mit ihren Veränderungen im Laufe der Zeit. Dafür war ich häufig vor Ort. Insgesamt sind ca. 400 Fotos entstanden. Auch habe ich bei der Beschäftigung mit dem Thema und mit alten Abbildungen festgestellt, dass viele Statuen verstreut wurden und an anderen Orten wieder auftauchten. Um ihrem Verbleib auf die Spur zu kommen, war ich am Lapidarium, in der Staatsgalerie und im MUSE-O.

Die Villa war nicht so zerstört nach Krieg, dass man sie nicht wieder hätte aufbauen können. Gerne hätte ich sie in ihrem Originalzustand gesehen, vor allem das Innere. Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie man die Villa kaufen könnte. Wenn jeder Bürger ein paar Euro geben würde … Aber so einfach ist das ja anscheinend nicht.

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Villa Berg bin ich immer wieder auf Namen gestoßen, die man in Stuttgart von Straßen, Plätzen oder Gebäuden kennt: Hackländerstraße, Karlstraße, Karlshöhe, Karlsplatz, Leinsweg, Olgastraße, Olgaeck, „Olgäle“, Karl-Olga-Krankenhaus, Werastraße.

An meinem Geburtstag habe ich im Park der Villa Berg eine Rallye veranstaltet. Dazu hatte ich einen Fragebogen mit Fragen zur Villa Berg vorbereitet. So konnte ich ein bisschen auf die Veränderungen dieses schönen Bauwerks aufmerksam machen, und ich hoffe, es hat allen viel Spaß gemacht.

Eigentlich wollte ich gerne einen Film über die Villa Berg drehen, da es beim Filmwinter einen passenden Workshop gegeben hätte. Leider kam dieser mangels Teilnehmer nicht zustande. Daher bin ich bei einem anderen Kurs gelandet. Dort habe ich dann die Ur-Ur-Enkelin des Architekten der Villa Berg Christian Friedrich Leins kennen gelernt. Welch ein Zufall!

[…]

Heutiger Zustand

Der heutige Zustand der Villa ist nicht gut. Sie wirkt verwahrlost. Aus den Steinplatten vor der Villa wachsen viele Pflanzen und schieben die Platten nach oben. Die unteren Fenster der Villa wurden mit Spanplatten zugenagelt und eines der oberen Fenster wurde eingeworfen. Steingeländer wurden durch Metallzäune ersetzt, und es wurde ein Bauzaun um das immer baufälliger werdende Gebäude gezogen.

Graffitis wurden aufgesprüht – erstaunlicherweise aber nur auf den Spanplatten und in zwei Grotten, so, als ob die Sprayer Respekt vor der immer noch schönen Fassade des Bauwerks gehabt hätten. Allerdings gilt das nicht für das Garten-Belvedere/Rosengarten, dort ist im Äußeren und im Inneren des offenen Gebäudes alles voll gesprüht, nur die wunderschöne Holzdecke wurde verschont. Das Belvedere ist das einzige Gebäude, das noch einigermaßen im Originalzustand ist.

Die Nordflügel der Villa Berg wurden nach dem Krieg abgebrochen und dort ein SWR-Gebäude gebaut. Die vier Turmaufsätze der Villa wurden entfernt und es wurde ein Flachdach gebaut. Ebenso sind die vielen, vielen Statuen aus dem Park, an und in der Villa verschwunden (bis auf „Tag“ und „Nacht“ in der Nordfassade und den Nymphenbrunnen an der Ostseite). Fünf davon stehen in der Staatsgalerie, einige im Lapidarium, die Quellnymphe auf dem Pragfriedhof und einiges vergammelt im Obstkeller des Gartenamtes.

Der Park sieht ganz anders aus als früher. Der Halbmondsee wurde stillgelegt, wie alle anderen Brunnen auch. Ein Becken aus den 60iger Jahren hatte bis vorletztes Jahr noch Wasser, mit Fischen drin. Auf Nachfrage beim Gartenamt wurde gesagt, man müsse sparen. Wo früher Springbrunnen waren, sind nur noch leere kaputte Becken. Fast alle zusätzlichen Gebäude im Park sind verschwunden, wie z. B. das Torhäuschen oder die Orangerie. Die Pflanzen im Park und im Gartenbelvedere wachsen nicht mehr in dieser Fülle und Pracht wie früher.
Die später gebauten SWR-Gebäude sind mittlerweile ebenso runtergekommen wie die Villa.

[…]

Wo sind die Skulpturen?

Die einzigen noch vorhandenen Skulpturen an der Villa Berg sind der Nymphenbrunnnen an der Ostseite und „Tag“ und „Nacht“ in der Nordfassade. Viele der unzähligen Skulpturen an und in der Villa und im Park sind zerstört oder einfach verschwunden. Beim Vergleichen alter Abbildungen konnte ich feststellen, dass viele Statuen im Laufe der Zeit an anderen Orten im Park auftauchen, also umgestellt worden sind, z. B. der „Fischerknabe“, der erst im Belvedere stand und dann an einem Teich nahe der Kleinen Villa Berg.

Andere wurden verstreut und tauchen an ganz anderen Orten wieder auf. Es ist doch interessant, was im Leben einer Skulptur so passiert: Manche Skulpturen sind unglaublicherweise im Keller des Gartenamtes gelagert worden, wie die „Drei pausbäckigen Knaben“ von der Südterrasse. Die „Quell-Nymphe“ vom Rosengarten, bei der Wasser aus den Muscheln in ihren Händen heraus floss, wurde 1910 von Franz von Linden gemacht. Sie wurde aber zunächst wegen der Namensähnlichkeit zu dem „Nymphenbrunnen“ von der Ostseite der Villa dem Bildhauer Albert Güldenstein zugeschrieben. Seit den 60iger-Jahren stand sie bis 2007 auf einem Brunnen an der Südseite der Villa. Heute befindet sie sich aus Schutz vor Randalierern auf dem Pragfriedhof neben dem alten Leichenhaus und ist dort ihrer eigentlichen Funktion als Brunnenfigur beraubt.

In der Staatsgalerie in der Rotunde habe ich „Liebe macht blind“ von Donato Bacaglia aus dem Treppenhaus der Villa und vier weitere Statuen aus dem unteren Vestibül gesehen, die wegen des Winters in kleine Häuschen eingepackt sind.

Auch im Lapidarium, einem wunderschönen Ort im Stuttgarter Süden, an dem allerlei Skulpturen aufbewahrt werden, habe ich Skulpturen wieder entdeckt. Leider ist bis Mai geschlossen. Trotzdem konnte ich von außen das „Muckebüble“, das ursprünglich im Belvedere und später auf einer Wiese stand, die „Sandalenbinderin“, „Ingeborg mit dem Falken“, zwei Amphoren und die Lapis-Schale von Olga sehen.

Im Muse-O in Gablenberg soll das „Aschenbrödel“ von den Nordflügeln stehen. Ich habe sie leider nicht gefunden. Die „Jupitergruppe“ aus der Westgrotte wurde erst vor kurzem vom SWR für 50 000 Euro versteigert, da er Geld für seinen Neubau brauchte. Meine Lieblingsstatue ist eigentlich die „Winterstatue“, ehemals im Park, später auf der Südterrasse, die zusammen mit den drei anderen Statuen „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ zerstört wurde. Reste davon sollen im Stadtarchiv lagern, und eine Kopie davon steht in Freienwalde.

[…]

Die Autorin Raphaela Schütz ist 13 Jahre alt und hat sich im Rahmen ihrer Halbjahresarbeit an der Walddorfschule Silberwald mit der Villa Berg auseinandergesetzt. Der Gastbeitrag ist ein Auszug aus der Arbeit, der komplette Originaltext steht als PDF zur Verfügung. Die Arbeit entstand mit gedruckten Bildern und handgeschriebenen Texten und ist im Original in einem Ordner abgelegt. Der Wunsch der Autorin für Villa Berg und Park: „Ich selbst wünsche mir, dass erst einmal der Zerfall gestoppt wird, dass die Brunnen wieder fließen und der Park schöner wird, am liebsten wieder mit Pergolas und Skulpturen, und dass die Villa ein Begegnungsort mit einem schönen Café wird, wie es früher ja schon mal war.“

Eine Frage an Dr. Susanne Dieterich: Welche Rolle spielten die Ehefrauen von Fürsten und Königen und wie nahm Königin Olga sich ihrer Aufgabe an?

Großfürstliche und königliche Wohltätigkeit
 (Susanne Dieterich)

Hinweis: Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht durch das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (Hrsg.), Stuttgart 2008 in der Publikation „Olga – russische Großfürstin und württembergische Königin“ und uns mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Verfügung gestellt.

Soziales Engagement von Fürstinnen und Königinnen musste sich immer zwischen vielen Betätigungsfeldern bewegen und sich einen Platz schaffen. An der Seite eines regierenden Herrschers hatte sich die Ehefrau in die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit einzuordnen und konnte sich nur innerhalb der Vorgaben der Herrschaft ihres Mannes bewegen. Eigene Vorstellungen politischen Handelns mussten sich in den gegebenen Rahmen einpassen und konnten etwa im Falle sozialer Not allenfalls korrigierend oder vorsichtig reformierend umgesetzt werden, gesellschaftliche Übel nicht an der Wurzel gepackt, sondern höchstens gemildert werden. Viele Fürstinnen waren sich dieses Dilemmas durchaus bewusst. „Mit Suppenküchen allein lässt sich die soziale Frage nicht lösen“, so brachte es die Adoptivtochter Königin Olgas, Großfürstin Wera einmal auf den Punkt.

Für kluge und politisch interessierte Königinnen wie Katharina Pavlovna oder Olga Nikolaevna waren diese Einschränkungen gewiss nicht leicht hinzunehmen. Hinzu kam der Druck aus der eigenen, herrschenden Gesellschaftsschicht, bei allen Versuchen, Not und Missstände im Land zu lindern, den Status Quo zu erhalten. Königliche Wohltaten sollten auf keinen Fall grundlegende Veränderungen bewirken, allenfalls kosmetische Veränderungen und soziale Befriedung, auf dass Ruhe im Lande herrschen möge. Demgegenüber stand die Erwartungshaltung des gemeinen Volkes an ihre Königin als Landesmutter. Nachhaltige Hilfe und echtes Verständnis waren hier gefragt. Beiden Rollen gerecht zu werden, kam sicherlich einer Gratwanderung gleich. Es spricht für die Klugheit und das diplomatische Geschick von Königin Olga, dass sie bis heute als Wohltäterin für die Menschen ihres Landes positiv in Erinnerung geblieben ist.

Schon die Tatsache allein, dass sie ihre Aufgabe als glaubwürdige Landesmutter überhaupt angenommen hat, ringt auch heutigen Beobachtern Respekt ab. Hätte diese schöne, reiche, allem ästhetisch Schönen aufgeschlossene Frau doch durchaus auch den Annehmlichkeiten einer Spaßgesellschaft frönen können und die unbequeme, arbeitsintensive Seite der Rolle einer Frau an der Seite eines mächtigen Mannes einfach leugnen oder beiseite schieben können. Beispiele einer solchen Haltung gibt es genug, auch heute noch.

Doch die russische Großfürstin Olga hatte bereits als Kind gelernt, Augen und Ohren für andere zu öffnen, Pflichten anzunehmen und Disziplin sich selbst gegenüber zu üben. Das war Tradition bei den Frauen ihrer Familie. Vorbilder hatte sie bereits als Kind genug in der eigenen Umgebung. Ihre Großmutter väterlicherseits, die württembergische Prinzessin Sophie Dorothea von Württemberg alias Maria Pavlovna, hatte als Ehefrau des Zaren Paul und einflussreiche Mutter der späteren Zaren Alexander I. und Nikolaus I. mit beachtlichen Erfolgen versucht, durch Gründung von Wohltätigkeitsvereinen, Schulen, Findelhäusern und Waisenheimen, die Sozialpolitik in Russland zu beeinflussen. Sie hatte sich ebenso wie ihre Tochter, die Tante Olgas und spätere württembergische Königin Katharina, nicht mit kurzsichtigen Almosengaben begnügt, sondern mit langfristigen Hilfsmaßnahmen den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe angeboten und damit für nachhaltigen Einfluss auf die Bildungs- und Sozialpolitik in ihren Ländern gesorgt.

An der Seite ihrer Mutter musste Olga schon als Kind regelmäßig Besuche in Klöstern, Schulen, Spitälern und anderen Wohltätigkeitsinstitutionen unternehmen. Die hervorragende Erziehung und hohe Bildung, die sie am russischen Zarenhof einst genossen hatte, ermöglichten es ihr, das Gesehene und Erlebte in größere, politische Zusammenhänge einzuordnen. Schon ihr Taufname Olga war Verpflichtung, erinnert er doch an die „Heilige Olga“ aus dem 10. Jahrhundert, Großmutter des Kiewer Großfürsten Vladimir des Heiligen, von der es in der russischen Nestorchronik heißt: „War sie doch die Weiseste unter den Menschen“.

Im September des Jahres 1846 zog die frisch vermählte Großfürstin Olga an der Seite von Kronprinz Karl in Stuttgart ein. Anders als ihrer russische Vorgängerin Katharina im Jahr 1816 bot sich ihr in ihrer neuen Heimat nicht ein Anblick des Schreckens aus Hunger und Not, den Folgen von Krieg und Naturkatastrophen. Olga war nicht zu sofortigem Handeln gezwungen. Das Land hatte sich erholt, und wenngleich das Revolutionsjahr 1848 nicht mehr weit war, so konnte man die Umstände nicht vergleichen. Auch musste Olga nicht wie Katharina schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Württemberg den Thron besteigen, sondern konnte sich erst einmal in Ruhe einrichten und sich zusammen mit ihrem Ehemann ihrer gemeinsamen Neigung zur Kunst hingeben. Mit dem Bau der Villa Berg im Stuttgarter Osten als Wohnsitz des Kronprinzenpaares in klassizistischem Stil nach italienischem Vorbild setzte sie für die Architektur in der Residenz neue Akzente und fand im Stuttgarter Adel und Großbürgertum zahlreiche Nachahmer bei der Errichtung von repräsentativen Villen. In ihrer verständigen Liebe zu Musik und bildender Kunst schien Olga zunächst für ein Mäzenatentum im Bereich der Kultur geeignet.

Womöglich aber lagen der politisch hochinteressierten und begabten Zarentochter Fragen der Politik und des Regierens näher als die Beschäftigung mit sozialen Themen. In späteren Jahren, als König Karl sich resigniert durch die Beschneidung seiner Befugnisse als deutscher Fürst nach der Gründung des deutschen Reiches unter preußischer Führung immer mehr aus der aktiven Politik zurückzog, sagte der russische Gesandte Alexander Gortschakov, zwar sicherlich nicht ohne Anspielung auf Karls persönliche Neigung zu Männerfreundschaften, aber doch mit deutlichem Verweis auf Olgas Disziplin und politischen Ehrgeiz: „Sie ist der einzige Mann am württembergischen Hof.“ Doch ihre Rolle als Frau an der Seite des Kronprinzen und später des Königs drängte sie in ein enges Korsett und beschränkte sie auf die traditionell einzige den Frauen der Herrschenden zugestandene öffentliche Betätigung der Mildtätigkeit.

Noch hatte ihre Schwiegermutter Königin Pauline die bereits geschaffenen Wohltätigkeitsinstitutionen „besetzt“, und Olga unterstützte sie. Bevor sie eigene Akzente setzte, erfüllte sie zunächst die klassische Funktion der Schirmherrschaft für gemeinnützige Zwecke. So übernahm sie etwa im Jahr 1847 das Protektorat für die „Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder“ in Mariaberg. Im Dezember 1846 war der Trägerverein für eine Heil- und Pflegeanstalt in dem ehemaligen Benediktinerkloster Mariaberg gegründet worden, am 1. Mai des folgenden Jahres konnte die von dem Uracher Oberamtsarzt Carl Heinrich Rösch geplante Behinderteneinrichtung eröffnet werden. Mariaberg war eine von insgesamt 25 Anstalten im Land, um die sich Olga als Kronprinzessin und später als württembergische Königin persönlich kümmerte, bei zahlreichen Besuchen immer wieder nach dem Rechten sah, aus ihrem persönlichen Vermögen Geld gab und selbst nach geeigneten Lehrer, Betreuern und Ärzten suchte.

So auch für das bis heute bestehende renommierte Kinderkrankenhaus in Stuttgart, das „Olgäle“, das 1847 unter ihren persönlichen Schutz gestellt wurde. Es war fünf Jahre zuvor von zwei Stuttgarter Ärzten speziell als Krankenhaus für Kinder, Lehrlinge und jugendliche Arbeiter ins Leben gerufen worden. Dass es Bestand haben sollte und genügend Geld zur Verfügung war, ist dem persönlichen Einsatz Olgas zu verdanken. 1850 bekam es den Namen „Olga- Heilanstalt“, und die Schenkung eines Geländes durch die Stadt Stuttgart ermöglichte in den 1880er Jahren eine Erweiterung mit Neubauten. Ganz in ihrem Sinne dürfte die Gründung der „Olgäle-Stiftung“ im November 1997 unter der Schirmherrschaft SKH Carl Herzog von Württemberg gewesen sein. Wie damals bei Olga erweist sich die Tätigkeit einer Frau an der Seite eines einflussreichen Mannes als „Anstifterin“ zur Werbung um Spenden für eine gute Sache als wirksamste Methode des „Fundraisings“: die Gattin des ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Schuster mobilisiert unermüdlich die Stuttgarter Gesellschaft zum Stiften und Spenden.

Dass dies nicht immer eine leichte Aufgabe ist, davon spricht die Hofdame Eveline von Massenbach in ihrem Tagebuch am 22. April 1852: „Mit der Kronprinzessin in ihrem Kinderspital Olga-Heilanstalt, sie ist so herzig mit den Kleinen, bekümmert sich um alles. Erst viel später gestand sie mir, wie viel Überwindung diese Dinge sie gekostet […]. Auch das kleine Häuschen in der Wilhelmstrasse, wo der alte Dr. Wagner ein paar blinde Kinder mitgenommen, besuchte Ihre kaiserliche Hoheit häufig. Daraus entstand an anderem Ort – Forststrasse – die Nikolauspflege.“

Tatsächlich hat die heute weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Nikolauspflege am Kräherwald in Stuttgart, eine Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen, ihren Ursprung in einer Zwergschule für blinde Kinder, betrieben von einem Privatlehrer in einem Wohnhaus. Sie ist die erste von Olga selbst initiierte Stiftung, gegründet 1856 als Nikolauspflege, benannt nach ihrem geliebten Vater, dem russischen Zaren Nikolaus I., und sie markiert eine gewisse Wende in der Wohltätigkeit Olgas. Während sie bisher bereits bestehende Einrichtungen bestätigte und das Protektorat für bestimmte Einrichtungen übernahm, setzte sie nun mit der Gründung neuer sozialer Einrichtungen eigene Akzente.

Den Schwerpunkt legte sie dabei auf die Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend und die Ausbildung eigener Frauenberufe. Die Entstehung zahlreicher Kinderkrippen – Olgakrippen gibt es bis heute in vielen Städten des Landes – Kinderrettungsanstalten, Kleinkinderbewahranstalten mag als eine Reaktion auf die eigene, schmerzlich empfundene Kinderlosigkeit Königin Olgas gewertet werden. Die Gründung von Ausbildungsstätten für Mädchen und Frauen jedoch weist über persönliche Betroffenheit weit hinaus auf ihr Bestreben mit der Schaffung neuer, zukunftsorientierter Institutionen nachhaltig zu wirken. Dabei setzte sie auf den weiblichen Teil der Bevölkerung. 1873 stiftete sie eine Mädchenschule im Stuttgarter Westen, das Olgastift, in dem bereits im ersten Jahr des Bestehens 166 Schülerinnen von fünf Lehrern in sechs Klassen unterrichtete wurden. Jeder Klasse wurde eine Gouvernante zugeteilt.
In diesem Zusammenhang kam wohl auch der Bedarf nach weiblichen Lehrkräften auf, und so entstand z.B. nicht nur das Lehrerinnenseminar in Markgröningen, sondern auch eine Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen in Großheppach.

Die Ausbildung von Krankenpflegerinnen erschien Königin Olga ebenfalls von großer Wichtigkeit. Der Württembergische Sanitätsverein, nach der Genfer Konferenz und im Vorfeld der Entstehung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 1863 in Stuttgart zur Hilfe für verwundete Soldaten gegründet, richtete am städtischen Krankenhaus von Heilbronn eine Krankenpflegeschule ein, aus der die evangelische Olga-Schwesternschaft hervorging. Königin Olga, die 1865 die Leitung des Württembergischen Sanitätsvereins übernommen hatte, wurde die Schirmherrin der Olgaschwestern. Diese sollten dann für das nach dem Tod Königin Olgas 1894 im Stuttgarter Osten gegründete Karl-Olga-Krankenhaus, an das ebenfalls eine Krankenpflegeschule angeschlossen wurde, den Pflegedienst übernehmen.

Das 25-jährige Ehejubiläum des württembergischen Königspaares Olga und Karl am 23. September 1971 brachte noch einmal einen Aufschwung der Wohltätigkeit im Land. Zahlreiche Spenden zugunsten wohltätiger Zwecke wurden aus Anlass der Silbernen Hochzeit im ganzen Land gemacht, Stiftungen und Zustiftungen gegründet. So gründete Königin Olga selbst am 13. Juli 1871 die Karl-Olga-Stiftung zur Unterstützung „unverehelichter Töchter von verstorbenen verdienten Männern, welche im württembergischen Civil- oder Militärdienste gestanden sind“. Insgesamt 30 bedürftige „Präbenden“, also eine Art Pfründnerinnen, welche in den Genuss einer regelmäßigen finanziellen Unterstützung kommen, wurden von einer ehrenamtlichen Kommission ausgewählt, welche nun eine jährliche finanzielle Unterstützung zwischen 100 und 300 Gulden erhielten. Sie mussten mindestens 18 Jahre alt sein und das Zeugnis eines untadeligen Lebenswandels vorweisen. Sie blieben im Genuss der Präbende solange ihre Bedürftigkeit fortbestand und sie nicht heirateten. Ein unwürdiger Lebenswandel zog den Verlust der Präbende unweigerlich nach sich. Schwestern wurden nur in Ausnahmefällen gleichzeitig unterstützt. Das Stiftungskapital in Höhe von 105.000 Gulden kam aus dem Privatvermögen der Königin. Damit es „niemals verringert, sondern vermehrt“ würde, sollte das Stiftungsvermögen wie folgt angelegt werden: 5.000 Gulden sollten abgeschieden und die Zinsen und Zinseszinsen daraus dem Stiftungskapital zugeschlagen werden, bis zu 15.000 Gulden, davon sollten 10.000 Gulden dem Hauptkapital hinzugefügt und mit den übrigen 5.000 Gulden wieder genauso verfahren werden. So sollte die „milde Stiftung für ewige Zeiten“ gelten. Zustiftungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits im September 1874 stiftete die Witwe des Generalkonsuls Seybold den Betrag von 2.000 Gulden zu, im Februar folgten 50.000 Francs aus einem Graf-Loubal-Kapital, und Fürst Michael Gortschakov, inzwischen kaiserlich- russischer Gesandter in Spanien, zahlte im Sommer 1889 10.000 Francs in die Karl-Olga- Stiftung ein. Sogar der Gemeinderat der Stadt Stuttgart mit seinem Oberbürgermeister Sick an der Spitze erwies sich als spendabel: anlässlich der Silbernen Hochzeit vermachte er am 23. September 1871 ein „Grundstück an der Kasernenstrasse Parcelle Nummer 253, ein Achtel Morgen neunzehn Quadratruthen im Maß haltend“ zum Geschenk, für die Errichtung eines Neubaus für die von Königin Olga gegründete Kinderkrippe, „deren heilsame Wirksamkeit für die bessere Verpflegung der Kinder jüngsten Alters über eine große Anzahl armer Familien sich ausdehnt“.

Solche Gaben gehörten zweifellos zu den spektakulären Wohltaten im Umkreis der Mildtätigkeit der Königin und mögen sie ebenso befriedigt wie ermutigt haben. Ebenso die Schaffung eines Verdienstordens, den König Karl ihr zu Ehren „Olga- Orden“ nannte. Dass er „auf dem Geburtstagsfeste meiner Gemahlin der Königin Majestät und Liebden“ den Olga- Orden an den Leiter der Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen verlieh, war seine Art, ihr Respekt und Anerkennung auszudrücken. Und dass er anlässlich seines 25. Regierungsjubiläums 1889 einen Karl-Olga-Orden für Verdienste um das Rote Kreuz und den unter ihrem Protektorat stehenden Württembergischen Sanitätsverein stiftete, war ihr gewiss eine schöne Genugtuung.

Mühseliger gestaltete sich ihr Tun im Alltag. Hier sah sie sich tagtäglich mit zeitaufwändigen Repräsentationspflichten und gesellschaftlichen Terminen konfrontiert, mit dem Management ihrer bereits bestehenden Wohltätigkeitseinrichtungen, fleißigem Aktenstudium und nervtötenden Vereinssitzungen. Unzählige Eingaben wurden an sie herangetragen, Bittgesuche aller Art. Diese reichten von der Verwendung zugunsten einer Bad- und Waschanstalt für Bedürftige oder des Vereins zur Fürsorge für Fabrikarbeiterinnen bis hin zur Bitte um Fürsprache beim russischen Zaren noch kurz vor ihrem Tod 1892, die drei Söhne eines verarmten ukrainischen Leutnants auf Staatskosten in ein Militärgymnasium aufzunehmen.
Und zur Erlangung von Popularität gereichte ihr das Engagement für die am meisten Verachteten in der Gesellschaft auch nicht gerade, für den „Verein für entlassene Strafgefangene“ ebenso wenig wie für das „Rettungshaus für verbrecherische und entartete Knaben evangelischer Konfession auf dem Schönbühl“.

Königin Olga verweigerte sich nicht, auch als sie längst von Alter und Krankheit gezeichnet war, und obwohl ihr selbst von ihrem Schicksal wenig persönliches Glück, kaum unbeschwerte Lebensfreude und weder als Frau noch als Mutter erfüllte Liebe beschert wurde.

Literaturhinweise:

  • Das Königreich Württemberg 1806 – 1918. Monarchie und Moderne.
    Katalog zur Landesausstellung Baden- Württemberg. Landesmuseum Württemberg. Stuttgart 2006
  • Dieterich, Susanne. Württemberg und Russland. Zur Geschichte einer Beziehung. Leinfelden- Echterdingen 1994/2007
  • Olga, Königin von Württemberg. Traum der Jugend. Pfullingen 1955
  • Uhland, Robert (Hrsg.) Das Tagebuch der Eveline von Massenbach. Stuttgart 1997

Dr. Susanne Dieterich ist Historikerin und beschäftigte sich bereits in zahlreichen Publikationen mit dem württembergischen Königshaus und der Rolle der Frau in der Monarchie. Derzeit arbeitet sie für die Stadt Stuttgart im Bereich „Förderung Bürgerschaftliches Engagement“ und ist Geschäftsführerin des Initiativkreises Stuttgarter Stiftungen.

Eine Frage an Herr Scholtz: Wie könnte man ausgehend vom Engagement von Olga und Wera den Förder- und Stiftungsgedanken heute in der Villa Berg und dem Park aufleben lassen?

Geschichte bewahren – Zukunft ermöglichen – eine Idee

Seit dem Jahr 2005 ist die Villa Berg ungenutzt. In ihrer ursprünglichen Konzeption war sie die herrschaftliche Sommerresidenz des Kronprinzen- und späteren Königspaares Karl und Olga. Die umgebende Parkanlage – ehemals königlicher Garten – ist in großen Teilen vernachlässigt. Dabei blickt das gesamte Areal auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die bedeutsam und prägend für Stadt und Land war und ist.

Um einem weiteren Verfall entgegenzuwirken ist schnelles und gezieltes Handeln notwendig. Zur Entlastung der Stadt schlage ich eine auf das Areal fokussierte, gemeinnützige „Stiftung Villa Berg“ vor, die effektiver als die Stadtverwaltung selbst arbeiten kann, da diese stets Prioritäten setzen und mehrere Projekte parallel betreuen muss. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart und den beteiligten Behörden ist die Grundlage.

Eine „Stiftung Villa Berg« richtet ihren Stiftungszweck sowie ihre Organisationsstruktur vollkommen auf die Villa Berg aus und kann zur Unterstützung auf bestehende Netzwerke zurückgreifen sowie neue Kontakte knüpfen. Die dauerhafte Form einer gemeinnützigen Stiftung garantiert Neukonzeption und späteren Betrieb aus einer Hand. So bleiben Zuständigkeiten und Wissen erhalten. Bürgerschaftliches Engagement innerhalb der Stiftung ist gegeben. Ebenso ist das Einsammeln sowohl von Spenden – durch Einzelspender, Stiftungen und anderen Organisationen – als auch von Fördermitteln ein wichtiger Beitrag zum Gelingen des Projektes.

Leitbild und Ziel einer „Stiftung Villa Berg“

Das Ziel einer gemeinnützigen und operativen „Stiftung Villa Berg“ soll die Instandsetzung der Villa Berg sowie die Inwertsetzung des Parks – als eine Einheit, die ein Gesamtkunstwerk bilden – sowie deren Neukonzeption und Neunutzung sein. Sensibler Umgang mit der noch vorhandenen Substanz sowie Denkmalpflege sind dabei Grundgedanken. Der geschichtsträchtige Ort „Villa Berg“ sollte dabei nicht beliebig mit Inhalten gefüllt werden, sondern – neu interpretiert – an bisherige Nutzungen und Nutzer anknüpfen, Kontinuität herstellen und damit auch das Bewusstsein für die Bedeutung des Ortes stärken.

Anknüpfungspunkte für die Neunutzung der Villa können beispielsweise die sozialen Ideale und Ideen der Stifterin Königin Olga sowie der Herzogin Wera oder die ehemalige Nutzung für Kunst und Kultur als städtische Galerie, Sendesaal des SWR oder auch die Nutzung für das Haus des Dokumentarfilms sein. Auch die nationalsozialistische Geschichte des Ortes kann aufgenommen und aufgearbeitet werden.

Für den Park kann die historische Gestaltung als Landschaftspark mit Wasser, Licht und Skulpturen Ausgangspunkt für eine Neuinterpretation sein. An diesen Gedanken anknüpfend soll ein ebenso wichtiger Stiftungszweck die Förderung von Kunst, Kultur und Bildung sein. Da die Villa an einem Schnittpunkt wichtiger städtebaulicher Projekte, aber vor allem auch am Schnittpunkt dreier Stadtteile liegt und in Bezug auf Alter und kulturellen Hintergrund eine heterogene Nutzerumgebung – auch mit sozialen Problemen – vorliegt, soll das Areal in jedem Fall ein Ort des Austauschs und des Dialogs werden und als informeller Begegnungsort das soziale Miteinander fördern. Man sollte Menschen aller Alters- und Bevölkerungsgruppen ansprechen. Es sollte ein offener und lebendiger Ort werden, ein Ort für Junge und Alte, für Stuttgarter und Gäste der Stadt. Jeder soll willkommen sein.

Um das Projekt zu einem wirklichen und angenommenen Bürgerprojekt zu machen, sollte die starke Einbindung bürgerschaftlichen Engagements ein wichtiger Baustein für die Entwicklung des Projekts sein. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger aller Alters- und Bevölkerungsgruppen soll ihnen eigene Gestaltungsräume eröffnen und der Aneignung dienen. Zunächst werde ich diese Idee der Stadt präsentieren, ob eine Umsetzung für möglich erachtet wird und bei positiver Resonanz die nächsten Schritte einleiten.

Senator E.h. Ulrich Scholtz ist Vorstandsvorsitzender des Initiativkreises Stuttgarter Stiftungen e.V. und Vorstand der Knödler-Decker-Stiftung. Nach seinem Architekturstudium an der Hochschule für Technik Stuttgart arbeitete er u.a. als Projektbearbeiter beim Siedlungswerk Stuttgart und einer Wohnbaugesellschaft in Schwäbisch-Hall. Ab 1972 war er Partner und zwischen 1998 und 2001 geschäftsführender Gesellschafter der Kappes Scholtz Ingenieur- und Planungsgesellschaft mbH in Stuttgart. Heute arbeitet er neben den oben beschriebenen Tätigkeiten als selbstständiger Architekt und Immobilienberater und ist Ehren-Mitglied der Freunde der HFT Stuttgart.

Eine Frage an Herr Dr. Schloz: Sie haben ein historisches Filmdokument mit Aufnahmen von Villa Berg und Park entdeckt. Erzählen Sie uns davon? Was lässt sich aus dem Filmdokument für Villa Berg und Park folgern? Und haben Sie noch weitere Erkenntnisse zu deren Sozial-Geschichte?

(Beitrag als PDF lesen)

Die Villa Berg als stadtsozialer und touristischer Ort
Eine historische Betrachtung

Nun, einen Film zu ‚erzählen‘ ist ein heikles Ding, will man es nicht bei einer profanen Inhaltsangabe belassen, es fehlen ja die Bilder, die diesen eigentlich ausmachen. Aber wir können versuchen, uns seinen Botschaften zu nähern, auch wenn dazu wohl etwas detailverliebte ‚Erbsenzählerei‘ gehört, um ihn zum Sprechen zu bringen. Und in der Tat verhilft uns dies im vorliegenden Fall, etwas über die Villa Berg und ihren Park herauszufinden und etwas Leben in deren Geschichte zu bringen – und darüber hinaus zu weiterführenden Fragen und vielleicht auch Antworten zu kommen.

Konkret meint dies: zu erfahren, welcher Stellenwert Villa und Garten in Stuttgart zugesprochen wurde, und vielleicht auch, welche Bedeutung ihnen in der Selbstwahrnehmung der Bevölkerung zukamen. Und das in jener Zeitspanne, die sich zwischen dem Erwerb durch die Stadt 1915 und den kriegsbedingten Zerstörungen und nachfolgenden Veränderungen nach 1945 auftut, den zwanziger und dreißiger Jahren also. Es ist eine eher indirekte Spurensuche und orientiert sich somit mehr an Indizien und plausiblen Schlussfolgerungen denn an bereits beschriebenen Sachverhalten. Dafür gilt es etwas auszuholen, auch das äußere ‚Ansehen‘ der Stadt Stuttgart ist mit einzubeziehen, schauen wir also hin …

Ein Werbefilm über Stuttgart

Im Dezember 1935 findet in Berlin eine Filmpremiere statt. Der Film trägt den Titel: Stuttgart – die Großstadt zwischen Wald und Reben. Die Regie hatte Walter Ruttmann (1887 – 1941), ein in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus bekannter und auch anerkannter Filmemacher, der sich früh durch avantgardistische Kurzfilme, vor allem aber mit seinem bis heute filmhistorisch bedeutsamen Montagefilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt hervorgetan und einen Namen gemacht hatte. In den dreißiger Jahren arbeitete er bei der Universum Film AG – UFA (1933 durch den damaligen Eigentümer und deutschnationalen Medienmoguls Alfred Hugenberg faktisch an die NSDAP übergeben), drehte Kultur-, Werbe-, Industrie- und Propagandafilme, aus heutiger Sicht mit teilweise fragwürdigem da nationalistischem Gehalt. Es ist vor allem seine rhythmische Bildgestaltung, die in Verbund mit einer (taktgenau) daran ausgerichteten musikalischen Ton- und Musikbegleitung beim Publikum einen nachhaltigen, suggestiven Eindruck hinterließ. Und seine überaus prägnante Technik der kurzen Schnitte zwischen einzelnen Filmszenen sowie der assoziativen Übergänge zu nachfolgenden Filmsequenzen ist auch aus heutiger Sicht noch sehenswert und nachgerade modern.

Es ist nun dieser Regisseur, der seinen dokumentarischen Werbefilm über Stuttgart einem zunächst fernen Publikum präsentiert – aber das ist ja auch die eigentliche Zielgruppe dieses Unterfangens: der Fremde, der bislang noch nicht seinen Weg in die württembergische Hauptstadt gefunden hat, als Tourist und Gast, Handlungsreisender und möglicher Geschäftspartner. Aber eben auch als Heimkehrer ‚aus fernen Landen‘ in die ‚heimatlichen Gefilde‘. Oder gar als einer, der Kunde erhalten soll von dieser bemerkenswerten Stadt, in der sich nunmehr so nachdrücklich und bewundernswert Altes als heimelig Bewahrtes – und gleichzeitig Neues als kulturell Fortschrittliches nebeneinander als gleichwertig und wertvoll ergänzen …

Denn: der Film hat einen weiteren, nachfolgend eingeblendeten Untertitel: … die Stadt des Auslanddeutschtums, und daraufhin: Ein Ufa-Ton-Kulturfilm. Hintergrund ist, dass in Stuttgart mit dem 1917 gegründeten deutschen Ausland-Institut (DAI) – „ein Werk des Friedens mitten im Krieg“ – schon vor der Machtergreifung intensive Kontakte zu im Ausland lebenden Deutschen bestanden. Das DAI hatte neben einer umfassenden Dokumentation von Volkstumsgruppen weltweit vor allen die Beratung und Betreuung Ausreisewilliger zur Aufgabe. Nahezu zeitgleich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Institut ‚reorganisiert‘ und im Sinne der NS-Volkstumspolitik neu ausgerichtet und finanziell deutlich besser aufgestellt. Der 1933 zum Oberbürgermeister gemachte Karl Strölin, bedacht, ’seine‘ – eher liberal orientierte, NS-politisch etwas renitente – Stadt in Berlin aufzuwerten, konnte darauf aufbauend im September 1936 den Stadt-Ehrentitel „Stadt der Auslandsdeutschen“ entgegennehmen.

Der Film Ruttmanns nahm dieses Thema gleichsam im Vorgriff auf (und hatte vielleicht auch die Funktion eines Wegbereiters), war aber darüber hinaus Werbeträger für die Stadt selbst, gab der Welt) ein Bild von sich, ein begehrenswertes nachgerade. Mit einer Länge von knapp 14 Minuten war er als Vorfilm des Hauptprogramms in Kinos gut geeignet, konnte so seine werbenden Absichten einem breiten Publikum nahe bringen. Und ohne Kenntnis darüber zu besitzen, wie breit und intensiv der faktische Einsatz als Werbemittel war, mag doch der Hinweis in der Chronik der Stadt Stuttgart für den Mai 1937 in eine solche Richtung weisen: 100 Film-Kopien würden für den Einsatz in den Auslandsorganisationen des DAI eingesetzt werden, wird berichtet, zweifellos zusätzlich zu den bereits bestehenden.

Nun aber – endlich – zum Inhalt des Films selbst …

Stuttgart, Bewahrung und Moderne

Der Film lässt sich in drei Teile gliedern: einen kurzen ersten Teil (ca. 1:50 min mit Titelei), der auf belehrende Weise die Idee der weltweiten deutschen Volksverbundenheit bemüht (womit die propagandistische Seite im Wesentlichen abgearbeitet ist).

Es erfolgt als zweiter, klar getrennter Teil der Eintritt in die eigentliche Filmhandlung, der die Werbeintention gleichsam maskiert. Als gespielte Rahmenhandlung wird die Geschichte eines Bruderpaares erzählt, wovon der eine, der ‚Hans‘, seinem Bruder, dem ‚Georg‘, per Brief seine baldige Ankunft in Stuttgart mitteilt. Vor 22 Jahren, wie wir erfahren, nach Südamerika ausgewandert, steht nun erstmalig ein Wiedersehen in der alten Heimat an. Er, der Hans, hat also seine Stadt und Heimat noch vor Ausbruch des ersten Weltkrieges gen Übersee verlassen (1935 – 22 J. = 1913), hat die Bilder der trauten großen Stadt von damals im Kopf und wird nun in eine deutlich veränderte Welt zurückkommen, nach dem 1. Weltkrieg 1914-1918, nach Inflation und Währungsreform 1923, nach der Weltwirtschaftskrise um 1930 – und natürlich auch nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933.

Wir erleben filmisch die Verschickung des Briefes per Zeppelin (Südamerikalinie), als Luftfracht mit ‚Vogelflugblick‘ von Südwesten her auf den Stuttgarter Talkessel zu, als Zustellung durch den lokalen (neugierigen) Postboten – meist in nur kurzen Filmsequenzen. Und daraufhin die Reise von Hans selbst per Eisenbahn (und Stuttgart erzeigt sich als Schnittpunkt der großen europäischen Durchmesserlinien der Eisenbahn), als Zugfahrt durch süddeutsche Lande, als panoramische Annäherung an die Stadt durch blühende Gärten via Gäubahn-Trasse und schließlich die Einfahrt in den Stuttgarter Hauptbahnhof. Sein Bruder Georg empfängt den so lange nicht gesehenen Gast aus der Fremde, er wirkt dabei – als Schwabe! – selbstbewusst und durchaus stolz. Er lässt sich mit ihm durch den ‚gläsernen‘ Aufzug auf die bewirtschaftete Café-Terrasse des Bahnhofturms tragen – metaphorisch: Stuttgart ist höher und voran gekommen. Dort dann, mit Blick auf die Weite der Stadt längs der belebten Königstrasse fallen die Worte: „Na Hans, was saggsch jetzt?“ – „Da sag i garnix meh, da gugg i bloß.“

Und nun also, mit diesem Rundblick über den inneren Stadtkessel, beginnt der dritte Abschnitt des Film, der eigentliche ‚werbende‘ Teil – geschickt inszeniert und ‚geschmacklich‘ vorbereitet durch die vorangegangenen Bilderfolgen. Die Stadt wird in der Folge vorgestellt, ähnlich eines Reiseführers werden die neuen, modernen Hochbauten der Stadt in einer filmischen Abfolge aneinandergereiht: Oberpostdirektion, Hauptbahnhof, Tagblattturm, Breuninger-Hochhaus … Dann die Dynamik des automobilen und öffentlichen Verkehrs … Es folgen getragene Filmsequenzen der alten Fachwerkstadt im Zentrum der Stadt, mit malerischen Gassen und ziegelbedeckten Dachlandschaften … Weiter die repräsentativen Bauten von Altem und Neuem Schloss, den Staatstheatern … Das Wasser übernimmt sodann die Regie der Präsentation: Mineralquellen und -bäder, die sportliche Betätigung draußen überhaupt, und da wird Stuttgart zur Stadt am Fluss: Inselbad am und Paddelvergnügen im Neckar, die Jugend erfreut sich an Wassersprüngen …

Und Schnitt! : … ein Tropfen fällt ins Teeglas, danach eine langsame Kamerafahrt längs der Café-Tische auf der bewirtschafteten Westterrasse der Villa Berg, gediegenes Publikum, dann durch das Rosenparterre, unter schattigen Bäumen und durch gepflegte Park- und Gartenlandschaften, verweilend an reizvollen Wasserspielen und dem fischreichen Seerosenteich. Achten wir auf die Zeitdauer: Minute 10:23 bis 11:58, also 1 min 40 sec. dauert diese Sequenz, die ein kurzes bewegtes Leben einhaucht in Fotografien, wie sie gängig diese Lokalität sonst nur zeitbezogen zeigen. Daraus vier Film-Standbilder zu Illustration …

Die Villa und ihr Park gleichsam als geruhsamer, nachmittäglich-abendlicher Ausklang eines Tages (Schnitttechnik und musikalische Untermalung sind auch hier immer genauestens getaktet und situativ angepasst). Das eher gutsituierte, bürgerliche Publikum geniest die entspannte Ruhe und gepflegte Schönheit des ehedem fürstlichen Anwesens, weiß sich eingebettet in gehobene Gefilde, wie es nur wenige Dezennien vorher so noch nicht vorstellbar war …

Danach folgen in den verbleibenden 2 Minuten im Film noch die fast elegische Sicht auf Gräber prominenter Geistes- und Industriegrößen – und wiederum harter Schnitt: die Welt der industriellen Produktion, Daimler und Bosch stellvertretend, wird in einem rasanten, fast sekündlichen Szenenwechsel höchstdynamisch in Szene gesetzt, eine expressionistisch inszenierte Huldigung an die moderne Technik. Noch eines drauf setzt die abschließende Szenenfolge, in der Stuttgart mit stilistischen Mitteln als Stadt mit weltweiter Kommunikation dargestellt wird (der nahe gigantische Großrundfunksender Mühlacker lässt grüßen). All dies musikalisch kongruent mit durchkomponiertem Orchesterklang unterlegt zur (durchaus gelungenen) Steigerung von Wirkung und Nachdrücklichkeit. Und so endet dieser dokumentarische Werbefilm über Stuttgart auch mit einem heiteren Panoramablick auf den Talkessel, mit melodischer Untermalung durch das bekannte „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus …“

Aber gehen wir zurück zur Sequenz, die den Park der Villa Berg 1935 eben auch in seiner damaligen Nutzung zeigt. Die Bilder sind eindeutig: ein überaus gepflegter, angenehm ruhiger Ort der gefälligen Kontemplation, Caféatmosphäre par excellence, eine opulente gärtnerische Umgebung, weitläufigere wie auch intimere Parkpartien für gesuchte Geselligkeit – gleichsam ein Ort außerhalb des Alltags: als wäre immer Sonntag. Was der ‚historischen Wahrheit‘ so fern ja nicht mal stand.

Um im Kontext des Films insgesamt zu bleiben und eine Einschätzung zu wagen hinsichtlich unserer Eingangsfragen: Park und Villa Berg scheinen in den dreißiger Jahren schon ein besonderes Kleinod gewesen zu sein, vorläufig zumindest aus der Sicht eines darin geschulten Walter Ruttmann, der für seinen dokumentarischen Werbefilm die vorfindlichen Gegebenheiten, die örtlichen Eigenheiten und auch Wertschätzungen zu berücksichtigen hatte – mit sicherlich gewissen Freiheiten in der Gewichtung der einzelnen Elemente. Aber das ‚Gesamt‘, es musste stimmen und auch den Auftraggeber überzeugen und zufriedenstellen.

Von den 14 Minuten Gesamtlänge gehen für Titelei, Propagandavorspann und ‚Bruder-kommt-heim‘-Geschichte knapp 5 Minuten ab – rechnen wir davon aber 1 für da bereits eingeblendete Stadtansichten weg –, verbleiben also 10 Minuten für die eigentliche Präsentation der Stadt für den Beschauer. Die meisten Szenen dauern nur wenige Sekunden, sind in rascher Schnittfolge angeordnet – und dann folgt der Cut zur Villa Berg in ruhiges Fahrwasser mit deutlich längeren Einstellungen. Für eindreiviertel Minuten, das sind mehr als 15 Prozent der Stadtpräsentation insgesamt, ein erstaunliches Gewicht somit, das dieser Lokalität gegeben wird.

Man darf plausibel daraus folgern, dass Villa und Park ein offensichtliches ‚Aushängeschild‘ der Stadt darstellen, auch im Selbstverständnis seiner Bewohner, dem fremden Blick stolz nahegeführt und so quasi ans Herz gelegt. Seit nur zwei Jahrzehnten im Eigentum der Stadt und – die Villa – erst seit 1925 in öffentlicher Nutzung ist das ein bemerkenswertes Zeichen. Ruttmann interessiert sich nicht für mögliche andere städtischen Attraktionen – kein ansehnlicher Schloßplatz, kein quirliger Stadtgarten, auch keine exotische Wilhelma: alles durchaus namhafte und weithin bekannte Orte wie Anderes mehr, aber sie tauchen bei ihm nicht auf – vielleicht, weil es ihnen an der nötigen ‚Erhabenheit‘ mangelt, die sich als struktureller Kontrast passend in seine Filmdramaturgie einfügt.

Man kann berechtigt einwenden, dass eine solche Sichtweise und Wertung doch etwas überzogen sei, aus zu dünnem Holz geschnitzt und überhaupt die Mücke sich im Gewand eines Elefanten kleide … D’accord, kann sein. Und deswegen wollen wir die Recherche etwas weiterführen und ausweiten, über andere Zugangswege, um eine mögliche Bestätigung der besonderen Reputation dieses baulich-gärtnerischen Ensembles zu erhalten.

Blicke auf die Stadt, die Villa, den Park

05_Ansichtspostkarte Villa Berg

Villa Berg, Westansicht, Kolorierte Ansichtskarte, um 1910

Da sind zum Einen die Ansichtskarten von Villa und Park, die in augenscheinlich großer Zahl bereits vor der Jahrhundertwende, aber auch danach, eine beliebte Weise waren, postalisch vom eigenen Aufenthalt in Stuttgart zu künden. Als Lithografie, Zeichnung oder frühe Fotografie, einfarbig oder mit Kolorierung (siehe Abbildung oben) senden sie ihre ästhetischen Bildbotschaften in die Ferne: schaut her, was wir hier Schönes haben, was es hier Besonderes gibt! – Im Archiv der Stadt Stuttgart gibt es dazu ein Konvolut von über 50 verschiedenen, teils ‚frischen‘, teils versendeten und beschriebenen Postkarten, meist mit Abbildung der Villen-Westfront unter Einbeziehung des Rosenparterres. Aber eine Vertiefung bietet sich auf Grundlage dieses dennoch beschränkten Materials weniger an, zur sehr dominiert die Architektur die Bilder in recht gleichförmiger Weise und standardisiertem Blickwinkel.

Wir wollen hier einen anderen Weg beschreiten – neben durchaus weiteren möglichen –, mehr über die öffentliche Rezeption dieser Lokalität im Zeitverlauf herauszufinden, vor allem auch, gegebene Veränderungen aufzuspüren. Dazu werden wir einen vergleichenden Blick auf jene Druckwerke werfen, die eine – im Vergleich geschulte – ‚objektive‘ Wertung so richtig zur verlegerischen Verpflichtung und zum beworbenen Anspruch gemacht haben und in hohen Auflagen ihre Leserschaft gefunden haben: die Reisehandbücher, Stadtführer und Tourist Guides, die dem Fremden das Unbekannte eröffnen und mit verlässlichem Rat seine Entdeckungsreise begleiten sollen.

Das geschieht im Sinne einer kleinen Archäologie von ‚Schichten‘ der Fremdbeschreibung durch die Jahrzehnte, in den verschiedenen Auflagen von maßgeblichen Führern, um sensibel die Veränderungen bei der Beschreibung wahrzunehmen. Dies mit Zielsicht auf die Zeit zwischen den Weltkriegen, jedoch unter Hinzunahme von Veröffentlichungen aus früherer Zeit, als Villa und Park noch herzogliches Eigentum waren.

Halten wir zuvor nochmals die zeitlichen und nutzungsbezogenen Eckdaten fest, um eine bessere Einordung des Nachfolgenden zu ermöglichen. Erbaut 1846 – 1853 diente sie Kronprinz Karl und seiner Gemahlin Olga vor allem als privater Landsitz und sommerliches Refugium. Karl überschrieb 1864 anlässlich seiner Krönung zum König von Württemberg Villa und Park an Olga, die sie wiederum 1892 an ihre Adoptivtochter Wera vererbte. 1912 ebenfalls verstorben, verkaufen deren beiden Zwillingstöchter Elsa und Olga als Erben 1913 die rund 24 Hektar Park mit allen Gebäuden an die Stadt Stuttgart, letztlich inflationsbedingt für lau – ein vertragsbedingt unfreiwilliges Geschenk an die Stadt. Der Erste Weltkrieg, die politisch instabile Lage danach, die zunehmende und schließlich galoppierende (Hyper)Inflation mit Währungsreform Ende 1923 führten dazu, dass die Villa in der Folge für längere Zeit für die Unterbringung von Schwerstverwundeten und dann wohl in den Folgejahren allenfalls sporadisch und unspezifisch genutzt wurde. Der umzäunte Park war jedoch öffentlich zugänglich, mit abendlichen Schließzeiten. Die ab 1924 rasant sich bessernden wirtschaftlichen Verhältnisse – Stuttgart wird in den Folgejahren, wie viele andere deutsche Großstädte auch, zur wirtschaftlichen und kulturellen ‚Boomtown‘ – und vor allem die großzügige Schenkung einer bedeutenden Sammlung schwäbischer Expressionisten seitens des Marchese Silvio de Casanova bringen Bewegung in die Sache.

Die Stadt investiert in eine vor allem technische Ertüchtigung des Villengebäudes (elektrische Beleuchtung, Zentralheizung, neue Sanitäreinrichtung uam.), baut die (nördlich anschließenden) Remisen und Stallungen zu Cafe und Restaurant um und nutzt das Obergeschoß als städtische Gemäldegalerie. Das Erdgeschoß wird in den folgenden Jahren bis in den 2. Weltkrieg hinein für repräsentative Empfänge und festliche Anlässe der Stadt vorgehalten, feierliche (‚Wieder-‚)Eröffnung war im Mai 1925. Der Park erfährt – unter anderem durch einen neu gestalteten Kinderspielplatz, aber auch botanische Anpassungen – eine Umgestaltung zu einem ‚Volkspark‘, der sich offensichtlich mitsamt der Restauration bei der Stuttgarter Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute. In den Brandbomben des 2. Weltkrieges endet diese intensive Episode in der Geschichte von Villa und Park und transformiert beide in eine andere ‚Lebensform‘, die zunehmend in einen Dämmerzustand übergeht. Dies soll hier nicht weiter interessieren, wohl aber die Jahre davor mit Fokus auf die öffentliche Nutzung in den 20er- und 30er-Jahren.

Reisehandbücher, Stadtführer und Tourist Guides

Baedeker der Reiseführer-Überflieger

Das Handbuch für Reisende von Baedeker bildet gleichsam die Referenzklasse der Reiseführer für Regionen und Länder bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. 1842 erschien erstmals der Titel Deutschland, der in vielfachen Auflagen – mit entsprechenden inhaltlichen Modifikationen – bis in die 1930er vertrieben wurde. In Ergänzung gab es Ausgaben mit größerer regionaler Eingrenzung. Eine hier vorliegende englischsprachige Ausgabe von 1873 (in 3. Auflage) mit dem Titel Southern Germany and Austria, including the Eastern Alps, ein rund 500-Seiten-Werk, beginnt mit der Beschreibung von Stuttgart und näherer Umgebung und widmet ihr immerhin knapp 13 Seiten. Die Stadt „is the most beautifully situated of German capitals“ – wenn das nichts ist! Und in der 7. Auflage von 1891 (die Nachfrage scheint groß gewesen zu sein) lesen wir immerhin: „is beautifully situated and surrounded by picturesque vine-clad [weinberankte] and wooded heights.“

06_Baedeker 1891 Karte

Stuttgart nach Nord-Ost, 1891, Baedeker

Dieser Ausgabe ist auch eine Karte Stuttgarts beigegeben, die in ungewöhnlicher Ausrichtung längs des Nesenbachtals auch in verkleinerter Sicht deutlich macht, wie ‚entfernt‘ zu jener Zeit der Stadtteil Berg (eingemeindet 1836) lag: nah am Neckar, aber mit 3/4 Stunden Gehzeit aus dem historischen Zentrum (: dem Residenzschloß) nur zu erreichen. Zusammen mit dem Schloß Rosenstein und der Wilhelma war die „Royal Villa“ also ein veritables halbtägiges Ausflugsziel Von dort aber bietet sich ein „charming view“, auf Cannstatt hinüber und in die Weiten der Neckarauen wie auch retour gen Stadtzentrum. Ein Besuch von Villa und Park war in den Sommermonaten möglich, bedurfte allerdings der Planung: „Tickets of admission obtained at the office oft the Obersthofmeister [sic!], at the Alte Schloss (ground-flor, 8-9 a.m.)“ Der Eintrittspreis berechtigt während des Sommer-Halbjahrs für den Besuch des Parks und die Besichtigung der Villa, deren Ausstattung ebenfalls Erwähnung findet.

Jene war im Grund spätestens ab der Errichtung der sog. ‚Kleinen Villa‘, die Königin Olga noch 1880 im östlichen Parkbereich für ihre bereits verwitwete Adoptivtochter Wera und deren Zwillingstöchter hatte errichten lassen, nicht mehr regelhaft bewohnt, auch der eher bürgerliche Lebens- und Wohnstil von Herzogin Wera mag dafür Indiz sein. Insofern war wohl der Erdgeschoßbereich den Besuchern zugänglich, die im Verhältnis dazu ‚einfacher‘ gehaltenen Wohnungen im Obergeschoß wohl eher nicht.

Die zentrumsferne Lage des Stadtteils Berg führt dabei regelhaft zur (reiseführergängigen) Erwähnung gegen Ende der Stuttgart-Beschreibung, unter dem Unterkapitel ‚Umgebung‘: „Die Anhöhe südl. krönt die Villa in Berg (…), mit schönen Anlagen, ansehnlichen Gewächshäusern und einigen Kunstwerken“; Gemälde, Skulpturen, Büsten, Brunnen werden wertschätzend erwähnt. Dieser Text wird in allen folgenden Ausgaben grundsätzlich beibehalten (1903 … 1929).

Was die Gesamtstadt anbetrifft: die vorliegende deutsche Süddeutschland-Ausgabe des Baedekers von 1903 (28.Aufl.) bleibt beim Grundtenor der obigen (englisch übersetzten) Vorlage: „Stuttgart […] liegt reizend in einem weiten Thalkessel (3-4km vom Neckar), umgeben von zahlreichen Landhäusern, Rebenhügeln und waldbekränzten Höhen.“ Das bleibt leicht modifiziert gleich in den folgenden Auflagen (1906, 1909), auch die ‚komprimierten‘ Ausgaben Deutschland in einem Bande von 1906 und noch 1913 übernehmen diese somit lange Jahre gültige Charakterisierung. Spätere Ausgaben (1926, 1929 – der letzten 33. Auflage) bieten einen veränderten Grundtext, so vor allem die ausführlichere Regionalausgabe Württemberg und Hohenzollern von 1925, in der es heißt: „Der Kern der Stadt, mit den älteren Vorstädten, liegt reizend in einem vom Nesenbach durchflossenen Talkessel, der sich nur nach Nordosten zu dem 3 km entfernten Neckar hin öffnet. Neuere Landhausviertel breiten sich zwischen schönen, jetzt mehr und mehr verschwindenden Weinbergen und Obstgärten an den Talhängen bis auf die waldbekränzten, aus Keuper bestehenden Höhen aus“. Das immense Bevölkerungswachstum der vergangenen 4 Jahrzehnte forderte ihren zwangsläufigen Besiedlungs-Tribut.

Da war das umzäunte Areal mit der heiteren Neo-Renaissance-Villa schon länger zu einer Art ‚herrschaftlicher Trutzburg‘ geworden, die dem ringsum waltenden immobiliären Verwertungsprozess lange Grenzen geboten hatte – privates, fürstliches Eigentum –, bis sie dann ja 1913 in ihr vorläufig ungewisses ’städtisches Schicksal‘ entlassen wurde. Und so vermelden denn die Baedeker der nachfolgenden Jahre auch: „… jetzt im Besitz der Stadt …“.

Da heißt es dann weiterhin (1925; verkürzt 1926, 1929) „… im Erdgeschoß Repräsentations­räume; im ersten Stock die Städtische Gemäldesammlung (…). In dem schönen seit 1913 als öffentlicher Park (Restaur. im Seitenflügel der Villa) zugänglichen Garten Statuen der vier Jahreszeiten, von Kopf, ferner Bronzebüsten des Kaisers Nikolaus I. von Rußland und seiner Gemahlin, von Rauch; hübsche Rosenlauben“. Einen ’späteren‘ Baedeker gab es nur noch als Deutsches Reich – Autoführer (1936), in dem entsprechend kurz die „Villa Berg (städt. Besitz; Café-Restaurant), mit Gemäldesammlung und schönem Park“ Erwähnung finden.

Die Schilderungen der Baedeker-Reihen, so ein kurzes Zwischenfazit, sehen Stuttgart in der 2. Hälfte des 19. Jhd. als eine ob Lage und Gestaltetheit herausragende (Groß-)Stadt, mit vielen Attraktionen versehen und allemal eines ausführlichen Besuchs wert. ‚Unsere‘ Villa nimmt darin, trotz lagebezogener ‚Randständigkeit‘, einen bedeutenden Rang ein, ist etwas durchaus Besonderes, auch in ihrer geschützten und gepflegten Privatheit. Mit dem 20 Jhd. aber treten andere ‚Attraktivitäten‘ mehr in den Vordergrund und wetteifern um die Gunst des Reisenden, des Gastes.

Die Öffnung von Park und Villa in den 10er-/20er-Jahren gibt dem Stadtbewohner ein vorher ex-klusives Terrain in die alltägliche Nutzung, dies gleicht einem Akt der ‚Säkularisierung‘.

Woerl – der auswärtige Stadtführer

„Die Woerlsche Reisebüchersammlung ist die größte aller zur Zeit bestehenden: sie umfasst über 600 Führer …“, so lässt sich dem Vorwort des Stuttgart-Führers von 1898 (bereits die 7. Auflage) entnehmen – einer „Sammlung kleiner billiger Städte-, Bäder- und Thalführer“ für das geschätzte Reisepublikum, und ‚billig‘ war nicht abschätzend gemeint sondern soll stehen für: jeder kann es sich leisten.

Wie schon textgleich in der 2. Auflage von 1886 wird eingangs Stuttgart in hohen Tönen ‚besungen‘: „Die anmutige Lage lässt uns einen Fluss, das eine Landschaft belebende Element, kaum vermissen. In Bezug auf seine reizende Umgebung übertrifft Stuttgart, selbst eine der schönsten Städte Deutschlands, jede andere deutsche Hauptstadt.“

Die Villa Berg wird – neben Schloss Rosenstein und Wilhelma – unter ‚Ausflüge in die nähere Umgebung‘ als Ziel empfohlen: „Die dritte k[önigliche] Villa Berg krönt einen Hügel, an dessen Fuss die Stuttgarter Vorstadt Berg liegt. (…) Sie präsentiert sich als ein schöner Bau aus grauem Sandstein. Das Innere ist mit herrlichen Marmorgruppen und auserlesenen Gemälden ausgestattet.“ Eine Darstellung der Villa aus nordwestlicher Gartensicht (der meist bevorzugten ‚Schokoladenseite‘) lädt zum Besuch ein.

Das neu getextete Vorwort der Ausgabe von 1904 nimmt die rasanten Veränderungen in der Stadt auf: „Stuttgart wird gern von Fremden besucht. (…) Stuttgarts Entwicklung und Ausdehnung ist in den letzten zehn Jahren ganz bedeutend gewesen. Der Talgrund hat sich mit Straßen und Häusern gefüllt, die sich in immer größerer Zahl auch auf die umgebenden Höhen hinanziehen.“ Und beschreibt im eigentlichen Text die Reize der Stadt ebenfalls mit anderen, durchaus schwärmerischen Worten: „Die reiche Gliederung des Tales mit seinen lieblichen Rebhügeln unter dem Waldessaum und den oft steil abfallenden Bergungen, sowie die am Gebirge immer mehr aufragenden vornehmen Stadtteile verleihen der Residenz einen eigentümlichen romantischen Reiz, der durch die zahlreichen stilvollen Landhäuser, Türme und Zinnen und die von den Höhen herabgrüßenden Aussichtstürme wesentlich erhöht wird.“

Die Villa selbst wird mit gleichem Text bedacht wie schon seit 1886 – ein ‚konstanter‘ Faktor –, der Ausflug dorthin wird immerhin für den 2. Vormittag eines zweitägigen Stuttgart-Aufenthalts empfohlen, „über den Kanonenweg [heute Haußmannstraße] nach der königl. Villa bei Berg.“ Dazu erhalten wir noch genauere, interessante Informationen:

12_Woerl 1904 Hinweis Eintritt

Auf die hierfür erforderliche akkurate Planung („8-9 Uhr“) waren wir ja schon durch den Baedeker verwiesen worden. Der Eintrittspreis für den Park und die Besichtigung der Villa ist mit 25 Pfennig sehr familienfreundlich ausgelegt, und gilt zu gleichen Konditionen auch für andere königliche Einrichtungen, so Schloss Rosenstein und Wilhelma sowie die Wildparks Solitude und Favorite. Das ausdrückliche Verbot von Trinkgeldern mochte dem sozialen Miteinander des fürstlichen Personals dienen und wechselseitige Übervorteilungen unterbinden helfen. 25 Pf. damals, das entspricht zu dieser Zeit (1906) übrigens kaufkraftbezogen einem Betrag von rund 1,40 Euro heute (2014), früher in den 1880er und -90er Jahren circa 2,60 Euro. Da war kein Profit gezogen, sondern den Besuchern eine Geste bezeugt.

Die Ausgabe von 1909 ist in den hier interessierenden Stellen nahezu textidentisch, die 12. Auflage von 1926 aber (und die in weiten Teilen textgleiche von 1929 sowie auch noch 1934) gibt in ihrem Vorwort Kunde von markanten Veränderungen in der Stadt: „Stuttgarts Entwicklung und Ausdehnung ist in den letzten Jahren in erstaunlichster Weise fortgeschritten, so daß sich die Stadt auch den Ruf einer der modernsten Großstädte erworben hat. So wird jeder Fremde, der Stuttgart auch nur kurze Zeit nicht mehr gesehen hat, erstaunt sein von der Fülle und Großzügigkeit der neuen Bauten, Einrichtungen und Verschönerungen; und wer gar vor Jahren noch vom alten Hauptbahnhof aus die Stadt betreten hat, wird diese mit ihrem einzigartigen neuen Hauptbahnhof, mit ihren Hoch- und Turmhäusern, mit ihren völlig neuen Straßen und Plätzen nicht wiedererkennen. (…) Wenige Städte haben eine solch herrliche Lage und Umgebung. (…) Wer einmal zur Zeit der Baumblüte oder des Nachts, wenn der ganze Talkessel von einem Lichtermeer erfüllt ist, hier [= den Aussichtspunkten] gestanden hat, wird diesen Blick nicht wieder vergessen.“

Welch Loblied eines offensichtlich gelungenen urbanen Wachstums: dem schönen Alten das faszinierende Neue beigefügt! Es ergänzt sich, es steigert sich zum städtebaulichen Kunstwerk. Das verändert den ‚touristischen‘ Blick auf die überkommenen Artefakte der Baukunst, die ja auch Ausdruck und Repräsentanz der jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse waren und sind, zuerst einmal nicht. Ein Reiseführer bleibt sich in seinen Wertungen und Empfehlungen über längere Zeit treu, es verschieben sich aber notwendig die Gewichte zwischen dem bereits Bestehenden und dem neu Hinzukommenden.

Im Falle der Villa Berg (und sicherlich auch in anderen, ähnlich gelagerten) bedeutet dies ab der Ausgabe 1926 die Hinzufügung eines Satzes: „1913 wurde die Villa mit dem angrenzenden Park von der Stadt angekauft.“ Aber dahinter verbirgt sich ein wohl grundlegender Wandel in der Wahrnehmung und Ingebrauchnahme des Areals. Bislang – in Zeiten der Monarchie – war auch der Stuttgarter Besucher gleichsam ein ‚Tourist‘, wenngleich in nahegelegenen Gefilden; nunmehr überlässt er diese Rolle allein dem fremden, dem auswärtigen Gast. Er selbst ’nutzt‘ jetzt diesen ehedem fürstlichen Garten als öffentlichen (Volks-)Park, dessen ‚Ausstattung‘ wird entsprechend angepasst, der Aufwand in ein ‚tragbares‘ Maß (nämlich das steuerbasierte öffentliche) gewandelt. Nix mehr mit Kamelien (und Orangerie-Gebäuden), Tulpenbeete sind die neue Wahl (kauf-vertragliche Zusagen den Veräußernden gegenüber hin oder her).

Von daher erscheint (ohne darüber weiters Kenntnis zu haben) die Entscheidung zum Verkauf an die Stadt (die ‚öffentliche Hand‘) durch die beiden aus Stuttgart längst verzogenen Erbinnen nachvollziehbar: die Unterhalts- und Pflegekosten insbesondere der Gartenanlagen sind sicherlich immens, die Villa selbst in die ausstattungstechnischen Jahre gekommen, für dauerhafte Wohnzwecke sowieso nicht nutzbar – woher nehmen in ungewisser werdenden Zeiten (1913) und ohne faktische, persönliche Nutzungsmöglichkeit? Die großzügige fürstliche Geste, über Jahrzehnte schon, den Bürgern einen Besuch des schönen Ensembles zu ermöglichen – welche Verpflichtung bestand hierzu? keine –, sie hatte sich historisch aufgebraucht, war zum Kostenfaktor geworden.

Die Reihe der Woerlschen Reisehandbücher (Illustrierter) Führer durch Stuttgart sind, was die Beschreibung der Stadt und deren Sehenswürdigkeiten anbetrifft, regelhaft ausführlicher als diejenigen eines Baedekers, aber sie beschränken sich ja auch auf 1 touristisches Städteziel; und sie sind ‚illustriert‘, mit Stichen, Lithografien und zunehmend, in den späteren Ausgaben, auch mit seitengroßen Fotografien. An der Auflagenzahl lässt sich sicherlich auch ihr Erfolg bei der Kundschaft ablesen – und umgekehrt die Attraktivität des städtischen Reiseziels. Die herzogliche Villa hatte dabei in der Beschreibung einen dem Rosenstein und der Wilhelma gleichgestellten Rang inne, war aber dennoch in den Ausgaben vor der Weimarer Republik hervorgehoben durch ihr gedrucktes Abbild, das dies Ausgaben begleitet und illustriert.

Fremdenverkehrsverein Stuttgart – das Eigengewächs

1885 gründet sich in Stuttgart der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs, eine Initiative hiesiger Honoratioren und Geschäftsleute, die der Entwicklung und Veränderung der Stadt Genüge tun und ihr ‚verstaubtes‘ Bild erneuern wollten, zugunsten eben des erklärten Vereinsziels. Das Bevölkerungswachstum hatte damals bereits deutliche Zeichen hinterlassen – 1846: rund 50 000 Einwohner (: Baubeginn der Villa bei Berg); 1884: bereits 126 000 EW; und 1905 dann 250 000 EW – Verdopplungen jeweils in 20 bzw. 30 Jahren, mit nur wenigen Eingemeindungen. Seit 1875 durfte sich Stuttgart Großstadt nennen, die Schwelle von 100 000 Einwohnern war überschritten.

Schon im ersten Jahr des Bestehens erscheint ein mit rund 50 Seiten eher dünnes – aber eben zeitaktuelles – Büchlein mit dem Titel Führer durch die Königliche Haupt- und Residenz-Stadt Stuttgart und deren Umgebungen, das dem fremden Gast Orientierung und Ratschlag bieten soll. Dieser Stadtführer wird sich in den Folgejahren und -jahrzehnten mächtig mausern, wird an Umfang und Detailliertheit der Beschreibungen enorm zunehmen – zur 12. Auflage werden es gar rund 300 Seiten sein, 28 Seiten Werbeanhang inbegriffen. In den 20er und 30er Jahren avanciert er in verändertem Format und inhaltlicher Ausrichtung zum Offiziellen Führer durch Stuttgart, der Herausgeber heißt dann schon länger Verein für Fremdenverkehr e.V.

Schauen wir nochmals auf einen Stadtplan, wie er dieser 1. Auflage des Stadtführers von 1885 beigeheftet ist: die ersten Baublöcke entstehen parallel zu den (heute mittleren und unteren) königlichen Anlagen, die ihre ‚Zunge‘ zum Neckar hin ausstrecken und mit Rosenstein, Wilhelma einerseits, der Villa Berg andererseits markante ‚Anker’punkte darstellen.

16_Verein Stadtplan 1885

Stadtplan (Ausschnitt), 1885, Fremdenführer durch Stuttgart

Im der 1. Auflage des Führers 1885 ist es „die reizende Königliche Villa, die (…) durch ihre edlen Formen und die glückliche Lage eine der schönsten Zierden der Landschaft bildet.“ Und in der Ausgabe von 1890 lesen wir: „Dem Rosenstein gegenüber (…) liegt die Perle der Schlösser in Stuttgarts Umgebung, die Königliche Villa Berg.“

Aber mit der ‚Umgebung‘, der Zentrumsferne, wird es sich bald haben, die massive Expansion der Stadt, noch ohne wesentliche Eingemeindungen im Umland, sie füllt mit ihren Wohn-, Geschäfts- und Infrastrukturbauten den einst weiten Talkessel weitgehend aus und erobert zunehmend die Hügel- und Hanglagen, auf dem obigen Plan sehen wir bereits die Anfänge dieser Urbanisierung. Die ursprünglich ‚freie‘ Lage der Villa mit ihrem großen Park wird zunehmend ‚umzingelt‘ von neuen Wohnbauten im Süden und Westen, von Industrie im Norden (Berg) und zum Neckar hin (Gaswerk), die Obstwiesen und Weinberge schwinden, die weiten Blicke werden verkürzt oder gehen verloren – übrigens auch durch den Baumbewuchs auf dem Parkgelände selbst, der, folgt man zeitgenössischen Bildern (Postkarten, Zeichnungen) nach vierzig, fünfzig Jahren auch ausladend und dicht ist. In gewisser Weise findet dadurch auch eine Abkapselung gegenüber dieser (Nah-)Umgebung statt.

1895 können nun Fremde „zu jeder Tagesstunde“ Eintrittskarten für Park und Villa bei der Auskunftsstelle des Vereins für Fremdenverkehr in der Königstrasse erhalten, weiterhin beträgt der Preis für bis zu 6 Personen 25 Pfennig. Daran ändert sich auch die folgenden gut 15 Jahre nichts, von Mitte April bis Mitte Oktober ist ein Besuch möglich. 1910 erscheint wie erwähnt in 12. Auflage der bislang umfangreichste Führer, in dem „Stuttgart unter den Städteperlen Deutschlands zu den edelsten“ gezählt wird – der Villa in Berg kommt dabei weiterhin der Rang als „eine[r] Perle unter den Schlössern in Stuttgarts Umgebung“ zu, die umfänglichere Beschreibung gilt da allerdings dem Kgl. Landhaus Rosenstein mit seinem ausgedehnten Areal im englischen Stil, erbaut durch Salucci um 1825 unter Wilhelm I.

Im (Städte-)Tourismus nach 1900 hat Stuttgart eine im großstädtischen Vergleich sehr gute Position inne, die Gäste- und Übernachtungszahlen steigen kontinuierlich an, unterstützt nicht zuletzt durch reichsweite Anzeigen und Werbemaßnahmen des Vereins. Doch der erste Weltkrieg bedeutet auch für den Verein eine Zäsur, damit erlöschen dessen vielfältige Tätigkeiten und Aufgaben; es gibt keinen touristischen Fremdenverkehr mehr, es braucht auch keinen Stadtführer mehr.

Das ändert sich dann wieder in den zwanziger Jahren. 1922 erscheint erstmals ein neuer Stadtführer des ‚wiederbelebten‘ Vereins, und spätestens ab 1928 – frühere Daten liegen nicht vor – gibt es eine ‚Staccato‘-Folge von anfangs jährlich neu herausgegebenen Stadtführern, in geändertem (Längs-)Format und jeweils unterschiedlichen Layouts, im Umfang mit 60-100 Seiten (1928 / 1929 / 1930 / 1932 / 1933 / 1935 / 1938). Erstaunlich ist, dass jeweils neue und deutlich veränderte Texte in die Stadt ‚einführen‘, wobei der Machtwechsel 1933 durchaus auch sprachlich und inhaltlich seinen Niederschlag findet.

Stuttgart ist „Deutschlands schönstgelegene Großstadt (…), Stadt der Mineralbäder, eine Kunst- und Gartenstadt mit zahlreichen prächtigen Parkanlagen. (…) Wie staunt der Fremde ob der Fülle und Abwechslung an Kunst- und Landschaftsgärtnerei. (…) Bewundernd genießt er (…) den großen Stadtpark, in dem die der Stadt gehörige Villa Berg liegt.“ (: 1928). Das große Loblied auf die Stadt wird von (Neu-)Auflage zu (Neu-)Auflage gepflegt und in Textvarianten durchdekliniert: „Wer kann den Stuttgarter Frühling vergessen! Selbst der italienische erreicht nicht die Blütenfülle Stuttgarts und seiner Umgebung.“ (: 1929). „Die Lage der Stadt ist unvergleichlich schön.“ (: 1933). „Seine Häuser und Straßen sind hineingebettet in ein idyllisches Tal wie in einen Garten; Hänge mit Obsthalden und Weinbergen lagern sich wie ein taufrischer Kranz um die Stadt herum.“(: 1935/38).

Als hätten nicht die Jahrzehnte intensivster Bautätigkeit gerade diese Qualitäten eher zum Verschwinden gebracht, es ist, als habe sich zumindest der Kern der positiven Bewertung und Betrachtung nicht geändert (: die Lage, die Lage, die Lage …). Und Stuttgart gibt sich im eigenen Spiegelbild wie auf nationaler Ebene als schön(st)er Schwan, weiß sich gleichzeitig mit den großen Städten Europas verkehrlich bestens vernetzt, dortselbst zentral gelegen, mit inzwischen weitbekannten Beispielen fortschrittlicher Architektur ausgezeichnet, kulturell up-to-date (dabei noch von monarchischer Großzügigkeit zehrend) und überhaupt nunmehr eine Stadt, die von sich reden machen möchte – und dies auch tut. Hier lebt es sich gut, ist die Botschaft, und sie richtet sich an den fremden Gast wie an die eigene Stadtbevölkerung, die ihre liberal geprägte Haltung auch in den dreißiger Jahren zu halten sucht (oder aber dunkle Wolken nicht sehen will).

Die Villa Berg taucht als fotografisches Abbild an durchaus prominenter Stelle in einigen Ausgaben auf, so als farbiges Ausklappbild bereits in der Ausgabe von 1928, als in den Text eingebettetes Foto 1933 und 1935 (alles Westansichten aus dem Rosenparterre), und schließlich 1935 und 1938 mit einem schönen (und ungewöhnlichen) Foto mit ‚Retroverso‘-Blick auf das Belvedere, im Vordergrund der überaus reizvolle Nymphenbrunnen.

Andererseits erfährt sie in den Textbeschreibung dieser Stadtführer eine sozusagen ‚gediegene‘ Rolle – zwar als (inzwischen) ‚Stadt’park beschrieben mit Verweis auf die öffentliche Gastronomie, aber bezüglich ihrer baulichen Qualitäten nicht mehr besonders hervorgehoben. Überhaupt werden Park und Gebäude getrennt beschrieben – hier die Gartenanlage und das Restaurant-Café, dort die Villa mit den Repräsentationsräumen der Stadt im Erdgeschoss und der städtischen Gemäldesammlung im Obergeschoss.

Vielleicht verständlich, dieser ‚Rollenwechsel‘ in der öffentlichen Ikonografie des Ortes, waren diese Zeiten doch zuerst (die 20er) eher auf ‚urbane Modernität‘ (und pulsierende Lebenslust), später dann (die 30er) auf ‚rückgewandte Volkstümelei‘ (und betonten Nationalismus) hin ausgerichtet – bei aller sozialen Widersprüchlichkeiten und politischen Verwerfungen –, für aristokratische Relikte war da nicht mehr der Raum. Aber genießen konnte man es noch, als Zuhörer(in) der beliebten nachmittäglichen oder abendlichen Konzerte auf der Café-Terrasse oder als eingeladener Gast bei Feierlichkeiten und Empfängen in den repräsentativen Räumen der Villa. Es hat den Anschein, als wäre vor allem der Park seit seiner Umwidmung in einen Volks- oder Stadtpark 1925 ein eher auf die heimische Bevölkerung denn den fremden Besucher ausgerichtetes ‚Angebot‘ gewesen, gleichsam in seiner Nutzung wie Wahrnehmung profanisiert, aber dadurch auch selbstverständlich nutzbar, ‚unseres‘ nun, nicht mehr fremdes, herrschaftliches Eigentum. Das äußert sich auch in der Bewerbung der 1925 eingerichteten Restauration, die auch in den Stadt- und Villen-/Parkführern erfolgt (und sicherlich auch in der Tagespresse).

Wie zu lesen ist, waren Café und Restaurant nur im Sommerhalbjahr geöffnet, ab 1930 mit einer verlängerten Öffnungszeit bis halb zwölf in der Nacht. Der Park war zwar weiterhin umzäunt, die Zugänge wurden aber – bis auf die zwei Hauptzugänge von Berg und von der Sickstraße – bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen. Wie ein Konvolut mit Schriftstücken im Stadtarchiv belegt, sah sich allerdings das Jugendamt der Stadt 1930/31 genötigt sich mit Vorgängen zu befassen, die ein wie immer geartetes Einschreiten erforderlich zu machen schien: es waren mehrfach Anzeigen eingegangen, die auf den Missbrauch der Örtlichkeit zu „Unzuchtszwecken“ hinwiesen und deren Unterbindung forderten. Allein, der Verstecke waren im Schutze der Dunkelheit und Gesträucher viele, die Erwägungen vermehrter Kontrolle durch „weibliche Polizei“ oder durch massiven Ausbau der Wegebeleuchtung erfuhren durch das Polizeipräsidium (: bringt nichts) und Stadtkämmerei (: zu teuer) Absagen. So scheint die Sache nach Aktenlage ‚im Sande‘ verlaufen zu sein … – vielleicht aber hat sich die ‚Unzucht‘ in den Folgejahren durch die propagierte ‚Züchtigkeit‘ der neuen Ideologie und ihrer strammen Kontrolle und Organisation von selbst erledigt. Und nachdem die sogenannte Kleine Villa, nach ihrer Nutzung als Säuglings- und Kleinkinder(heil)stätte, 1936 – zeitgleich mit der Pflichtmitgliedschaft aller Jugendlichen in den entsprechenden NS-Organisationen – zur Führerinnenschule des BDM (Bund Deutscher Mädel) umgewidmet wurde, war ja auch diese Ecke des Parks sicherlich mit anderem Leben erfüllt und gegen solcherlei Umtriebe gefeit.

Dichtung und Wahrheit

Als ‚grüne Oase‘ war das öffentliche Parkareal sicherlich für die Bewohner des Stuttgarter Ostens ein vielbesuchter Ort, vor allem an den Wochenenden – auch ohne Café- und Restaurantbesuch, den sich wohl nicht jeder leisten konnte oder auch mochte im eher traditionellen Arbeitermilieu dieses Stadtteils. Wobei, Kaffee und Kuchen, das war wohl ‚drin‘. Dagegen wird ein abendlicher Genuss der „vorzüglichen Küche“ eher das bürgerliche Publikum angesprochen haben, dessen Budget das zweifelsohne gehobene kulinarische Angebot wahrnehmen und damit der eigenen Geltung dienlich sein konnte. Der erhabene Rahmen jedenfalls war wie sonst kaum in Stuttgart gegeben, ein Genius Loci der besonderen Art, dem sich wohl keiner entziehen konnte, sondern ihn ob seiner Qualitäten geradezu angezogen hat.

Ein vergleichsweise bekanntes Foto Ende der 20er-Jahre mag nochmals die freundlich-erhabene Stimmung dieses weitläufigen Ensembles belegen – eine Flugaufnahme aus südwestlicher Sicht mit Blick auf die Terrassen an der Villen-Westseite, rund beschirmt auf dem Vorbau vor dem ehemaligen Festsaal und mit Markisen vor dem neuen Restaurations-Bereich bei den ehemaligen Remisen- und Stallungsbauten.

26_Villa_Berg,_Ansicht_von_Westen,_1920er_Jahre

Blick auf Villa und Westgarten aus südwestlicher Sicht, Ende 20er-Jahre

Der bereits dichte Baumbewuchs hatte die ursprünglichen Sichtachsen zum Rosenstein und zur Grabkapelle auf dem Wirtemberg hin schon lange zumindest begrenzt oder gar verhindert. Von den ursprünglich ‚M‘-förmigen Pergolen im Westgarten war nur der Halbkreisbogen zum Halbmondsee verblieben, was aber dem Blick von den Terrassen, aus heutiger Sicht, mit einer größeren Weite des Parterres entgegenkam.

Eine Situation, die ihren reichen, aristokratischen Ursprung weiterhin vor Augen führte und genießen ließ und so, neben dem ‚geschützten‘ Insel-, oder besser Oasen-Charakter des Parks im Stadtgefüge insgesamt, eine kleine Teilhabe am Abglanz dieser versunkenen Welt möglich machte. Man durfte sich in einer etwas anderen Welt fühlen, ‚dem Alltag entrückt‘ wie man so sagt, für ein paar Stunden jedenfalls.

Eine weitere Aufnahme mag hierzu abschließend noch einen letzten Eindruck auf das ‚Treiben‘ bei der Villa gewähren – mit dem Vorbehalt der nicht eindeutigen Datierbarkeit dieser Fotografie. Ludwig Windstoßer (1921 München – 1983 Stuttgart) – wir müssen kurz ausholen – war ein, nach Fotografenlehre bei Adolf Lazi 1946-47 ab 1948 in Stuttgart freiberuflich tätiger Fotograf, früh experimentell und avantgardistisch tätig und engagiert, später vor allen durch seine Industriefotografie bekannt und geschätzt. Die biografischen Daten würden es nahelegen, die nachfolgende Aufnahme in die Nachkriegszeit zu verlegen (Militärdienst 1942-45, zuvor Mechanikerlehre). All dies würde also für ein Foto nach der Kriegszeit sprechen – wären da auf dem Bild selbst nicht andere Indizien, die es wohl doch zu einer frühen ‚Arbeit‘ vor seiner Einberufung datieren, also eher 1941/42: die komplett intakte Struktur der West-Terrasse mit milchgläserner Balustraden-Beleuchtung, keinerlei Kriegszerstörungen ersichtlich, die ‚Gelöstheit‘ der Situation … Auch der Kleidungsstil wie auch die Frisuren der Frauen geben kaum Auskunft darüber, sie waren in den Jahren vor/nach kaum zu unterscheiden.– Andrerseits sind keinerlei Uniformen oder Parteiabzeichen zu sehen.

27_Foto Windstoßer 1941

Publikum auf Villa-Terrasse, Foto Ludwig Windstoßer, ca. 1941/42 (?)

Wie immer, die Datierung dieser Fotografie bleibt ungewiss, mit einer Option für die Anfang-40er-Jahre – vielleicht gibt es noch Zeitzeug(inn)en, die Genaueres berichten können.

War es eine Gruppe Ausflügler, die sich hier versammeln? War es ’nur‘ der Schnappschuss einer sonntäglichen Anhäufung Stuttgarter Bürger? Gab es einen besonderen Anlass für den Aufenthalt, für die Blickrichtung der meisten Personen hinunter aufs Gartenparterre? Ist es eine repräsentative Aufnahme für die Aneignung des Geländes durch die Menschen, eine gängige, häufig anzufindende Situation also? Es lässt sich nicht eindeutig bestimmen, es ist dies alles denkbar.

Doch die entspannte Situation, wie sie sich auf dem Bild zeigt, mag zwar nicht auf eine Aufnahme unter der Woche, werktags, hindeuten – aber gegen eine Situation an einem Wochenende spricht eigentlich nichts, wodurch die ‚Normalität‘ dieser Szene eigentlich gesichert scheint. Im Hintergrund sind weitere Spaziergänger auf den Wegen um und in der verbliebenen Pergola unterwegs, eine geruhsame Stimmung vermittelt sich insgesamt. Und es ist ja ein ‚ordentlicher‘ Publikumsverkehr, der da auf der Terrasse stattfindet und die Balustrade besäumt. Immerhin, die Position des Fotografen ist bemerkenswert: fast nur denkbar aus der Perspektive des südwestlichen Eckzimmers im ‚zweiten Stockwerk‘, genauer dem schmalen Balkon davor. Und dessen Zugänglichkeit wiederum lässt darauf schließen, dass sich dort – noch – die städtische Gemäldegalerie befindet. Dazu lesen wir in dem Führer von H. Schoeck Schloß ‚Villa Berg‘ Stuttgart aus dem Jahr 1930: „Die Fenster der 12 Säle und Zimmer und insbesondere die vorgesetzten Balkone und Terrassen gewähren äußerst freundliche Ausblicke auf die schön gelegene Stadt und auf den Park (…), der stets sorglich und mit vornehmsten Geschmack gepflegt wird.“

Das war einmal.

Wird es je wieder ein Ort werden, wie er in seiner Gartenästhetik, seiner baulichen Repräsentanz und seiner genussreichen Nutzung im Verlauf der ersten hundert Jahren ein glanzvolles Zeugnis abgab? – Die unbedingte Aufforderung, ja Pflicht dazu ergibt sich aus der Geschichte dieses besonderen Genius Loci, der für die ursprünglichen aristokratischen Eigner wie die städtischen Bevölkerung und den Gästen der Stadt zeit seines Bestehens ein hochgeschätztes Juwel war. Verwaltung und Politik der Stadt, sie werden sich daran messen lassen müssen, ob es ihnen in dieser Stadt überhaupt noch um städtebauliche Qualität geht, im Detail und im Ganzen. Der zukünftige Umgang mit Park und Villa Berg wird dafür ein wesentliches Zeichen setzen. Dem Schreiber dieser Worte, selbst ein Kind dieser geplagten Stadt, verbleibt als leidgeprüftem Skeptiker nur die Hoffnung, denn diese stirbt bekanntlich zuletzt …

Thomas Schloz, gebürtig in Stuttgart, studierte Architektur und Städtebau an der Universität Stuttgart, anschließend Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen zur Thematik Alltagskultur und dingliche Lebenswelt. Bis vor kurzem Mitarbeiter in einem Stuttgarter Planungsbüro, befasst mit Bedarfs- und Nutzungsplanung, wissenschaftlichen Studien, Beratung, Projektsteuerung. Parallele Tätigkeiten in Design und Herstellung von Wohnraumleuchten. Promotion zum Thema Sammeln aus anthropologischer und etymografischer Sicht: Die Geste des Sammelns – Eine Fundamentalspekulation, Stuttgart 2000.

Recherche und Quellen

Die Recherchen zum Artikel erfolgten im Archiv der Stadt Stuttgart, der Württembergischen Landesbibliothek, der Stadtbücherei Stuttgart sowie im web (Wikipedia, Occupy-Villa-Berg-Website, Stadt Stuttgart).

Film:

  • Walter Ruttmann, Film Stuttgart, die Großstadt zwischen Wald und Reben, Stadt des Auslandsdeutschtum, 1935, Haus des Dokumentarfilms Stuttgart / Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, Wiesbaden

Reise- und Stadtführer:

  • Baedeker, Handbuch für Reisende, Ausgaben: Southern Germany and Austria … (1873 / 1891), Süddeutschland (1903 / 1906 / 1909 / 1926 / 1929), Deutschland in einem Bande (1906 / 1913), Deutsches Reich (1936), Württemberg und Hohenzollern (1925), Stuttgart und Umgebung (1949)
  • Woerl’s Reisehandbücher, Ausgaben: Führer durch die Haupt und Residenzstadt Stuttgart und Umgebung (1886 / 1898), Illustrierter Führer durch … Stuttgart und Umgebung (1904 / 1909 / 1926 / 1929 / 1934)
  • Verein für Fremdenverkehr Stuttgart e.V., Ausgaben: Führer durch die Königl. Haupt- und Residenz-Stadt Stuttgart … (1885 / 1890), Führer durch Stuttgart und Umgebung (1895 / 1900 / 1910), Stuttgart (1928), Stuttgart – Der Fremdenführer (1929), Stuttgart – Offizieller Führer durch Stuttgart (1930 / 1932), Stuttgart – Die schönstgelegene deutsche Großstadt – Offizieller Führer … (1933 / 1935), Stuttgart – Die Stadt der Auslandsdeutschen – Führer durch die Stadt (1938), Stuttgart für Fremde und Schwaben, Stadt- und Verkehrsplan-Verlags (1929)

Nachschlagewerke und Literatur:

  • Chronik der Stadt Stuttgart, 1918 – 1933, Stuttgart 1964
  • Chronik der Stadt Stuttgart, 1933 – 1945, Stuttgart 1982
  • Konvolut Bildpostkarten, Villa Berg mit Park, Archiv der Stadt Stuttgart
  • Konvolut Überwachung Villa Berg, 1930/31, Archiv der Stadt Stuttgart
  • Ulrich Gohl, Die Villa Berg und ihr Park, Geschichte und Bilder, Stuttgart 2014
  • Timo John, Die königlichen Gärten des 19. Jahrhunderts in Stuttgart, Worms 2000
  • Villa Berg, Stadtpark und Städtische Gemälde-Sammlung, Stuttgart 1925
  • Hermann Schoeck, Schloß ‚Villa Berg‘ Stuttgart, Stadtverwaltung Stuttgart 1930
  • 1885 – 2010 – Seit 1885 zum Wohle der Stadt. 125 Jahre ProStuttgart Verkehrsverein e.V., 2010
  • Wikipedia, Artikel ‚Goldmark‘ (u.a. Umrechnungskurse)
  • Wikipedia, Artikel ‚Villa Berg‘

Sonstiges:

  • Ansichtspostkarte Villa Berg, koloriert, um 1910, Wikipedia
  • Foto Flugzeug-Sicht auf sommerlichen Park und bewirtschaftete Villa, Occupy-Villa-Berg-website, Fotograf unbekannt
  • Foto Publikum auf Villa-Terrasse, Fotograf: Ludwig Windstoßer, Archiv der Stadt Stuttgart, mutmaßlich 1941/42 (nicht gesichert)

Eine Frage an Frau Dr. Nicole Bickhoff: Können Sie uns die Verbindung von Königin Olga, König Karl und der Villa Berg vor dem Hintergrund der württembergisch-russischen dynastischen Beziehungen erklären?

König Karl, Königin Olga und die Villa Berg

Von Nicole Bickhoff

Die besonderen Beziehungen zu Russland sind ein zentrales Thema in der Geschichte Württembergs. Kennzeichnend sind der vielfache und fruchtbare Austausch in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch die schmerzlichen kriegerischen Auseinandersetzungen; im 19. und 20. Jahrhundert ist an den Russlandfeldzug 1812, als Württemberg an der Seite Napoleons kämpfte, und natürlich an den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu denken. Die engen Verbindungen zwischen beiden Ländern manifestieren sich aber auch in fünf Frauengestalten und ihren fünf Ehen. Während auf russischer Seite diese fünf Heiraten nicht besonders ins Gewicht fallen – von 45 ausländischen Ehepartnern waren 41 deutsche –, spielen sie für Württemberg eine herausragende Rolle. Mit keinem anderen Fürstenhaus bestanden so enge dynastische Verbindungen wie mit dem Hause Romanow. Sophie Dorothee und Friederike Charlotte Marie, die nach Russland heirateten, sowie insbesondere Katharina, Olga und Wera, die von St. Petersburg nach Stuttgart kamen, waren prägende Gestalten: Sie verfügten über einflussreiche Beziehungen, ihr sagenhafter Reichtum verhalf der württembergischen Landeshauptstadt zu Glanz, und ihre weitreichende karitative Tätigkeit wirkte lange nach, zum Teil bis heute.

Als die russische Großfürstin Olga 1846 den württembergischen Kronprinzen Karl heiratete, war dies bereits die vierte Eheverbindung zwischen den Häusern Württemberg und Romanow. Bereits 1776 hatte die württembergische Prinzessin Sophie Dorothee (1859–1828), eine Nichte Herzog Carl Eugens, den Großfürsten und späteren Zaren Paul geheiratet, den Sohn Katharinas II. (der Großen). Eine Generation später kam ihre Tochter Katharina (1788–1819) nach Württemberg. An der Seite ihres Gatten, König Wilhelms I., bestieg sie wenige Monate nach der Heirat im Jahr 1816 den württembergischen Thron. Katharina zählt bis heute zu den populären Heldinnen der württembergischen Landesgeschichte. Grund für ihre Popularität ist ihr nachhaltig wirkendes soziales Engagement. Auch ihr allzu früher Tod 1819 – sie war gerade einmal 30 Jahre alt – hat sicher zu ihrer Verklärung beigetragen. Die dritte württembergisch-russische Ehe betraf Großfürst Michail, den jüngeren Bruder Katharinas. Er heiratete 1824 Friederike Charlotte Marie (1807–1873), eine Nichte König Wilhelm I. Ihr sozialpolitisches und karitatives Engagement sowie die Förderung von Kunst und Kultur machten sie zu einer einflussreichen Person in der St. Petersburger Gesellschaft.

Doch kommen wir nun zur vierten Verbindung, die wiederum eine Großfürstin nach Stuttgart und auf den württembergischen Thron führte, nämlich Olga Nikolajewna, die Nichte Königin Katharinas, Tochter des Zaren Nikolaus I. und seiner Gattin, Zarin Alexandra Feodorowna, geborene Prinzessin Charlotte von Preußen.

Über die Kindheit und Jugend der am 30. August 1822 geborenen Olga geben die Lebenserinnerungen Auskunft, die Olga selbst in den Jahren 1881 bis 1883 verfasste; das heißt, sie entstanden in Olgas letztem Lebensjahrzehnt und verklären ohne Zweifel Manches aus der zeitlichen Distanz heraus. Gleichwohl sind die Memoiren, die unter dem Titel „Traum der Jugend Goldner Stern“ 1955 publiziert wurden, eine wichtige Quelle. Die Aufzeichnungen beginnen mit Olgas Geburt und enden mit ihrer Heirat.

Die Ausbildung und Erzieher Olgas und ihrer Geschwister – sie hatte vier Brüder und zwei Schwestern – erfolgte durch Gouvernanten und Hauslehrer. Großfürstin Olga war den Erinnerungen und auch den Äußerungen ihrer Erzieher zufolge ein besonders begabtes Kind. Bereits mit fünf Jahren konnte sie in drei Sprachen lesen und schreiben: Russisch, Englisch und Französisch. Letzteres galt als ihre „Muttersprache“, unterhielten sich doch Olgas Eltern gewöhnlich auf Französisch. Auch in späteren Jahren korrespondierte Olga häufig auf Französisch.

Glaubt man den Erinnerungen, genoss Olga eine unbeschwerte Jugend, und Zar Nikolaus kümmerte sich persönlich um die Erziehung seiner Kinder. Als Olga in das heiratsfähige Alter kam, drehte sich für sie das „Heiratskarussell“: Prinzessinnen sind eigentlich bedauernswerte Geschöpfe. Der Gothaische Almanach verrät das Alter, man kommt dich anschauen wie ein Pferd, das zum Verkauf steht – so schildert Olga in ihren Memoiren humorvoll das Schicksal einer Fürstentochter. Als mögliche Kandidaten wurden unter anderem der spätere König Maximilian II. von Bayern und Erzherzog Stephan von Österreich gehandelt. Als das Heiratsprojekt mit Letzterem nach etlichen Jahren scheiterte – nicht zuletzt am Widerstand Metternichs und der Kaiserinwitwe Karoline Auguste –, brachte der russische Gesandte in Stuttgart, Fürst Gortschakow, Kronprinz Karl von Württemberg ins Gespräch. Die erste Begegnung mit dem württembergischen Kronprinzen fand am Neujahrstag 1846 in Palermo statt, wo Olga mit ihrer kränklichen Mutter den Winter verbrachte und Karl sie aufsuchte.

G 314 Bü 2 Seite 1

Karl und Olga als Brautpaar. Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart G 314 Bü 2.

Bei gemeinsamen Spaziergängen kamen sich Olga und Karl näher und fanden zueinander, und noch in Palermo wurde die Heirat beschlossen und Verlobung gefeiert. Olga beschreibt ihren Verlobten in der Erinnerung an diese Tage: Wie sah er aus? Etwas über mittelgroß, überragte er mich um Stirnhöhe. Die Augen waren braun, der Haaransatz Stirn und Schläfe schön umrahmend, die Lippen voll und geschwungen, ihr Lächeln so, dass es stets ansteckend war, Hände, Füße, die ganze Gestalt vollkommen gebildet, so stand er vor mir ohne Fehl außer diesem: dass er sechs Monate jünger als ich war. Oh, welches Glück zu lieben.

Am 13. Juli 1846 fanden in St. Petersburg die Hochzeitsfeierlichkeiten statt, die einem prunkvollen Zeremoniell folgten. Im September 1846 traf das neuvermählte Paar in Stuttgart ein und wurde unter großem Jubel begrüßt. Großfürstin Olga fiel die Eingewöhnung nicht leicht: Die kühle Atmosphäre am württembergischen Hof stand im Gegensatz zum familiär-vertrauten Umgang am Zarenhof. Belastend war auch das häufig angespannte Verhältnis zwischen König Wilhelm I. und seinem Sohn Karl. Olga behielt ihr ganzes Leben lang eine enge Verbindung zu ihrer russischen Heimat und reiste regelmäßig, meist in Begleitung ihres Mannes, nach St. Petersburg. Umgekehrt kam die russische Verwandtschaft auch gern und oft nach Stuttgart. Vor allem aber hielt Olga den engen Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern durch ihre umfangreiche Korrespondenz aufrecht.

G 314 Bü 11 1838-1854 Briefe arrangiert

Briefe der Königin Olga. Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart G 314 Bü 11.

Olga sorgte für Glanz am württembergischen Hof. Sie brachte eine prachtvolle Aussteuer mit nach Stuttgart. Außerdem erhielt Olga wie auch die anderen Großfürstinnen eine großzügige Mitgift von einer Million Rubel, angelegt bei der Russischen Staatsbank.

Die finanziellen Möglichkeiten Olgas gestatten es auch, das von Kronprinz Karl begonnene Bauvorhaben einer Sommerresidenz wieder aufzunehmen und großzügiger zu gestalten als ursprünglich geplant. Bereits 1843/44, nach der Rückkehr von einer Italienreise, hatte Kornprinz Karl den Entschluss gefasst, sich auf einem der vielen schönen Punkte in der lieblichen Umgebung Stuttgarts […] ein hübsches Landhaus […] in edlen Formen, mit bequemen Räumen, schöner Aussicht, in einem freundlichen Parke gelegen“ zu errichten. Karls Sekretär Friedrich Wilhelm Hackländer fand den passenden Ort auf dem „Höll’schen Bühl“ bei Berg. Trotz der zunächst wesentlich bescheidener geplanten Villa gingen die Arbeiten nur langsam voran. Die Heirat mit der russischen Großfürstin Olga sowie ein finanzieller Zuschuss des Schwiegervaters, des Zaren Nikolaus I., ermöglichten Karl die Realisierung des Landschlosses, und das in weit größerem Umfang. Kronprinzessin Olga nahm lebhaften Anteil an den Planungen; auf ihren Wunsch wurden die ursprünglichen Pläne des Architekten Christian Friedrich Leins verändert und erweitert. Der Rohbau der Villa Berg wurde 1847 vollendet, wegen der Revolution 1848 verzögerte sich jedoch die Fertigstellung bis zum Jahr 1853. Gleich nach Bezug des Sommerschlosses schrieb sie am 2. Oktober 1853 an ihre Mutter: Liebe Mutter, als erste Tat am ersten Morgen im neuen Haus schreibe ich Ihnen, damit Sie und Vater uns aus der Ferne für unser neues Leben segnen. […] Den Café haben wir auf Karls Balkon eingenommen, sein Zimmer liegt auf der Sonnenseite, angenehm im Herbst, die meinen liegen nach Norden, weil ich die Sommersonne fürchte. Wir werden unsere Gewohnheiten mit den Jahreszeiten ändern. – Olga hatte auch großen Anteil an der Gestaltung der Inneneinrichtung: Die opulente Ausstattung geht wohl auf sie zurück.

GU 99 Bü 272

König Karl von Württemberg. Fotografie, 1890. Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart GU 99 Nr. 263.

Olga verstand es zu repräsentieren: Sie war ein gern gesehener Gast an den europäischen Fürstenhöfen, und auch in der Stuttgarter Residenz wurden häufig Gäste empfangen. Man pflegte Hofgesellschaften, lud zum Mittagessen ein, und abends gab es vielfältige Veranstaltungen wie Theater, Privatkonzerte, Tanztees und Soireen. Neben den Geburtstagen von König und Königin gehörte der Neujahrstag zu den wichtigsten Daten im Jahreslauf. Große gesellschaftliche Ereignisse waren auch die Hofbälle im Winter und die Gartenfeste im Sommer, wozu Schloss Rosenstein und die Wilhelma einen geeigneten Rahmen boten. Königin Olga konnte fürstlich auftreten und war eine glänzende Escheinung. Allerdings fehlte ihr eine gewisse Volksnähe. Der preußische Gesandte Philipp von Eulenburg-Hertefeld beschrieb sie später einmal: Sie steht da wie eine Sonnenblume auf einem freien Feld, groß, angestaunt und fremdartig.

Olga war zwar an Politik interessiert, doch war das nicht ihr vorrangiges Betätigungsfeld. Ein wichtiger Lebensinhalt war ihr soziales Engagement, das in zunehmendem Maße zu ihrer primären Aufgabe wurde. Die Erziehung und Bildung der Jugend war ihr ein besonderes Anliegen. Mit ihrer Hilfe und Unterstützung entstanden zahlreiche Kinderkrippen (die „Olga-Krippen“), Kinderrettungsanstalten und Kleinkinderbewahranstalten. 1873 gründete sie die zweite höhere Töchterschule, das Königin-Olga-Stift, und schuf auch zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen. Die Entwicklung des Olgahospitals („Olgäle“), das 1842 als „Heilanstalt für Kinder unbemittelter Eltern“ gegründet worden war, wurde von ihr ideell und finanziell bestimmt und gefördert. Zudem übernahm die das Protektorat über ein Blindenasyl, das in Erinnerung an ihren Vater den Namen „Nikolauspflege“ erhielt.

GU 99 Bü 263

König Karl von Württemberg. Fotografie, 1890. Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart GU 99 Nr. 263.

Olga war bemüht, aus ihrer Ehe das Beste zu machen. Auch wenn die Ehe arrangiert war, kam man die ersten Jahre gut miteinander zurecht. Die gemeinsamen Interessen für Musik, Literatur, Kunst und Theater besaßen einen großen Stellenwert in ihrem Leben und halfen, den Schein eines harmonischen Ehepaares aufrecht zu erhalten. Die Hoffnungen Olgas auf ein glückliches Familienleben erfüllten sich jedoch nicht. Olga litt unter der Kinderlosigkeit. Zusätzlich belastet wurde die Ehe durch die Launen und Depressionen Karls und seine Beziehungen zu berechnenden Günstlingen.

Nach außen bewahrte Olga aber stets ihre vornehm-distanzierte Haltung. Einen flüchtigen Einblick in ihr Gefühlsleben gewähren ihre Jugenderinnerungen, an deren Ende sie schreibt: Nach der Heirat beginnt ein so andersartiges Leben, ein Leben, dem viele bittere Momente beigemengt sind, trotz des vielen häuslichen Glückes, dass es mir besser erscheint, es nicht wieder hinaufzubeschwören! Die guten wie die schlechten Tage tragen zur Entwicklung unseres Wesens bei. Nicht sich verbittern lassen, jene ehren, die wir nicht lieben können, Böses mit Gutem erwidern, vermeiden, sich auf sich selbst zurückzuziehen, und doch einen unantastbaren Grund der Unabhängigkeit, der Ruhe und des Wohlwollens in sich bewahren – das war es, was ich stets zu verwirklichen trachtete.

König Karl starb am 6. Oktober 1891. Fast genau ein Jahr später, am 10. Oktober 1892, ging auch das Leben der Königin Olga zu Ende. Sie starb an ihrem Witwensitz in Friedrichshafen. In der Fürstengruft im Alten Schloss, an der Seite ihres Mannes, fand sie ihre letzte Ruhe.

Frau Dr. Nicole Bickhoff ist Leiterin der Abteilung Hauptstaatsarchiv Stuttgart im Landesarchiv Baden-Württemberg. Im Jahr 1956 in Bochum geboren hat sie Geschichte und Katholischen Theologie an der Ruhruniversität Bochum studiert und an der Universität Osnabrück zum Thema „Die Juden in der griechisch-römischen Welt“ promoviert. Nach einem Referendariat für den höheren Archivdienst am Landeshauptarchiv Koblenz und der Archivschule Marburg war sie u.a. Archivarin am Staatsarchiv Ludwigsburg, Leiterin der archivfachlichen Grundsatzabteilung in der Landesarchivdirektion bzw. im Landesarchiv Baden-Württemberg sowie (seit 2000) Ständige Stellvertreterin des Präsidenten. Sie hat zahlreiche historische Ausstellungen begleitet, ist Autorin von archivfachlichen und landesgeschichtlichen Veröffentlichungen und hat Lehraufträge am Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen und der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Aktuell ist sie zudem Vorsitzende des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins.

Quellen und Literatur:

  • Hauptstaatsarchiv Stuttgart G 314
  • Königin Olga von Württemberg: Traum der Jugend goldner Stern. Aus den Aufzeichnungen der Königin Olga von Württemberg. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Sophie Dorothee Gräfin Podewils. Pfullingen 1955.
  • Olga – russische Großfürstin und württembergischen Königin. Ein Leben zwischen Höfischer Repräsentation, Politik und Wohltätigkeit. Hrsg. vom Haus der Heimat. Stuttgart 2008.
  • Das Königreich Württemberg. 1806–1918. Monarchie und Moderne. Katalog der Großen Landesausstellung vom 22. September 2006 bis 4. Februar 2007 im Landesmuseum Württemberg. Stuttgart 2006.
  • Friedrich Wilhelm Hackländer: Der Roman meines Lebens. Bd. 2. Stuttgart 1878.