Archiv der Kategorie: Aktionen

Abschlussveranstaltung Occupy Villa Berg (03.12.2015)

Wir haben am Donnerstag, 3. Dezember ab 19.30 Uhr alle FreundInnen der Villa Berg und ihres Parks, alle TeilnehmerInnen unserer Aktionen, alle WegbegleiterInnen von Occupy Villa Berg und alle BürgerInnen, die an der Zukunft von Villa und Park interessiert sind, eingeladen ins Restaurant Theater Friedenau zu unserer Abschlussveranstaltung. Über 130 Gäste sind unserer Einladung gefoglt. Gemeinsam haben wir auf 2 1/2 Jahre Occupy Villa Berg zurückgeblickt, die Ergebnisse gefeiert und den Staffelstab offiziell an die Stadt Stuttgart übergeben. Wir freuen uns sehr, dass Oberbürgermeister Fritz Kuhn unsere Projektdokumentation entgegengenommen hat.

Programm:

  • Jürgen Brand (Stuttgarter Zeitung), Begrüssung und Abendmoderation
  • Kammermusik mit dem Villa Berg Quartett (Gabriele Turck, Gesa Jenne, Ingrid Philippi, Wolfgang Düthorn)
  • Auf höchstem Niveau. Die Villa Berg als Ort der Kultur – Geschichte und Anknüpfungspunkte“ (Dietrich Heißenbüttel, Autor und Kunsthistoriker)
  • Beteiligung kreativ gestalten – Erkenntnisse & Perspektiven zur Zukunft der Villa Berg“ (Frieder Hartung, Stadtplaner)
  • Podiumsgespräch mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn
  • Übergabe der Projektdokumentation der Initiative „Geschichte trifft Zukunft – Occupy Villa Berg“
  • anschließend Ausklang und geselliges Beisammensein

Deborah Brinkschulte (Vagabunden-Führung)

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Auf Einladung von Tanja Krone, Initiatorin des Vagabundenkongresses, hat Occupy Villa Berg im Juni 2014 im Rahmen desselben eine Führung zum Thema Leerstand veranstaltet. Deborah Brinkschulte, Mit-Initiatorin von Occupy Villa Berg, beantwortet die Fragen.

Könntest Du uns, die Führung, die Du angeboten hast, kurz beschreiben?

Die Führung war Teil des Vagabundenkongresses, der vom 7. bis 28. Juni 2014 teilweise im Theater Rampe und teilweise – mit Interventionen, Führungen usw. – verteilt in der Stadt stattfand. Der Vagabundenkongress 2014 war eine Neuauflage des Vagabundenkongress, der 85 Jahre zuvor bereits einmal in Stuttgart stattfand – damals am Killesberg. Er war das größte Treffen von Wohnsitzlosen und Künstlern, die Heimatlosigkeit zum wahren Leben – jenseits bürgerlicher Zwänge – erklärten. Zum aktuellen Kongress hatten Tanja Krone, die Initiatorin, und Wanja Saatkamp, ihre Mitstreiterin, Künstler aus aller Welt geladen, das Theater Rampe wurde deren temporäre Heimat.

Unter dem Titel „Wanderpredigt“ waren Führungen und Spaziergänge Teil des Programms. Die Wanderpredigten waren der Versuch, die Menschen wieder zum Gehen und Entdecken zu motivieren, zum Entdecken der Stadt – ihrer Stadt.

Mein Spaziergang befasste sich mit dem Thema Leerstand und schlängelte sich vom Theater Rampe bis zur Villa Berg durch die Stadtteile Stuttgart-Süd und -Ost. Unsere Stationen auf der Strecke hatten wir mit neonfarbenen Quadraten markiert und damit die Leerstände weithin sichtbar gemacht. An ausgewählten Leerständen – beispielsweise der ehemaligen Kult-Fußballkneipe Libero, einem ehemaligen Kino am Stöckach oder dem gigantischen Teil-Leerstand der EnBW – erläuterten wir die Geschichte der Orte, Gründe für den Leerstand und – wenn vorhanden bzw. bekannt – Zukunftspläne.

An zwei großen Zwischenstationen waren kleine Diskussionsrunden Teil der Führung. An der ersten Unterbrechung diskutierten wir mit den Machern von plentyempty und dem Leerstandsmelder Stuttgart über Probleme, aber auch Chancen der Leerstände. Die zweite Unterbrechung bot die Möglichkeit mit Vertretern aus der Politik ins Gespräch zu kommen und über fehlende Wohnungen und Zweckentfremdungsverbote zu sprechen. Im Park der Villa – am Ende der Führung – fand ein Picknick aus der Reihe „Platz nehmen“ statt, das von den Stadtisten organisiert wurde. Mit der Reihe „Platz nehmen“ wollen die Stadtisten wenig genutzte oder schlecht gestaltete öffentliche Orte der Stadt bespielen und in ein temporäres Wohnzimmer verwandeln. Damit entsteht an diesen Orten Aufenthaltsqualität, die zwar nur von kurzer Dauer ist, aber Potenziale der öffentlichen Räume aufzeigt.

Warum war die Villa Berg das passende Ziel?

Die Villa Berg bot sich als Ziel für die Führung an, weil sie derzeit einer der prominentesten und am besten dokumentierten Leerstände der Stadt ist. Hier konnte gut verdeutlicht werden, wie es um Gebäude bestellt ist, die durch Investoren, ständige Wiederverkäufe und Leerstandsschäden, an Wert verlieren. Dabei steht die Villa Berg natürlich nur exemplarisch für eine Reihe anderer Gebäude, die – wenn auch weniger durch ihre historische Bedeutung, so aber doch zumindest durch ihr Alter – zur Identität der Stadt beitragen oder hätten beitragen können.

Was wolltest Du den Teilnehmern durch die Führung vermitteln?

Die Führung sollte den Teilnehmern ein Gefühl für die Stadt mitgeben, das auch anhand ihrer Gebäude entsteht. Welche Gebäude erzählen welche Geschichte? Welche Lücke hinterlassen sie bei einem Abriss? Welche Geschichte erzählt der Wandel der Gebäude – die Umnutzung, der Abriss, der Ersatz? Welches Gesicht geben Gebäude der Stadt? Und nicht zuletzt: Was erzählen die Gebäude über die Kultur einer Stadt und deren Umgang und Haltung mit ihrer Geschichte?

Wie waren die Reaktionen und Rückmeldungen der Teilnehmer? Was nehmen die Teilnehmer mit?

Viele Teilnehmer, die ja auch aus anderen Städten und Ländern angereist waren, kannten die Villa Berg vorher nicht. Vor allem auf dieses Gebäude bezogen sich dann die Rückmeldungen und Kommentare. Für viele Teilnehmer war es undenkbar, dass ein solches Gebäude sich selbst überlassen wird, vor allem auch für viele Teilnehmer aus weniger reichen Gegenden, in denen der Umgang mit historischer Substanz aber ein anderer ist.

Vladislav Grakovskyi und Xenia Lakmut (Theater Atelier)

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Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Aktionen den Park der Villa Berg bereichert und belebt haben. So haben wir auch Vladislav Grakovskyi, und Xenia Lakmut, Regisseurin und Regieassistentin des Theater Atelier, ein paar Fragen gestellt. Gemeinsam mit ihren Schauspielern haben sie einen Theaternachmittag am Belvedere gestaltet.

Könnten Sie uns das Theater, die Sie angeboten haben, kurz beschreiben? Wie kam es zur Auswahl der Stücke?

Das Kunst- und Kulturprojekt Theater Atelier in Stuttgart-Ost bietet eine umfangreiche Palette der modernen Kunst in den Bereichen Theater, Choreografie und Musik. Das Theater arbeitet mit vielen Darstellern und Musikern zusammen. Hier werden Schauspiel, Tanz und Gesang auf eine unverwechselbare Weise mit interkulturellen Elementen verbunden. Wir haben Auszüge aus zwei unserer Stücke vorgeschlagen, weil diese zwei Inszenierungen total unterschiedlich sind. Der Idiot nach Dostojewski: die erste Hausproduktion des Theaters Atelier. Ein Klassiker. Traum und Realität sind darin eng miteinander verflochten. Russendisko frei nach Kaminer: Ein Bestseller über Gegenwart (oder jüngere Vergangenheit). Dieses Stück ist perfekt zum Zurücklehnen und Entspannen. Eine urkomische Geschichte mit internationalem Touch. Beide Stücke haben ihren ganz persönlichen Charme. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen zum Nachdenken an.

Warum war das Belvedere der passende Ort für den Auftritt? 

Wir sind ein Kammertheater, also sind wir die Nähe zu den Zuschauern gewöhnt. Doch die einzigartige Kulisse in Kombination mit Tageslicht, so eine Vorstellung hatten wir noch nie. Nun haben wir vor in unserem Hinterhof eine Freilichtbühne zu organisieren. Es ist ganz anders als auf der Bühne und mit Kunstlicht vor dunklem Saal zu spielen. Der Auftritt bei der Villa Berg war sozusagen unsere erste Probe im Freien. Außerdem war es sehr spannend von allen Seiten von Zuschauern umringt zu sein und die Reaktionen der Zuschauer nicht nur zu hören und zu spüren, sondern diese auch zu sehen.

Welche Besonderheiten zeichnen aus Ihrer Sicht Villa Berg und Park aus?

Es gibt einen tollen Blick auf die Stadt und sehr viel Grün. Die wunderbare Architektur bietet eine phantastische Kulisse. Eine Vielzahl an Kulturangeboten in so einer Umgebung klingt einfach magisch.

Was wollten Sie durch das Theater den Teilnehmern vermitteln?

Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Oft muss man seine Handlungen hinterfragen und Entscheidungen neu abwägen. Für das kämpfen, was man liebt. Oder sich einfach mal auf sein Bauchgefühl verlassen und keine Angst vor Neuem und Unbekanntem haben.

Wie waren die Reaktionen und Rückmeldungen der Teilnehmer? Was nehmen die Teilnehmer mit? 

Die Zuschauer fanden es spannend mittendrin statt nur dabei zu sein und die Emotionen so nah zu spüren. Unser Ziel war es den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, zu den Stücken dazuzugehören und sich mitten in den Geschehnissen zu befinden und das ist uns erfolgreich gelungen.

Was bedeuten Villa Berg und Park für Sie persönlich?

Wir finden es spannend eine so tolle Nachbarin in der Villa Berg gefunden zu haben. Wir sind gerne im Park unterwegs, sei es um ein neues Stück zu proben oder ein Außentraining mit der Schauspielschule durchzuführen.

Welche Vorschläge und Ideen haben Sie, um die Villa Berg und den Park weiter zu beleben?

Kulturelle Angebote für Jung und Alt. Open Air-Theater und Kino. Workshops und Mitmachaktionen. Die Villa und der Park schaffen eine einmalige Atmosphäre und bieten eine großartige Umgebung für die kulturelle Entwicklung Stuttgarts.

Prof. Horst Sondermann (Hochschule für Technik Stuttgart)

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Video- und Modellpräsentation zur Villa Berg am 14.07.15 im Projektraum Lotte (Foto: Projektraum Lotte)

Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Initiativen die Villa Berg und den Park bereichert und belebt haben. So haben wir auch Prof. Horst Sondermann, Dekan der Architektur-Fakultät an der Hochschule für Technik und Koordinator eines Forschungsprojekts zu Villa Berg und Park, ein paar Fragen gestellt.

Herr Sondermann, Sie sind Dekan der Fakultät Architektur an der Hochschule für Technik Stuttgart. Ihre Hochschule engagiert sich für die Villa Berg? Wie kam es dazu?

Ich bin seit September 2013 Dekan der Fakultät Architektur und Gestaltung an der HfT Stuttgart. Die Fakultät umfasst sieben Studiengänge der Architektur, Innenarchitektur (jeweils Bachelor und Master) sowie für Stadtplanung (Master), Internationales Projektmanagement (Master) und ClimaEngineering (Bachelor). Die Zusammenarbeit zwischen den Studiengängen ist aufgrund unserer überschaubaren Größe eng und konstruktiv. Die Villa Berg haben in der Vergangenheit schon einige Kollegen aus unterschiedlichen Studiengängen in Seminaren behandelt (z.B. Prof. Peter Schneider in der Bauaufnahme).

Mit meinem Amtsantritt habe ich mir vorgenommen, dass Lehre, Projektarbeit und Forschungstätigkeit an unserer Architekturfakultät einen neuen Schwerpunkt erhalten: Architektur in Stuttgart – Aktuelle Herausforderungen im Kontext seiner Bau-, Stadtbau- und Planungsgeschichte. Mir ist wichtig, dass wir als Architekturfakultät substantielle Beiträge zur Stadtbaudiskussion in Stuttgart liefern und damit auch sichtbar werden. Park und Gebäudebestand der Villa Berg verlangen danach, dass für eine sinnvolle Debatte um ihre Zukunft Grundlagen ermittelt und bereitgestellt werden, aus denen sich die Geschichte des Baus und seines Verfalls besser erklärt. Frei von politischen und kommerziellen Interessen kann unsere Architekturfakultät dies in vielfältiger Weise tun.

Das Engagement der Hochschule für die Villa ist groß. Warum halten Sie diese Arbeit für wichtig? Spielt die Villa Ihrer Meinung nach eine wichtige Rolle für Stuttgart? Wenn ja, warum?

Kultur wird selektiv rezipiert, Stadt kollektiv – in der Gesamtheit ihrer Quartiere, Bauten, Bahnhöfe, Straßen, Plätze, Parks ist sie ein Kulturprojekt für alle. Stadt konfrontiert uns mit gemeinsamer Geschichte und hat damit zentrale Bedeutung für unsere Selbstvergewisserung als politische Gemeinschaft. Ihre tieferen Texturschichten erlauben Erinnerungen und Einsichten in eine Welt jenseits eigenen Erlebens und familiärer Erzählung. Die Bilderwelt der Stadt ist aus- und abgelagertes kollektives Bewusstsein – schwinden die Bilder, verblassen die Erinnerungen. Geschichtslos und politisch dement, droht uns die Reduktion auf das Management des Augenblicks: Das Ende einer erfolgreichen Gesellschaft. Wir brauchen Denkmäler zum Überleben.

Die Villa Berg erinnert an das Haus Württemberg und die einst enge Verbindung zu Russland, an eine produktive königliche Stifterin diverser karitativer Einrichtungen, an das Erwachen bürgerlichen-emanzipativen Bewusstseins, ist wichtiger Beitrag der Villenbaugeschichte im 19. Jahrhundert, erzählt von der Schöpfungsgeschichte der modernen Architektur, mit ihrem Park illustriert sie einen Teil Stadtgeschichte.

Die Arbeit der Hochschule gliedert sich in zwei Teile: den Pavillon am Belvedere und die Villa. Das Belvedere wird auf Anstoß und mit Unterstützung Ihrer Hochschule saniert. Welchen Bezug haben Sie als Hochschule zu dem Gebäude? Welche Arbeit leistet die Hochschule im Bereich des Belvedere und welche Kollegen und Partner sind eingebunden?

Wir haben als Gegenstand unseres Engagements den Park der Villa Berg als städtisches Areal identifiziert. Damit ist erstmal alles eingeschlossen, was innerhalb liegt, also das Belvedere mit seiner Pergolenkaskade, der Villentorso nebst Sendesaal, die SWR-Bauten, Tiefgarage, die Parkanlage selbst. Architekt des Belvedere war Joseph von Egle, der langjähriger Rektor unserer Hochschule war. Der Pavillon war Gegenstand umfassender bautechnischer Untersuchungen unter der Leitung der Kollegin Dr. Gabriele Grassegger, unterstützt von Bauaufnahme und Dokumentation unter der Leitung des Kollegen Dr. Peter Schneider, finanziell unterstützt von der Knödler-Decker-Stiftung i.P. Ulrich Scholtz. Die Sanierung erfolgt jetzt durch die Firma Kärcher ihm Rahmen ihres Kultursponsoring unter der Leitung der Architekten Till Läpple und Manuel Sauter.

Welche Arbeiten sind für die Villa selbst abgeschlossen, in Arbeit oder für die Zukunft geplant und welche Fachbereiche und Kollegen sind hier involviert?

Abgeschlossen ist der Bau eines großen städtebaulichen Modells, das im Maßstab 1:1.000 einen Ausschnitt Stuttgarts mit dem Park der Villa Berg zeigt. In Arbeit ist eine umfassende Sammlung von Archivalien: Pläne, Darstellungen, Quellentexte. Parallel werden diese ausgewertet und an einer aktualisierten baugeschichtlichen Darstellung und Bewertung der ehemaligen Villa gearbeitet. Jetzt beginnen wir mit der digitalen Rekonstruktion der Villa, sowohl in historischer wie aktueller Fassung. Diverse Seminararbeiten Studierender sind abgeschlossen bzw. in Arbeit. Geplant ist eine von uns kuratierte Ausstellung zur Villa Berg im April 2016, in der wir unsere Archivalien, Modelle, Zusammenfassungen unserer Recherchen und Studienarbeiten präsentieren. Involviert sind an erster Stelle Kollegen unserer Architekturfakultät, die Studienarbeiten betreut haben oder dies noch tun: Dr. Peter Schneider (i.R.), Jo Frowein, Dr. Christina Simon-Philipp, Dr. Detlef Kurth, Roland Dieterle, Rebecca Chestnutt, Tobias Wulf, Harald Roser, Peter Krebs. Von der Fakultät B (Bauingenieurwesen, Bauphysik und Wirtschaft) hat sich Dr. Gabriele Grassegger mit bautechnischen Untersuchungen des Belvedere befasst. Für die Gesamtkoordination des Villa Berg-Engagements unserer Architekturfakultät bin ich zuständig. Rektor Rainer Franke und Ulrich Scholtz von der Knödler-Decker-Stiftung unterstützen das Projekt mit Nachdruck und Geld.

Welche Rolle spielt der Park bei Ihrer Arbeit?

Unser Engagement umfasst das Areal des Parks und damit auch die Parkgestaltung selbst. Überdies wäre die Recherche zu einer Villa ohne Untersuchung des Grünraums, der sie umgibt, bautypologisch unvollständig bzw. sinnlos. Insgesamt bietet der Park natürlich das größte Potential für neue Konzepte bürgerschaftlicher Teilhabe. Auch hier ist aber zwingend, dass das historische Parklayout zuerst recherchiert und verstanden ist, bevor seine Neuformatierung debattiert wird. Beispiel: Historisch bestand eine prägnante Teilung des Parks in Ost und West mit der Villenanlage als trennende Baufigur in der Mitte. Eine Rekonstruktion derselben würde die Wiederherstellung der Platanenallee auf der Ostseite nahelegen. Villa und Park waren ein Gesamtkunstwerk und haben verdient, wieder eines zu werden – in zeitgemäßem, zu diskutierenden Format.

Wie ist der Forschungsstand? Haben Sie überraschende, besonders spannende oder ungeahnte Entdeckungen gemacht?

Bei gründlicher Lektüre historischer Skizzen, Pläne, Darstellungen und Texte offenbaren sich tiefere Einsichten in die architektonische Motivation des Villenarchitekten Leins. Die bislang vorgenommene Stilzuweisung greift für das Verständnis des Projekts Villa Berg viel zu kurz – wie beim bekannteren Schinkel liegen wesentliche Entwurfsideen und Innovationen verborgen hinter dem Vorhang historistischer Fassaden. Der Bau der Villa Berg korreliert mit Emanzipation und Ermächtigung des Bürgertums als Motor der industriellen Revolution und illustriert dies auch in Form bemerkenswerter bautypologischer Neuinterpretationen, die Leins gegenüber dem klassischen Kanon vornimmt. Hier sind insbesondere der Kontrast zwischen traditioneller Portalsymbolik und pragmatischer Hauserschließung, zwischen humanistischem Grundrissideal und zweckmäßiger Wohnkonzeption zu nennen. Der 31-jährige Leins ist mit seinem Villenentwurf von 1845 ein bislang unbekannter Wegbereiter der modernen Architektur.

Werden die Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht?

Öffentlich präsentieren werden wir unsere Ergebnisse in der genannten Ausstellung. Darüber hinaus empfehlen wir uns von der Architekturfakultät der HFT Stuttgart für die Vorbereitung, Ausschreibung und Betreuung eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs zum Park und Gebäudebestand der Villa Berg – Teilnehmer sollten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten sein. Ein konstruktiver, kulturell nachhaltiger Bürgerdialog über die Zukunft der Villa Berg und ihres Parks kann nur auf der Basis gesicherten Wissens und fachlich fundierter Ideen gelingen.

Taschenlampen-Spaziergang (17.10.15)

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Fotos: Michael Haußmann (www.lightsniper.de)

„Die Nacht hat viele Gesichter“. Unter diesem Motto haben Occupy Villa Berg und StudentInnen des Studiengangs Sprechkunst der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart zu einem Spaziergang durch den Park der Villa Berg im Rahmen der stuttgartnacht am 17. Oktober 2015 eingeladen. Mit Taschenlampen haben sich die Spaziergänger ihren Weg durch den Park geleuchtet, Startpunkt war die Evangelische Heilandskirche Stuttgart-Berg. An mehreren Stationen begegneten den Spaziergängern Gedichte und Texte zur Nacht. Mitgewirkt haben Irene Baumann, Chantal Busse, Steffen Hofmann, Nora Krauter, Patrick Suhm, Elisa Taggert und Maren Ulrich.

Frank Bossert (SWR Vokalensemble)

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Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Aktionen den Park der Villa Berg bereichert und belebt haben. So haben wir auch Frank Bossert,  Mitglied des SWR Vokalensemble und Initiator des Wandelskonzerts ein paar Fragen gestellt.

Wie entstand die Idee zu Ihrer Aktion?

Mit mehreren Mitgliedern des SWR Vokalensembles haben wir uns bei Occupy Villa Berg engagiert. Wir wollten an der Zukunft der Villa Berg mitwirken, denn sie war vor dem Verkauf durch den SWR der Probenraum des Vokalensembles und ist uns ans Herz gewachsen. Die Initiative fragte uns, ob wir einen musikalischen Beitrag einbringen könnten. Da die Villa selbst geschlossen war, entstand die Idee, den Park zu einem großen Konzertraum zu machen.

Könnten Sie uns die Aktion, die Sie angeboten haben, kurz beschreiben?

Zum „Tag des offenen Denkmals“ veranstalteten wir ein Wandelkonzert um das geschlossene Denkmal. Acht Sängerinnen und Sänger des Vokalensembles zogen mit dem Publikum einmal um die Villa und brachten an markanten Stellen im Park Vokalquartette von Felix Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Silcher zu Gehör. Abgerundet wurde das Programm durch Gedichte, vorgetragen von Maren Ulrich. Die finanzielle Unterstützung übernahm der Förderverein des SWR Vokalensembles.

Was wollten Sie durch das Wandelkonzert den Teilnehmern vermitteln?

Villa und Park sind beides Denkmäler mitten in Stuttgart, die einen wunderbaren Charme ausstrahlen, sich aber in einem vernachlässigten bis verwahrlosten Zustand befinden. Diese Situation wollten wir dem Publikum zeigen. Gleichzeitig war es unser Ziel Villa und Park mit unseren Liedern in einen neuen Zusammenhang zu stellen.

Wie waren die Reaktionen und Rückmeldungen der Teilnehmer?

Von der Resonanz waren wir total überrascht. Gerechnet hatten wir mit ca. 80 Teilnehmern und waren überwältigt, als wir vor einem Meer von 450 Leuten standen. Die Sorge, wie sich diese Menschenmenge gut durch den Park führen ließe, war unbegründet. Occupy Villa Berg hat das mit bewundernswerter Ruhe und Klarheit geschafft. Dies und die gesamte Betreuung haben uns sehr beeindruckt. So wurde das Konzert für das Publikum ein Erlebnis, bei dem Musik, Literatur, Natur und Architektur auf besondere Weise zusammenwirkten. Einen kleinen Eindruck davon gibt das Stimmungsbild auf YouTube „Wandelkonzert mit dem SWR Vokalensemble“.

Welche Vorschläge und Ideen haben Sie, um die Villa Berg und den Park weiter zu beleben?

Villa und Park sind besondere Orte in Stuttgart. Wir stellen uns vor, dass sie eine Art „kreative Insel“ in der Stadt sein sollten. Auch das Innere der Villa hat eine eigene Ausstrahlung und einen Konzertsaal mit hervorragender Akustik. Hier wurde Rundfunkgeschichte geschrieben – aber auch Stuttgarter Geschichte, der sich Sender und Stadt stellen sollten. Das SWR Vokalensemble sieht mit der Fusion der beiden Orchester eher beengten räumlichen Probenverhältnissen in den Funkstudios entgegen – und es sucht in Stuttgart schon länger nach einem passenden Konzertsaal dieser Größe. Bei einer sinnvollen Nutzung und kulturellen Belebung der sanierten Villa Berg würden wir daher gerne mitwirken.

Georg Schiel (Landschaftsplaner)

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Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Aktionen den Park der Villa Berg bereichert und belebt haben. So haben wir auch Georg Schiel,  Landschaftsplaner und Experte bei den Parkführungen 2014 und 2015 ein paar Fragen gestellt.

Könnten Sie uns die Führungen, die Sie angeboten haben, kurz beschreiben?

Der Ausgangspunkt für die Führungen war die Haltestelle Mineralbäder. Wir starten also in der Talsohle des ehemaligen Nesenbachs in den heutigen Unteren Schlossgartenanlagen. Am Ausgang des Tales liegen auf der einen Seite das Schloss Rosenstein und auf der anderen Seite der Park und die Villa Berg.

Von der Haltestelle sind wir am Berger Bad (Neuner) vorbei zum Fuße des Hügels gegangen, auf dem die Villa steht. Dort beginnt der Park der Villa Berg. Nach kurzem Anstieg sieht man auf der linken Seite die Wohnungsneubauten, die durch ihre Größe und Masse den Park stark bedrängen.

Bald erreichen wir das Belvedere. Ursprünglich hatte man von hier einen schönen Blick bis in die Innenstadt Stuttgarts. Wir sehen auf die Heilandskirche und die Gebäude des SWR, die durch ihre Größe die Aussichten aus dem Park stark beeinträchtigen. Wir befinden uns hier im stark architektonisch geprägten Parkteil, der Elemente der Neorenaissance aufweist.

Vom Belvedere aus gehen wir Richtung Osten und erkennen die erhaben stehende Villa Berg. Am stillgelegten Wasserbecken vorbei gehen wir auf die unter Denkmalschutz stehenden Funkstudios des SWR zu und erreichen auf dem breiten Weg einen schönen Aussichtspunkt auf die Unteren Schlossgartenanlagen, den Rosensteinpark und das Schloss Rosenstein.

Auf dem weiteren Weg Richtung Süden gehen wir zwischen den Gebäuden des SWR auf die Villa zu. Hier war ursprünglich eine wichtige Baumallee, welche die Villa mit dem o.g. Aussichtspunkt verband. Von der herrschaftlichen Gartenanlage um die Villa ist nichts mehr übrig geblieben. Von der südlichen Terrasse hat man einen schönen Blick auf die umliegende Landschaft und auf die vernachlässigte Gartenanlage aus den sechziger Jahren über der Tiefgarage.

Der Ostteil des Parks, der im englischen Gartenstil entwickelt wurde, beherbergt einen schönen alten Baumbestand. Am ehemaligen Prallhang des Neckars, von dem man eigentlich einen schönen Blick auf Bad Cannstatt und Grabkapelle hätte, versperrt dichter Baumbestand den Blick. Auf dem Weg entlang des Prallhangs erreicht man die Berger Kirche mit einem herrlichen Blick aufs Neckartal. Von hier ist es nur ein kurzes Wegestück bis zum Ausgangspunkt zurück.

Welche Orte sind Ihnen im Park wichtig?

Die Villa Berg sitzt auf dem Hochpunkt des Geländes. Von ihr aus fällt das Gelände des Parks in alle Richtungen ab. Somit sind alle Aussichtspunkte des Parks mit ihren unterschiedlichen Blickrichtungen und -achsen (Belvedere, Aussichtspunkt Rosensteinpark, Prallhang am Neckar und Terrassen der Villa Berg) wichtige Ort, die bei einer Führung nicht fehlen dürfen.

Welche Besonderheiten zeichnen aus Ihrer Sicht den Park aus?

Der Park der Villa Berg ist gestalterisch in zwei Teile geteilt. Der süd-westliche Teil des Parks zeichnet sich durch eine strenge architektonische Gestaltung im Neorenaissance-Stil aus. Der nord-östliche Teil entspricht mehr dem englischen Gartenstil. Beide Stile harmonieren mit dem Standort der Villa. Die Blickbeziehungen innerhalb des Parks, aber vor allem die Aussichten in die nähere und fernere Umgebung, machen den Reiz dieses einmaligen Standortes aus.

Was wollten Sie den Teilnehmern vermitteln?

Die Teilnehmer der Führung konnten den einmaligen Landschaftsraum am Ende des Nesenbachtals und am Rande des Cannstatter Beckens erleben und die ursprüngliche Gestaltungsvielfalt eines Parks des neunzehnten Jahrhunderts erahnen. Ein vernachlässigter Park, der es Wert wäre, dass ihn die Stadtgesellschaft wieder entdeckt und nutzt.

Was nehmen die Teilnehmer mit?

Mitten in der Großstadt gibt es einen Park, den viele zuvor nicht kannten, der viel an Natur und Gartenkultur zu bieten hat und für den sich Engagement lohnt. Die Reaktionen auf den Park waren durchwegs positiv. Gleichzeitig gab es viel Unverständnis darüber, wie die Institutionen SWR und Stadt mit dem Park und der Villa umgegangen sind.

Was bedeutet der Park der Villa Berg für Sie?

Der Park ist für mich ein Stück Kulturlandschaft und überliefertes Erbe aus der monarchischen Zeit. Ein wohnungsnaher Natur- und Erholungsraum mit einem vielfältigen Angebot für alle Generationen.

Welche Vorschläge und Ideen haben Sie, um die Villa Berg und den Park weiter zu beleben?

Für die weitere Entwicklung des Parks ist ein Parkpflegewerk unabdinglich, das die historischen Unterlagen mit dem Ist-Bestand vergleicht und Vorschläge erarbeitet, wie der Park sich weiter entwickeln soll. Vor allen die Fehlentwicklungen im Baumbestand sind zu korrigieren und die Wege und Möblierung zu erneuern. Die Villa sollte einer öffentlichen Nutzung, die ein breites Spektrum abdeckt, zugeführt werden. Möglichst viele Bevölkerungs- und Altersschichten sollten von ihr profitieren können. Einen gepflegten Park muss man nicht mit Animation beleben. Er zieht die Menschen von alleine an.