Eine Frage an Ulrich Gohl: Können Sie uns Herkunft und Bedeutung der beiden modernen Plastiken nahe der Villa Berg erläutern?

Hinweis: Diese Texte wurden zuerst veröffentlicht in der Publikation „Im öffentlichen Raum. Kunstwerke und Denkmäler im Stuttgarter Osten“ (Ulrich Gohl, Bd. 10 der Reihe „Hefte zum Stuttgarter Osten“, Verlag im Ziegelhaus, 2010) und uns mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Verfügung gestellt.

In der Umgebung der Villa Berg gibt es zwei prägende moderne Plastiken: „Kreisende Adler“ von Fritz Melis und das „Mahnmal“ von Otto Baum.

Fritz Melis: Kreisende Adler

Östlich der Villa Berg in Richtung zu den ehemaligen Fernsehstudios des SWR, steht eine Skulptur, die viele nicht zuordnen können. Es handelt sich um die „Kreisenden Adler“ des Bildhauers Fritz Melis.

Melis wurde 1913 in Berlin-Pankow geboren. Zwischen 1933 und 1936 studierte er an der Akademie Berlin und wurde 1937 freischaffender Künstler. Militärdienst und Kriegsgefangenschaft (1938-46) unterbrachen seine Laufbahn. 1946 kam er nach Stuttgart, hatte Kontakt zu hiesigen Künstlern wie Otto Baum, Ida Kerkovius oder Alfred Lörcher – aber auch zu vielen Architekten, die Melis’ Arbeiten für ihre Bauten schätzten. 1958 erstellte er sich ein Atelierhaus in Bietigheim, wo ihn seine Mitbürger 1968 in den Gemeinderat wählten. Er starb 1982.

Melis’ künstlerischer Schwerpunkt lag auf den Tierdarstellungen, wobei er „das Tier trotz weitgehender Abstraktion (oder deshalb) wesenhaft zu erfassen“ suchte – so Günther Wirth in einem Text von 1983. Nicht selten zerlegte er die Gestalt in Dreiecke, so auch bei der äußerst dynamischen, fünfeinhalb Meter hohen Skulptur aus Kupferblech „Kreisende Adler“. Das für den Süddeutschen Rundfunk geschaffene, 1970 aufgestellte Werk ist heute in keinem sehr guten Zustand: Nähte sind geplatzt, Oberflächen beschädigt.

Otto Baum: Mahnmahl

Otto Baum kam im Jahre 1900 in Leonberg als Bauernsohn zur Welt und wuchs in Vaihingen auf den Fildern auf. Er arbeitete als Schlosser, Matrose, Holzbildhauer und Farbenverkäufer, ehe er von 1924 bis 1927 und von 1930 bis 1934 an der Stuttgarter Kunstakademie studierte. Bald hatte er erste Ausstellungen, schuf bedeutende Bauplastiken, besonders für Gebäude von Paul Bonatz. 1937 wurden seine Werke als „entartet“ aus Museen entfernt, Aufträge blieben aus. Er arbeitete heimlich in seinem Degerlocher Gartenhaus. Von 1946 bis 1965 war er Professor für Bildhauerei an der hiesigen Akademie und erhielt zahlreiche öffentliche Aufträge. 1949 baute er sich in Esslingen sein eigenes Atelierhaus. Ab Ende der 1950er-Jahre wurde Baum auch international anerkannt, blieb aber öffentlichkeitsscheu. In den 1970er-Jahren erkrankte er schwer und nahm sich 1977 das Leben.

Das Mahnmal hieß zunächst offiziell „Ehrenmal für die gefallenen Schüler der Wirtschaftsoberschule“ und wird heute als „Mahnmal“ geführt. Das zehn Meter breite Werk aus gemauertem Muschelkalk schuf der Künstler im Jahre 1960. Auf der Vorderseite ist abstrahiert die durch den Krieg geschundene Kreatur zu erkennen; für die beiden Weltkriege stehen die Ziffern „1914-1918“ und „1939-1945“, dazu kommt die Künstlersignatur. Flammen und Trümmer auf der Rückseite stehen für die materiellen Zerstörungen. Dieses herausragende Werk ist, wohl wegen Absenkung des Sockels, ungefähr in der Mitte auseinandergebrochen. Ein Blick auf die Rückseite ist wegen wuchernder Vegetation fast nicht möglich, außerdem haben hier Sprayer ihr Unwesen getrieben.

Das Mahnmal steht hinter der ehemaligen Wirtschaftsoberschule, der heutigen Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule in der Sickstraße 165 im Raitelsberg. Es ist auch sichtbar vom südöstlichen Ende des Parks der Villa Berg.

 

 

 

Eine Frage an Michael Bott: Können Sie uns die Geschichte der Gartenkunst am Beispiel des Parks der Villa Berg erläutern?

Das Gastbeitrag ist eine Zusammenfassung einer umfassenderen, wissenschaftlichen Beitrags von Michael Bott, der als PDF unten angehängt ist.

Der Park der Villa Berg – Die Geschichte der Gartenkunst
(Michael Bott)

Wie viele andere Kulturgüter, z.B. in Form von Baudenkmälern, gehen historische Gartenanlagen durch die verschiedensten Ursachen im Laufe der Zeit unwiederbringbar verloren, werden sie nicht im Wissen um die Intuition und Idee ihrer Schöpfer gepflegt, die sie einst entstehen ließen. Auch das Land Baden-Württemberg sowie die Landeshauptstadt Stuttgart sind Eigentümer von einst prächtigen Parkanlagen ihrer einstigen Herzöge und Könige, die danach trachteten in Konkurrenz mit ihren europäischen Adelsgenossen standesgemäße, imposante sowie zeitkonforme Schlösser und Parkanlagen zu besitzen.

Da die Villa Berg sowie ihr Park in der letzten Zeit in das öffentliche Interesse gerückt sind, nehme ich diesen Umstand zum Anlass, hier in aller Kürze Grundzüge der Geschichte der Gartenkunst zu erläutern, um damit den Wert der Parkanlage als bewahrenswertes Kulturdenkmal zu unterstreichen und dessen zumindest teilweise Wiederbelebung allen Entscheidungsträgern nahezulegen.

Dabei ist es wichtig, den Wert historischer Gartenanlagen nicht nur an deren Ästhetik festzumachen, sondern auch an dem direkten Zusammenhang zwischen Formgebung und dem jeweilig herrschenden Zeitgeist. Man kann sagen, dass es grundsätzlich von der Renaissance bis zu den Gärten Anfang des 20. Jahrhunderts zwei übergeordnete Gestaltungsmaximen gab:

Die Erste war streng geometrisch ausgerichtet und hat die italienischen Renaissance-Gärten, sowie die französischen Barockgärten geprägt. Die aristotelische Idee, dass der Mensch die schlimmen Zufälligkeiten der Natur korrigieren könne, um ihr die Vollkommenheit, die sie haben sollte und nach der sie ständig strebte, wiederzugeben – gerade Linien, kreisrunde Meere und geometrische Bäume –, diese Idee war Zentralpunkt der Gestaltung französischer Barockgärten. Weiter hatte die Kunst die Natur zu beherrschen. Repräsentant dieser Epoche war König Ludwig, XIV. Um die Gartenanlagen als Gesamtkompositionen in diesem Sinne auszubilden, hatten sich deren Einzelelemente dieser Idee einzugliedern, bzw. unterzuordnen. Diese Einzelelemente waren beispielsweise:

  • Die Wegeführung: streng geradeaus, rechtwinklig, das Wegesystem spiegelbildlich, symmetrisch,
  • Die Pflanzen: streng, auch als geometrische Körper und Kunstwerke geschnitten,
  • Die Pflanzraster/Pflanzschemas: ebenso regelmäßig konzipiert, in Form von Alleen oder streng raumbildenden Hecken,
  • Die natürliche Geländeoberfläche: wurde „geschleift“ und neu geformt, aus Ebenen wurden  Terrassen, Treppen, Balustraden, Rampen,
  • Das Element Wasser: in geometrischen Becken gefasst, über Kaskaden geleitet, in Fontänen in den Himmel geschossen,
  • Parkbegleitende Kleinbauten: beispielsweise Pavillons aus Stein oder Eisen, ebenfalls im geometrischen Stil erbaut.

Die konträr dazu übergeordnete Gestaltungsmaxime fand ihren Ausdruck in den englischen Landschaftsgärten. Die Philosophie Rousseaus „Zurück zur Natur“ war stilprägend und Maxime für diesen Typus der Gartengestaltung. Die Natur selbst diente dabei als Vorbild für die Landschaftsarchitekten, diese konzipierten mit allen Mitteln Gärten, in denen beim Durchwandern verschiedene Sinneseindrücke entstehen sollten, wie beispielsweise

  • Szenerien der Erhabenheit und Größe, Verehrung des Altertums (Griechische oder Römische Tempel),
  • Szenerien der Vergänglichkeit (z.B. durch künstliche Ruinen),
  • Szenerien der Einsamkeit (z.B. Eremitagen mit angestellten Eremiten),
  • Szenerien der Exotik (z.B. Chinesische Pagoden),
  • Szenerien der Naturhaftigkeit (z.B. Grotten, Höhlen, Felswände),
  • Szenerien der Furcht und des Schreckens (z.B. Wolfsgeheul, Kreuze, Marterapparate).

Man spricht bei diesen Gärten ebenfalls von den malerischen oder poetischen Gärten. Ein Maler sollte in diesen Landschaftsgärten Motive finden für seine Malerei, aber auch umgekehrt sollten die Landschaftsarchitekten Motive bekannter Maler in die Landschaft umsetzen. Dasselbe gilt für den Bezug Poesie und Landschaftsgestaltung: Gärten sollten so gestaltet sein, wie sie Poeten in ihren Gedichten beschrieben. Zu der Art, wie die Kompositionselemente des formal-geometrischen Gartens aufgeführt wurden, bildeten die Kompositionselemente des an der Natur orientierten Landschaftsgartens konträr ihre Ausbildungsformen:

  • die Wegeführung weich, organisch geschwungen (oft auch Brezelwege genannt),
  • die Pflanzen und Bäume frei wachsend, geformt von den Einflüssen der Natur, bzw. des Klimas,
  • die Pflanzschemas mit freien pflanzlichen Individuen, gruppiert oder auch einzeln stehend,
  • die Form der Geländeoberfläche mit weich geformten Mulden, Hügeln und Tälern,
  • das Wasser in naturhaft geformten Seen und in Verbindung mit dem Wasser Orte der Ruhe, Einsamkeit, Melancholie oder als murmelnde Bäche, über Kaskaden und runde Kiesel gleitend,
  • parkbegleitende Kleinbauten, welche die oben aufgeführten Sinneseindrücke hervorrufen oder initiieren sollten (Vergänglichkeit, Einsamkeit etc.).

Der naturidealisierende, gemischte Gartenstil des 19. Jahrhunderts – eine Mischform aus beidem

Ab etwa 1820 etablierte sich im Bereich der heutigen Bundesrepublik ein eigener Stil der Gartengestaltung, der so genannte naturidealisierende, gemischte Gartenstil. Dieser wurde maßgeblich durch drei Landschaftsarchitekten geprägt, die auf ihrem Gebiet anerkannte Autoritäten waren:

  • Friedrich Ludwig von Sckell (1750-1823)
  • Hermann, Fürst Pückler-Muskau (1785-1871)
  • Peter Joseph Lenné (1789-1866)

Die Gestaltung dieser Gärten kann in Kürze etwa so umrissen werden: Sie bezieht ihre Art hauptsächlich aus dem englischen Landschaftsgarten, nimmt aber begrenzt Elemente des französischen bzw. italienisch-geometrischen Gartenstils wieder auf. In Bezug auf die Parkgestaltung hieß das meist, dass die Wegeführung und Pflanzschemas in der Nähe von Gebäuden geometrisch konzipiert waren und das Gebäude oder ein Platz in geometrischem Bezug zur Wegeführung stand. Je weiter sich Wege und die eng damit verbundenen Pflanzschemas jedoch von Gebäuden entfernten, desto organischer war ihr Charakter und umso naturhafter wurde das Landschaftsbild gestaltet. Der Begriff „naturidealisierend“ kann so beschrieben werden: Ein Gartenarchitekt, der mit der Gestaltung eines Geländes beauftragt war, sollte dieses nach dem Vorbild der Natur und der Natürlichkeit des Ortes entsprechend aufgreifen und darüberhinaus idealisieren. Mängel des Geländes im Einzelnen oder im Ganzen waren zu beseitigen oder zu verbergen, vorhandene Schönheiten aber herauszustellen und durch eine entsprechende Gestaltung zu würdigen.

Der Park der Villa Berg einst und heute

Nach diesem auf das Wichtigste verkürzten „Ausflug“ in die Geschichte der Gartenkunst nun wieder zurück zu unserem Park der Villa Berg, einst und heute.

Gartenkunst Kurzfassung

Park der Villa Berg, Handkolorierte Flurkarte um 1875 (Karte: Michael Bott)

Gartenkunst Kurzfassung

Plan der Heil- und Pflegeanstalt in Lengerich von 1863 (Peter Joseph Lenné)

(Anmerkung des Autors zum Plan von Peter Joseph Lenné: Wie voran den „naturidealisierenden, gemischten Gartenstil“ beschrieben, erkennt man den äußeren Bereich des Parks der Heil- und Pflegeanstalt Lengerich im Stil der englischen Landschaftsgärten naturhaft gestaltet, Wegeführung und Pflanzschemen weich organisch gerundet, während der zentrale Bereich der Anlage streng geometrisch gestaltet ist mit den Gestaltungselementen Wegeführung, Pflanzschemen, erkennbaren Symmetrie- und Spiegelachsen, sowie ebenflächiger Geländeausformung.)

Vergleicht man den Plan von Lenné (naturidealisierender gemischter Gartenstil) mit dem der Villa Berg um 1875, so erkennt man diesen Stil auf beiden Plänen, im Falle des Parks der Villa Berg in die hiesige Landschaft übertragen bzw. eingepasst, eben in modifizierter Weise, d.h. ein Gemisch aus geometrischer Gestaltung um die Gebäude herum (mit allen Elementen wie zu Beginn aufgeführt) und dann übergehend in eine naturhafte Gestaltung in den darauffolgenden bis peripheren Bereichen.

Vom ehemals weiträumigen, vielgestaltigen und zeittypischen Park (entworfen von Neuner, teilweise Leins) ist heute nur noch ein kleiner, in sich abgeschlossener Bereich relativ unverändert vorhanden, nämlich der Rosengarten mit dessen am höchsten Punkt liegenden Belvedere.

Über dieses, um 1860-1865 von Josef v. Egle entworfene, klassizistische Kleinbauwerk kann man in einem literarischen Werk von 1889 lesen: Im Westpark „begegnen wir einem zierlichen Weinberghause […], das von Hofbaudirektor v. Egle außerhalb des eben erwähnten Sees (Anm. des Autors: Halbmondsee) in dem dortigen Weinberg ausgeführt wurde, am Ende der Achse, die geradlinig durch die ganze Parkanlage läuft. In diesem anmutigen kleinen Bauwerke, das einer fröhlichen Hofgesellschaft zur Unterkunft dienen soll, klingt der Ton aus, der auch in dem Villa-Bauwesen angeschlagen wurde […]“ (Christian Friedrich von Leins, Die Hoflager und Landsitze des Württembergischen Regentenhauses, Stuttgart, 1889).

Das Belvedere (analog zur Villa im kleineren Maßstab) bildet den Kristallisationspunkt einer kleinen geometrischen Gartenanlage mit Symmetrieachse sowie rechteckig geformten Wegen und Blumenbeeten, Terrassen, Treppen und Balustraden und hat auf der unteren Ebene ein kleines Wasserparterre. Analysiert man, aufgrund welcher Veränderungen vom einstigen Charakter nicht mehr viel übrig geblieben ist, kommt man auf folgende Ursachen:

An erster Stelle aufgrund aller eingefügten Bauwerke, die der Villa und dem Park die „Luft nehmen“, der Villa ebenso ihre Priorität und Erhabenheit. Das Zusammenspiel zwischen Wegeführung und Pflanzschemas insgesamt ist entstellt, v.a. durch die Beseitigung von Wegen, bzw. durch Abänderungen der Wegeführung und das Fehlen von einstig vorhandenen Bäumen, bzw. Baumgruppen. Die Vielzahl an den unterschiedlichsten Baumarten, bzw. Varietäten ist in vielen Parkbereichen nicht mehr vorhanden, v.a. im westlichen Bereich beherrscht der Spitzahorn durch Naturverjüngung die Baumlandschaft. Verschiedene „Erlebnisbereiche“ haben sich aufgelöst durch das Fehlen baulicher Gartenelemente oder auch Grünstrukturen. Dies bezieht sich nicht nur auf die gestaltete Parklandschaft, die den Besuchern Europas Gartenkultur erleben ließ, sondern auch auf unsere typisch schwäbische Kulturlandschaft mit ihren einzelnen Komponenten, wie Waldflur, Rebflur oder Streuobstflur, die bewusst in den Park aufgenommen wurden.

Ein Beispiel: Aus den historischen Plänen (Flurkarten und Geometerplänen) geht hervor, dass südlich und südöstlich des Rosengartens ein kleiner Waldbereich, Rebflächen und Obstbäume eng beieinander lagen, somit in enger Abfolge durchlebt und erlebt werden konnten. Das Belvedere war in Rebflächen eingebettet, hatte östlich Waldbäume und westlich blütenreiche Obstwiesen angrenzend. Diese konnte man unter Nutzung der so genannten „Brezelwege“ in Zeiten der Obstblüte oder naschend in Zeiten der Obsternte lustvoll „durchschlendern“. Diesen „Erlebnisbereich“ gibt es so heute nicht mehr.

Mit Sicherheit wäre es eine Illusion, den Park der Villa Berg gänzlich wiederherstellen zu wollen. Schön wäre es jedoch, der Villa zumindest an einer Seite wieder das passende und von Neuner kreierte grüne Ambiente zurückzugeben und es wäre sicher lohnend, sich darüber hinaus Gedanken zu machen, wo diese entschwundenen Erlebnisräume vielfältigster Art – wie beispielhaft angeführt – auch an anderen Stellen wieder zurückgeholt werden könnten.

Michael Bott ist Gartenhistoriker und hat sich u.a. schon mit anderen historischen Parkanlagen in Stuttgart wie dem Kurpark von Bad Cannstatt, dem Lapidarium und der Karlshöhe befasst. In Bad Wildbad hat er sich mit der Rekonstruktion der Kuranlagen beschäftigt. Darüber hinaus ist er Mitautor der Bücher „250.000 Jahre Cannstatter Geschichte“ sowie „Gärten und Parks in Stuttgart“. Den gesamten Beitrag von Michael Bott können Sie als PDF hier nachlesen:

Deborah Brinkschulte (Vagabunden-Führung)

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Auf Einladung von Tanja Krone, Initiatorin des Vagabundenkongresses, hat Occupy Villa Berg im Juni 2014 im Rahmen desselben eine Führung zum Thema Leerstand veranstaltet. Deborah Brinkschulte, Mit-Initiatorin von Occupy Villa Berg, beantwortet die Fragen.

Könntest Du uns, die Führung, die Du angeboten hast, kurz beschreiben?

Die Führung war Teil des Vagabundenkongresses, der vom 7. bis 28. Juni 2014 teilweise im Theater Rampe und teilweise – mit Interventionen, Führungen usw. – verteilt in der Stadt stattfand. Der Vagabundenkongress 2014 war eine Neuauflage des Vagabundenkongress, der 85 Jahre zuvor bereits einmal in Stuttgart stattfand – damals am Killesberg. Er war das größte Treffen von Wohnsitzlosen und Künstlern, die Heimatlosigkeit zum wahren Leben – jenseits bürgerlicher Zwänge – erklärten. Zum aktuellen Kongress hatten Tanja Krone, die Initiatorin, und Wanja Saatkamp, ihre Mitstreiterin, Künstler aus aller Welt geladen, das Theater Rampe wurde deren temporäre Heimat.

Unter dem Titel „Wanderpredigt“ waren Führungen und Spaziergänge Teil des Programms. Die Wanderpredigten waren der Versuch, die Menschen wieder zum Gehen und Entdecken zu motivieren, zum Entdecken der Stadt – ihrer Stadt.

Mein Spaziergang befasste sich mit dem Thema Leerstand und schlängelte sich vom Theater Rampe bis zur Villa Berg durch die Stadtteile Stuttgart-Süd und -Ost. Unsere Stationen auf der Strecke hatten wir mit neonfarbenen Quadraten markiert und damit die Leerstände weithin sichtbar gemacht. An ausgewählten Leerständen – beispielsweise der ehemaligen Kult-Fußballkneipe Libero, einem ehemaligen Kino am Stöckach oder dem gigantischen Teil-Leerstand der EnBW – erläuterten wir die Geschichte der Orte, Gründe für den Leerstand und – wenn vorhanden bzw. bekannt – Zukunftspläne.

An zwei großen Zwischenstationen waren kleine Diskussionsrunden Teil der Führung. An der ersten Unterbrechung diskutierten wir mit den Machern von plentyempty und dem Leerstandsmelder Stuttgart über Probleme, aber auch Chancen der Leerstände. Die zweite Unterbrechung bot die Möglichkeit mit Vertretern aus der Politik ins Gespräch zu kommen und über fehlende Wohnungen und Zweckentfremdungsverbote zu sprechen. Im Park der Villa – am Ende der Führung – fand ein Picknick aus der Reihe „Platz nehmen“ statt, das von den Stadtisten organisiert wurde. Mit der Reihe „Platz nehmen“ wollen die Stadtisten wenig genutzte oder schlecht gestaltete öffentliche Orte der Stadt bespielen und in ein temporäres Wohnzimmer verwandeln. Damit entsteht an diesen Orten Aufenthaltsqualität, die zwar nur von kurzer Dauer ist, aber Potenziale der öffentlichen Räume aufzeigt.

Warum war die Villa Berg das passende Ziel?

Die Villa Berg bot sich als Ziel für die Führung an, weil sie derzeit einer der prominentesten und am besten dokumentierten Leerstände der Stadt ist. Hier konnte gut verdeutlicht werden, wie es um Gebäude bestellt ist, die durch Investoren, ständige Wiederverkäufe und Leerstandsschäden, an Wert verlieren. Dabei steht die Villa Berg natürlich nur exemplarisch für eine Reihe anderer Gebäude, die – wenn auch weniger durch ihre historische Bedeutung, so aber doch zumindest durch ihr Alter – zur Identität der Stadt beitragen oder hätten beitragen können.

Was wolltest Du den Teilnehmern durch die Führung vermitteln?

Die Führung sollte den Teilnehmern ein Gefühl für die Stadt mitgeben, das auch anhand ihrer Gebäude entsteht. Welche Gebäude erzählen welche Geschichte? Welche Lücke hinterlassen sie bei einem Abriss? Welche Geschichte erzählt der Wandel der Gebäude – die Umnutzung, der Abriss, der Ersatz? Welches Gesicht geben Gebäude der Stadt? Und nicht zuletzt: Was erzählen die Gebäude über die Kultur einer Stadt und deren Umgang und Haltung mit ihrer Geschichte?

Wie waren die Reaktionen und Rückmeldungen der Teilnehmer? Was nehmen die Teilnehmer mit?

Viele Teilnehmer, die ja auch aus anderen Städten und Ländern angereist waren, kannten die Villa Berg vorher nicht. Vor allem auf dieses Gebäude bezogen sich dann die Rückmeldungen und Kommentare. Für viele Teilnehmer war es undenkbar, dass ein solches Gebäude sich selbst überlassen wird, vor allem auch für viele Teilnehmer aus weniger reichen Gegenden, in denen der Umgang mit historischer Substanz aber ein anderer ist.

Vladislav Grakovskyi und Xenia Lakmut (Theater Atelier)

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Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Aktionen den Park der Villa Berg bereichert und belebt haben. So haben wir auch Vladislav Grakovskyi, und Xenia Lakmut, Regisseurin und Regieassistentin des Theater Atelier, ein paar Fragen gestellt. Gemeinsam mit ihren Schauspielern haben sie einen Theaternachmittag am Belvedere gestaltet.

Könnten Sie uns das Theater, die Sie angeboten haben, kurz beschreiben? Wie kam es zur Auswahl der Stücke?

Das Kunst- und Kulturprojekt Theater Atelier in Stuttgart-Ost bietet eine umfangreiche Palette der modernen Kunst in den Bereichen Theater, Choreografie und Musik. Das Theater arbeitet mit vielen Darstellern und Musikern zusammen. Hier werden Schauspiel, Tanz und Gesang auf eine unverwechselbare Weise mit interkulturellen Elementen verbunden. Wir haben Auszüge aus zwei unserer Stücke vorgeschlagen, weil diese zwei Inszenierungen total unterschiedlich sind. Der Idiot nach Dostojewski: die erste Hausproduktion des Theaters Atelier. Ein Klassiker. Traum und Realität sind darin eng miteinander verflochten. Russendisko frei nach Kaminer: Ein Bestseller über Gegenwart (oder jüngere Vergangenheit). Dieses Stück ist perfekt zum Zurücklehnen und Entspannen. Eine urkomische Geschichte mit internationalem Touch. Beide Stücke haben ihren ganz persönlichen Charme. Sie unterhalten nicht nur, sondern regen zum Nachdenken an.

Warum war das Belvedere der passende Ort für den Auftritt? 

Wir sind ein Kammertheater, also sind wir die Nähe zu den Zuschauern gewöhnt. Doch die einzigartige Kulisse in Kombination mit Tageslicht, so eine Vorstellung hatten wir noch nie. Nun haben wir vor in unserem Hinterhof eine Freilichtbühne zu organisieren. Es ist ganz anders als auf der Bühne und mit Kunstlicht vor dunklem Saal zu spielen. Der Auftritt bei der Villa Berg war sozusagen unsere erste Probe im Freien. Außerdem war es sehr spannend von allen Seiten von Zuschauern umringt zu sein und die Reaktionen der Zuschauer nicht nur zu hören und zu spüren, sondern diese auch zu sehen.

Welche Besonderheiten zeichnen aus Ihrer Sicht Villa Berg und Park aus?

Es gibt einen tollen Blick auf die Stadt und sehr viel Grün. Die wunderbare Architektur bietet eine phantastische Kulisse. Eine Vielzahl an Kulturangeboten in so einer Umgebung klingt einfach magisch.

Was wollten Sie durch das Theater den Teilnehmern vermitteln?

Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Oft muss man seine Handlungen hinterfragen und Entscheidungen neu abwägen. Für das kämpfen, was man liebt. Oder sich einfach mal auf sein Bauchgefühl verlassen und keine Angst vor Neuem und Unbekanntem haben.

Wie waren die Reaktionen und Rückmeldungen der Teilnehmer? Was nehmen die Teilnehmer mit? 

Die Zuschauer fanden es spannend mittendrin statt nur dabei zu sein und die Emotionen so nah zu spüren. Unser Ziel war es den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, zu den Stücken dazuzugehören und sich mitten in den Geschehnissen zu befinden und das ist uns erfolgreich gelungen.

Was bedeuten Villa Berg und Park für Sie persönlich?

Wir finden es spannend eine so tolle Nachbarin in der Villa Berg gefunden zu haben. Wir sind gerne im Park unterwegs, sei es um ein neues Stück zu proben oder ein Außentraining mit der Schauspielschule durchzuführen.

Welche Vorschläge und Ideen haben Sie, um die Villa Berg und den Park weiter zu beleben?

Kulturelle Angebote für Jung und Alt. Open Air-Theater und Kino. Workshops und Mitmachaktionen. Die Villa und der Park schaffen eine einmalige Atmosphäre und bieten eine großartige Umgebung für die kulturelle Entwicklung Stuttgarts.

Eine Frage an Raphaela Schütz: Wie blicken Sie als Jugendliche auf Villa Berg und Park im Wandel der Zeit?

2015-10-25 13.04.28

Villa Berg – Im Wandel der Zeit
(Raphaela Schütz)

Einleitung

Ich habe mir das Thema „Villa Berg – Im Wandel der Zeit“ für meine Halbjahresarbeit an der Walddorfschule Silberwald ausgesucht, weil ich finde, dass die schönen Orte in Stuttgart immer mehr verschwinden oder vernachlässigt werden, so z. B. in der Innenstadt, wo anstatt Gebäude zu restaurieren immer lieber abgerissen wird, oder der Bahnhof und der Schlossgarten. Man sieht dies auch in Kleinigkeiten, dass z. B. der Aufgang von der Waldorfschule zur Uhlandshöhe nicht mehr gesäubert wird, oder dass auf die Treppe zwischen Werkstatthaus Ost und Spielplatz das ganze Laub und die Äste der Umgebung geworfen werden, so dass man sie gar nicht mehr benutzen kann.

Eigentlich wollte ich ursprünglich über mehrere Orte schreiben. Aber dann habe ich mich für die Villa Berg entschieden, da mein Lieblingsort der Rosengarten im Park der Villa Berg ist. Außerdem haben wir ein sehr neues Buch über die Villa mit interessanten Fotos gefunden.
Ich selbst wohne im Osten, ca. 30 Minuten zu Fuß von der Villa entfernt. Mein Kindergarten allerdings war ganz nah dran. Schon früher als kleines Kind war ich häufig von meinem Kindergarten aus im Park der Villa Berg. Da sind wir immer durch den Rosengarten gegangen. Und damals war immer Wasser in dem Brunnen, doch dann plötzlich war es weg. Außerdem wohnen Freunde von uns in der Nähe, mit denen wir oft mit ihrem Hund im Park der Villa spazieren gehen. Wir reden immer wieder darüber, dass die Villa und der Park mehr und mehr verfallen: zugenagelte Fenster, überwucherte Steinplatten, Bauzäune, Graffitis, Zerstörungen.

Ich finde es sehr schade, dass dieser schöne Ort so vernachlässigt wird. Wenn man sich dort aufhält, hört man viele Spaziergänger über die Villa und ihren schlechten Zustand reden. Seit Jahren kommen alle paar Monate Zeitungsartikel, in denen steht, dass die Stadt die Villa bald zurückkauft und sie renoviert, so dass sie endlich wieder genutzt werden kann – als was, ist umstritten.

Das Gebäude ist ständigem Wandel ausgesetzt. Das habe ich selbst erlebt. Zu Beginn meiner Arbeit war ich dort, um Fotos zu machen und habe festgestellt, dass das Gebäude und die Umgebung von Pflanzen überwuchert waren. Eine Woche später hatte das Gartenamt die meisten der Pflanzen abgeschnitten, leider auch das Efeu, das an einer Lampe so schön hoch gewachsen war. Noch eine Woche später war der Bauzaun, durch den man zuvor noch auf die Terrasse durchgehen konnte, durch eine Kette so gesichert, dass dies nicht mehr möglich war. Auch ist manchmal Wasser in Brunnenbecken und dann wieder nicht, je nach Wetter.

In der Arbeit schreibe ich über die Geschichte des Baus und die verschiedenen Nutzungen, über die ursprüngliche Architektur und den Park, über den heutigen Zustand, über die Skulpturen und über verschiedene Vorschläge zur Zukunft der Villa Berg. Die Fotos beziehen sich nicht immer auf den geschriebenen Text, sondern erzählen eigenständig die Geschichte der Villa Berg mit ihren Veränderungen im Laufe der Zeit. Dafür war ich häufig vor Ort. Insgesamt sind ca. 400 Fotos entstanden. Auch habe ich bei der Beschäftigung mit dem Thema und mit alten Abbildungen festgestellt, dass viele Statuen verstreut wurden und an anderen Orten wieder auftauchten. Um ihrem Verbleib auf die Spur zu kommen, war ich am Lapidarium, in der Staatsgalerie und im MUSE-O.

Die Villa war nicht so zerstört nach Krieg, dass man sie nicht wieder hätte aufbauen können. Gerne hätte ich sie in ihrem Originalzustand gesehen, vor allem das Innere. Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie man die Villa kaufen könnte. Wenn jeder Bürger ein paar Euro geben würde … Aber so einfach ist das ja anscheinend nicht.

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Villa Berg bin ich immer wieder auf Namen gestoßen, die man in Stuttgart von Straßen, Plätzen oder Gebäuden kennt: Hackländerstraße, Karlstraße, Karlshöhe, Karlsplatz, Leinsweg, Olgastraße, Olgaeck, „Olgäle“, Karl-Olga-Krankenhaus, Werastraße.

An meinem Geburtstag habe ich im Park der Villa Berg eine Rallye veranstaltet. Dazu hatte ich einen Fragebogen mit Fragen zur Villa Berg vorbereitet. So konnte ich ein bisschen auf die Veränderungen dieses schönen Bauwerks aufmerksam machen, und ich hoffe, es hat allen viel Spaß gemacht.

Eigentlich wollte ich gerne einen Film über die Villa Berg drehen, da es beim Filmwinter einen passenden Workshop gegeben hätte. Leider kam dieser mangels Teilnehmer nicht zustande. Daher bin ich bei einem anderen Kurs gelandet. Dort habe ich dann die Ur-Ur-Enkelin des Architekten der Villa Berg Christian Friedrich Leins kennen gelernt. Welch ein Zufall!

[…]

Heutiger Zustand

Der heutige Zustand der Villa ist nicht gut. Sie wirkt verwahrlost. Aus den Steinplatten vor der Villa wachsen viele Pflanzen und schieben die Platten nach oben. Die unteren Fenster der Villa wurden mit Spanplatten zugenagelt und eines der oberen Fenster wurde eingeworfen. Steingeländer wurden durch Metallzäune ersetzt, und es wurde ein Bauzaun um das immer baufälliger werdende Gebäude gezogen.

Graffitis wurden aufgesprüht – erstaunlicherweise aber nur auf den Spanplatten und in zwei Grotten, so, als ob die Sprayer Respekt vor der immer noch schönen Fassade des Bauwerks gehabt hätten. Allerdings gilt das nicht für das Garten-Belvedere/Rosengarten, dort ist im Äußeren und im Inneren des offenen Gebäudes alles voll gesprüht, nur die wunderschöne Holzdecke wurde verschont. Das Belvedere ist das einzige Gebäude, das noch einigermaßen im Originalzustand ist.

Die Nordflügel der Villa Berg wurden nach dem Krieg abgebrochen und dort ein SWR-Gebäude gebaut. Die vier Turmaufsätze der Villa wurden entfernt und es wurde ein Flachdach gebaut. Ebenso sind die vielen, vielen Statuen aus dem Park, an und in der Villa verschwunden (bis auf „Tag“ und „Nacht“ in der Nordfassade und den Nymphenbrunnen an der Ostseite). Fünf davon stehen in der Staatsgalerie, einige im Lapidarium, die Quellnymphe auf dem Pragfriedhof und einiges vergammelt im Obstkeller des Gartenamtes.

Der Park sieht ganz anders aus als früher. Der Halbmondsee wurde stillgelegt, wie alle anderen Brunnen auch. Ein Becken aus den 60iger Jahren hatte bis vorletztes Jahr noch Wasser, mit Fischen drin. Auf Nachfrage beim Gartenamt wurde gesagt, man müsse sparen. Wo früher Springbrunnen waren, sind nur noch leere kaputte Becken. Fast alle zusätzlichen Gebäude im Park sind verschwunden, wie z. B. das Torhäuschen oder die Orangerie. Die Pflanzen im Park und im Gartenbelvedere wachsen nicht mehr in dieser Fülle und Pracht wie früher.
Die später gebauten SWR-Gebäude sind mittlerweile ebenso runtergekommen wie die Villa.

[…]

Wo sind die Skulpturen?

Die einzigen noch vorhandenen Skulpturen an der Villa Berg sind der Nymphenbrunnnen an der Ostseite und „Tag“ und „Nacht“ in der Nordfassade. Viele der unzähligen Skulpturen an und in der Villa und im Park sind zerstört oder einfach verschwunden. Beim Vergleichen alter Abbildungen konnte ich feststellen, dass viele Statuen im Laufe der Zeit an anderen Orten im Park auftauchen, also umgestellt worden sind, z. B. der „Fischerknabe“, der erst im Belvedere stand und dann an einem Teich nahe der Kleinen Villa Berg.

Andere wurden verstreut und tauchen an ganz anderen Orten wieder auf. Es ist doch interessant, was im Leben einer Skulptur so passiert: Manche Skulpturen sind unglaublicherweise im Keller des Gartenamtes gelagert worden, wie die „Drei pausbäckigen Knaben“ von der Südterrasse. Die „Quell-Nymphe“ vom Rosengarten, bei der Wasser aus den Muscheln in ihren Händen heraus floss, wurde 1910 von Franz von Linden gemacht. Sie wurde aber zunächst wegen der Namensähnlichkeit zu dem „Nymphenbrunnen“ von der Ostseite der Villa dem Bildhauer Albert Güldenstein zugeschrieben. Seit den 60iger-Jahren stand sie bis 2007 auf einem Brunnen an der Südseite der Villa. Heute befindet sie sich aus Schutz vor Randalierern auf dem Pragfriedhof neben dem alten Leichenhaus und ist dort ihrer eigentlichen Funktion als Brunnenfigur beraubt.

In der Staatsgalerie in der Rotunde habe ich „Liebe macht blind“ von Donato Bacaglia aus dem Treppenhaus der Villa und vier weitere Statuen aus dem unteren Vestibül gesehen, die wegen des Winters in kleine Häuschen eingepackt sind.

Auch im Lapidarium, einem wunderschönen Ort im Stuttgarter Süden, an dem allerlei Skulpturen aufbewahrt werden, habe ich Skulpturen wieder entdeckt. Leider ist bis Mai geschlossen. Trotzdem konnte ich von außen das „Muckebüble“, das ursprünglich im Belvedere und später auf einer Wiese stand, die „Sandalenbinderin“, „Ingeborg mit dem Falken“, zwei Amphoren und die Lapis-Schale von Olga sehen.

Im Muse-O in Gablenberg soll das „Aschenbrödel“ von den Nordflügeln stehen. Ich habe sie leider nicht gefunden. Die „Jupitergruppe“ aus der Westgrotte wurde erst vor kurzem vom SWR für 50 000 Euro versteigert, da er Geld für seinen Neubau brauchte. Meine Lieblingsstatue ist eigentlich die „Winterstatue“, ehemals im Park, später auf der Südterrasse, die zusammen mit den drei anderen Statuen „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ zerstört wurde. Reste davon sollen im Stadtarchiv lagern, und eine Kopie davon steht in Freienwalde.

[…]

Die Autorin Raphaela Schütz ist 13 Jahre alt und hat sich im Rahmen ihrer Halbjahresarbeit an der Walddorfschule Silberwald mit der Villa Berg auseinandergesetzt. Der Gastbeitrag ist ein Auszug aus der Arbeit, der komplette Originaltext steht als PDF zur Verfügung. Die Arbeit entstand mit gedruckten Bildern und handgeschriebenen Texten und ist im Original in einem Ordner abgelegt. Der Wunsch der Autorin für Villa Berg und Park: „Ich selbst wünsche mir, dass erst einmal der Zerfall gestoppt wird, dass die Brunnen wieder fließen und der Park schöner wird, am liebsten wieder mit Pergolas und Skulpturen, und dass die Villa ein Begegnungsort mit einem schönen Café wird, wie es früher ja schon mal war.“

Prof. Horst Sondermann (Hochschule für Technik Stuttgart)

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Video- und Modellpräsentation zur Villa Berg am 14.07.15 im Projektraum Lotte (Foto: Projektraum Lotte)

Zum Abschluss von Occupy Villa Berg interviewen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit ihren Initiativen die Villa Berg und den Park bereichert und belebt haben. So haben wir auch Prof. Horst Sondermann, Dekan der Architektur-Fakultät an der Hochschule für Technik und Koordinator eines Forschungsprojekts zu Villa Berg und Park, ein paar Fragen gestellt.

Herr Sondermann, Sie sind Dekan der Fakultät Architektur an der Hochschule für Technik Stuttgart. Ihre Hochschule engagiert sich für die Villa Berg? Wie kam es dazu?

Ich bin seit September 2013 Dekan der Fakultät Architektur und Gestaltung an der HfT Stuttgart. Die Fakultät umfasst sieben Studiengänge der Architektur, Innenarchitektur (jeweils Bachelor und Master) sowie für Stadtplanung (Master), Internationales Projektmanagement (Master) und ClimaEngineering (Bachelor). Die Zusammenarbeit zwischen den Studiengängen ist aufgrund unserer überschaubaren Größe eng und konstruktiv. Die Villa Berg haben in der Vergangenheit schon einige Kollegen aus unterschiedlichen Studiengängen in Seminaren behandelt (z.B. Prof. Peter Schneider in der Bauaufnahme).

Mit meinem Amtsantritt habe ich mir vorgenommen, dass Lehre, Projektarbeit und Forschungstätigkeit an unserer Architekturfakultät einen neuen Schwerpunkt erhalten: Architektur in Stuttgart – Aktuelle Herausforderungen im Kontext seiner Bau-, Stadtbau- und Planungsgeschichte. Mir ist wichtig, dass wir als Architekturfakultät substantielle Beiträge zur Stadtbaudiskussion in Stuttgart liefern und damit auch sichtbar werden. Park und Gebäudebestand der Villa Berg verlangen danach, dass für eine sinnvolle Debatte um ihre Zukunft Grundlagen ermittelt und bereitgestellt werden, aus denen sich die Geschichte des Baus und seines Verfalls besser erklärt. Frei von politischen und kommerziellen Interessen kann unsere Architekturfakultät dies in vielfältiger Weise tun.

Das Engagement der Hochschule für die Villa ist groß. Warum halten Sie diese Arbeit für wichtig? Spielt die Villa Ihrer Meinung nach eine wichtige Rolle für Stuttgart? Wenn ja, warum?

Kultur wird selektiv rezipiert, Stadt kollektiv – in der Gesamtheit ihrer Quartiere, Bauten, Bahnhöfe, Straßen, Plätze, Parks ist sie ein Kulturprojekt für alle. Stadt konfrontiert uns mit gemeinsamer Geschichte und hat damit zentrale Bedeutung für unsere Selbstvergewisserung als politische Gemeinschaft. Ihre tieferen Texturschichten erlauben Erinnerungen und Einsichten in eine Welt jenseits eigenen Erlebens und familiärer Erzählung. Die Bilderwelt der Stadt ist aus- und abgelagertes kollektives Bewusstsein – schwinden die Bilder, verblassen die Erinnerungen. Geschichtslos und politisch dement, droht uns die Reduktion auf das Management des Augenblicks: Das Ende einer erfolgreichen Gesellschaft. Wir brauchen Denkmäler zum Überleben.

Die Villa Berg erinnert an das Haus Württemberg und die einst enge Verbindung zu Russland, an eine produktive königliche Stifterin diverser karitativer Einrichtungen, an das Erwachen bürgerlichen-emanzipativen Bewusstseins, ist wichtiger Beitrag der Villenbaugeschichte im 19. Jahrhundert, erzählt von der Schöpfungsgeschichte der modernen Architektur, mit ihrem Park illustriert sie einen Teil Stadtgeschichte.

Die Arbeit der Hochschule gliedert sich in zwei Teile: den Pavillon am Belvedere und die Villa. Das Belvedere wird auf Anstoß und mit Unterstützung Ihrer Hochschule saniert. Welchen Bezug haben Sie als Hochschule zu dem Gebäude? Welche Arbeit leistet die Hochschule im Bereich des Belvedere und welche Kollegen und Partner sind eingebunden?

Wir haben als Gegenstand unseres Engagements den Park der Villa Berg als städtisches Areal identifiziert. Damit ist erstmal alles eingeschlossen, was innerhalb liegt, also das Belvedere mit seiner Pergolenkaskade, der Villentorso nebst Sendesaal, die SWR-Bauten, Tiefgarage, die Parkanlage selbst. Architekt des Belvedere war Joseph von Egle, der langjähriger Rektor unserer Hochschule war. Der Pavillon war Gegenstand umfassender bautechnischer Untersuchungen unter der Leitung der Kollegin Dr. Gabriele Grassegger, unterstützt von Bauaufnahme und Dokumentation unter der Leitung des Kollegen Dr. Peter Schneider, finanziell unterstützt von der Knödler-Decker-Stiftung i.P. Ulrich Scholtz. Die Sanierung erfolgt jetzt durch die Firma Kärcher ihm Rahmen ihres Kultursponsoring unter der Leitung der Architekten Till Läpple und Manuel Sauter.

Welche Arbeiten sind für die Villa selbst abgeschlossen, in Arbeit oder für die Zukunft geplant und welche Fachbereiche und Kollegen sind hier involviert?

Abgeschlossen ist der Bau eines großen städtebaulichen Modells, das im Maßstab 1:1.000 einen Ausschnitt Stuttgarts mit dem Park der Villa Berg zeigt. In Arbeit ist eine umfassende Sammlung von Archivalien: Pläne, Darstellungen, Quellentexte. Parallel werden diese ausgewertet und an einer aktualisierten baugeschichtlichen Darstellung und Bewertung der ehemaligen Villa gearbeitet. Jetzt beginnen wir mit der digitalen Rekonstruktion der Villa, sowohl in historischer wie aktueller Fassung. Diverse Seminararbeiten Studierender sind abgeschlossen bzw. in Arbeit. Geplant ist eine von uns kuratierte Ausstellung zur Villa Berg im April 2016, in der wir unsere Archivalien, Modelle, Zusammenfassungen unserer Recherchen und Studienarbeiten präsentieren. Involviert sind an erster Stelle Kollegen unserer Architekturfakultät, die Studienarbeiten betreut haben oder dies noch tun: Dr. Peter Schneider (i.R.), Jo Frowein, Dr. Christina Simon-Philipp, Dr. Detlef Kurth, Roland Dieterle, Rebecca Chestnutt, Tobias Wulf, Harald Roser, Peter Krebs. Von der Fakultät B (Bauingenieurwesen, Bauphysik und Wirtschaft) hat sich Dr. Gabriele Grassegger mit bautechnischen Untersuchungen des Belvedere befasst. Für die Gesamtkoordination des Villa Berg-Engagements unserer Architekturfakultät bin ich zuständig. Rektor Rainer Franke und Ulrich Scholtz von der Knödler-Decker-Stiftung unterstützen das Projekt mit Nachdruck und Geld.

Welche Rolle spielt der Park bei Ihrer Arbeit?

Unser Engagement umfasst das Areal des Parks und damit auch die Parkgestaltung selbst. Überdies wäre die Recherche zu einer Villa ohne Untersuchung des Grünraums, der sie umgibt, bautypologisch unvollständig bzw. sinnlos. Insgesamt bietet der Park natürlich das größte Potential für neue Konzepte bürgerschaftlicher Teilhabe. Auch hier ist aber zwingend, dass das historische Parklayout zuerst recherchiert und verstanden ist, bevor seine Neuformatierung debattiert wird. Beispiel: Historisch bestand eine prägnante Teilung des Parks in Ost und West mit der Villenanlage als trennende Baufigur in der Mitte. Eine Rekonstruktion derselben würde die Wiederherstellung der Platanenallee auf der Ostseite nahelegen. Villa und Park waren ein Gesamtkunstwerk und haben verdient, wieder eines zu werden – in zeitgemäßem, zu diskutierenden Format.

Wie ist der Forschungsstand? Haben Sie überraschende, besonders spannende oder ungeahnte Entdeckungen gemacht?

Bei gründlicher Lektüre historischer Skizzen, Pläne, Darstellungen und Texte offenbaren sich tiefere Einsichten in die architektonische Motivation des Villenarchitekten Leins. Die bislang vorgenommene Stilzuweisung greift für das Verständnis des Projekts Villa Berg viel zu kurz – wie beim bekannteren Schinkel liegen wesentliche Entwurfsideen und Innovationen verborgen hinter dem Vorhang historistischer Fassaden. Der Bau der Villa Berg korreliert mit Emanzipation und Ermächtigung des Bürgertums als Motor der industriellen Revolution und illustriert dies auch in Form bemerkenswerter bautypologischer Neuinterpretationen, die Leins gegenüber dem klassischen Kanon vornimmt. Hier sind insbesondere der Kontrast zwischen traditioneller Portalsymbolik und pragmatischer Hauserschließung, zwischen humanistischem Grundrissideal und zweckmäßiger Wohnkonzeption zu nennen. Der 31-jährige Leins ist mit seinem Villenentwurf von 1845 ein bislang unbekannter Wegbereiter der modernen Architektur.

Werden die Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht?

Öffentlich präsentieren werden wir unsere Ergebnisse in der genannten Ausstellung. Darüber hinaus empfehlen wir uns von der Architekturfakultät der HFT Stuttgart für die Vorbereitung, Ausschreibung und Betreuung eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs zum Park und Gebäudebestand der Villa Berg – Teilnehmer sollten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten sein. Ein konstruktiver, kulturell nachhaltiger Bürgerdialog über die Zukunft der Villa Berg und ihres Parks kann nur auf der Basis gesicherten Wissens und fachlich fundierter Ideen gelingen.

Eine Frage an Dr. Susanne Dieterich: Welche Rolle spielten die Ehefrauen von Fürsten und Königen und wie nahm Königin Olga sich ihrer Aufgabe an?

Großfürstliche und königliche Wohltätigkeit
 (Susanne Dieterich)

Hinweis: Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht durch das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (Hrsg.), Stuttgart 2008 in der Publikation „Olga – russische Großfürstin und württembergische Königin“ und uns mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Verfügung gestellt.

Soziales Engagement von Fürstinnen und Königinnen musste sich immer zwischen vielen Betätigungsfeldern bewegen und sich einen Platz schaffen. An der Seite eines regierenden Herrschers hatte sich die Ehefrau in die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit einzuordnen und konnte sich nur innerhalb der Vorgaben der Herrschaft ihres Mannes bewegen. Eigene Vorstellungen politischen Handelns mussten sich in den gegebenen Rahmen einpassen und konnten etwa im Falle sozialer Not allenfalls korrigierend oder vorsichtig reformierend umgesetzt werden, gesellschaftliche Übel nicht an der Wurzel gepackt, sondern höchstens gemildert werden. Viele Fürstinnen waren sich dieses Dilemmas durchaus bewusst. „Mit Suppenküchen allein lässt sich die soziale Frage nicht lösen“, so brachte es die Adoptivtochter Königin Olgas, Großfürstin Wera einmal auf den Punkt.

Für kluge und politisch interessierte Königinnen wie Katharina Pavlovna oder Olga Nikolaevna waren diese Einschränkungen gewiss nicht leicht hinzunehmen. Hinzu kam der Druck aus der eigenen, herrschenden Gesellschaftsschicht, bei allen Versuchen, Not und Missstände im Land zu lindern, den Status Quo zu erhalten. Königliche Wohltaten sollten auf keinen Fall grundlegende Veränderungen bewirken, allenfalls kosmetische Veränderungen und soziale Befriedung, auf dass Ruhe im Lande herrschen möge. Demgegenüber stand die Erwartungshaltung des gemeinen Volkes an ihre Königin als Landesmutter. Nachhaltige Hilfe und echtes Verständnis waren hier gefragt. Beiden Rollen gerecht zu werden, kam sicherlich einer Gratwanderung gleich. Es spricht für die Klugheit und das diplomatische Geschick von Königin Olga, dass sie bis heute als Wohltäterin für die Menschen ihres Landes positiv in Erinnerung geblieben ist.

Schon die Tatsache allein, dass sie ihre Aufgabe als glaubwürdige Landesmutter überhaupt angenommen hat, ringt auch heutigen Beobachtern Respekt ab. Hätte diese schöne, reiche, allem ästhetisch Schönen aufgeschlossene Frau doch durchaus auch den Annehmlichkeiten einer Spaßgesellschaft frönen können und die unbequeme, arbeitsintensive Seite der Rolle einer Frau an der Seite eines mächtigen Mannes einfach leugnen oder beiseite schieben können. Beispiele einer solchen Haltung gibt es genug, auch heute noch.

Doch die russische Großfürstin Olga hatte bereits als Kind gelernt, Augen und Ohren für andere zu öffnen, Pflichten anzunehmen und Disziplin sich selbst gegenüber zu üben. Das war Tradition bei den Frauen ihrer Familie. Vorbilder hatte sie bereits als Kind genug in der eigenen Umgebung. Ihre Großmutter väterlicherseits, die württembergische Prinzessin Sophie Dorothea von Württemberg alias Maria Pavlovna, hatte als Ehefrau des Zaren Paul und einflussreiche Mutter der späteren Zaren Alexander I. und Nikolaus I. mit beachtlichen Erfolgen versucht, durch Gründung von Wohltätigkeitsvereinen, Schulen, Findelhäusern und Waisenheimen, die Sozialpolitik in Russland zu beeinflussen. Sie hatte sich ebenso wie ihre Tochter, die Tante Olgas und spätere württembergische Königin Katharina, nicht mit kurzsichtigen Almosengaben begnügt, sondern mit langfristigen Hilfsmaßnahmen den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe angeboten und damit für nachhaltigen Einfluss auf die Bildungs- und Sozialpolitik in ihren Ländern gesorgt.

An der Seite ihrer Mutter musste Olga schon als Kind regelmäßig Besuche in Klöstern, Schulen, Spitälern und anderen Wohltätigkeitsinstitutionen unternehmen. Die hervorragende Erziehung und hohe Bildung, die sie am russischen Zarenhof einst genossen hatte, ermöglichten es ihr, das Gesehene und Erlebte in größere, politische Zusammenhänge einzuordnen. Schon ihr Taufname Olga war Verpflichtung, erinnert er doch an die „Heilige Olga“ aus dem 10. Jahrhundert, Großmutter des Kiewer Großfürsten Vladimir des Heiligen, von der es in der russischen Nestorchronik heißt: „War sie doch die Weiseste unter den Menschen“.

Im September des Jahres 1846 zog die frisch vermählte Großfürstin Olga an der Seite von Kronprinz Karl in Stuttgart ein. Anders als ihrer russische Vorgängerin Katharina im Jahr 1816 bot sich ihr in ihrer neuen Heimat nicht ein Anblick des Schreckens aus Hunger und Not, den Folgen von Krieg und Naturkatastrophen. Olga war nicht zu sofortigem Handeln gezwungen. Das Land hatte sich erholt, und wenngleich das Revolutionsjahr 1848 nicht mehr weit war, so konnte man die Umstände nicht vergleichen. Auch musste Olga nicht wie Katharina schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Württemberg den Thron besteigen, sondern konnte sich erst einmal in Ruhe einrichten und sich zusammen mit ihrem Ehemann ihrer gemeinsamen Neigung zur Kunst hingeben. Mit dem Bau der Villa Berg im Stuttgarter Osten als Wohnsitz des Kronprinzenpaares in klassizistischem Stil nach italienischem Vorbild setzte sie für die Architektur in der Residenz neue Akzente und fand im Stuttgarter Adel und Großbürgertum zahlreiche Nachahmer bei der Errichtung von repräsentativen Villen. In ihrer verständigen Liebe zu Musik und bildender Kunst schien Olga zunächst für ein Mäzenatentum im Bereich der Kultur geeignet.

Womöglich aber lagen der politisch hochinteressierten und begabten Zarentochter Fragen der Politik und des Regierens näher als die Beschäftigung mit sozialen Themen. In späteren Jahren, als König Karl sich resigniert durch die Beschneidung seiner Befugnisse als deutscher Fürst nach der Gründung des deutschen Reiches unter preußischer Führung immer mehr aus der aktiven Politik zurückzog, sagte der russische Gesandte Alexander Gortschakov, zwar sicherlich nicht ohne Anspielung auf Karls persönliche Neigung zu Männerfreundschaften, aber doch mit deutlichem Verweis auf Olgas Disziplin und politischen Ehrgeiz: „Sie ist der einzige Mann am württembergischen Hof.“ Doch ihre Rolle als Frau an der Seite des Kronprinzen und später des Königs drängte sie in ein enges Korsett und beschränkte sie auf die traditionell einzige den Frauen der Herrschenden zugestandene öffentliche Betätigung der Mildtätigkeit.

Noch hatte ihre Schwiegermutter Königin Pauline die bereits geschaffenen Wohltätigkeitsinstitutionen „besetzt“, und Olga unterstützte sie. Bevor sie eigene Akzente setzte, erfüllte sie zunächst die klassische Funktion der Schirmherrschaft für gemeinnützige Zwecke. So übernahm sie etwa im Jahr 1847 das Protektorat für die „Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder“ in Mariaberg. Im Dezember 1846 war der Trägerverein für eine Heil- und Pflegeanstalt in dem ehemaligen Benediktinerkloster Mariaberg gegründet worden, am 1. Mai des folgenden Jahres konnte die von dem Uracher Oberamtsarzt Carl Heinrich Rösch geplante Behinderteneinrichtung eröffnet werden. Mariaberg war eine von insgesamt 25 Anstalten im Land, um die sich Olga als Kronprinzessin und später als württembergische Königin persönlich kümmerte, bei zahlreichen Besuchen immer wieder nach dem Rechten sah, aus ihrem persönlichen Vermögen Geld gab und selbst nach geeigneten Lehrer, Betreuern und Ärzten suchte.

So auch für das bis heute bestehende renommierte Kinderkrankenhaus in Stuttgart, das „Olgäle“, das 1847 unter ihren persönlichen Schutz gestellt wurde. Es war fünf Jahre zuvor von zwei Stuttgarter Ärzten speziell als Krankenhaus für Kinder, Lehrlinge und jugendliche Arbeiter ins Leben gerufen worden. Dass es Bestand haben sollte und genügend Geld zur Verfügung war, ist dem persönlichen Einsatz Olgas zu verdanken. 1850 bekam es den Namen „Olga- Heilanstalt“, und die Schenkung eines Geländes durch die Stadt Stuttgart ermöglichte in den 1880er Jahren eine Erweiterung mit Neubauten. Ganz in ihrem Sinne dürfte die Gründung der „Olgäle-Stiftung“ im November 1997 unter der Schirmherrschaft SKH Carl Herzog von Württemberg gewesen sein. Wie damals bei Olga erweist sich die Tätigkeit einer Frau an der Seite eines einflussreichen Mannes als „Anstifterin“ zur Werbung um Spenden für eine gute Sache als wirksamste Methode des „Fundraisings“: die Gattin des ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Schuster mobilisiert unermüdlich die Stuttgarter Gesellschaft zum Stiften und Spenden.

Dass dies nicht immer eine leichte Aufgabe ist, davon spricht die Hofdame Eveline von Massenbach in ihrem Tagebuch am 22. April 1852: „Mit der Kronprinzessin in ihrem Kinderspital Olga-Heilanstalt, sie ist so herzig mit den Kleinen, bekümmert sich um alles. Erst viel später gestand sie mir, wie viel Überwindung diese Dinge sie gekostet […]. Auch das kleine Häuschen in der Wilhelmstrasse, wo der alte Dr. Wagner ein paar blinde Kinder mitgenommen, besuchte Ihre kaiserliche Hoheit häufig. Daraus entstand an anderem Ort – Forststrasse – die Nikolauspflege.“

Tatsächlich hat die heute weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Nikolauspflege am Kräherwald in Stuttgart, eine Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen, ihren Ursprung in einer Zwergschule für blinde Kinder, betrieben von einem Privatlehrer in einem Wohnhaus. Sie ist die erste von Olga selbst initiierte Stiftung, gegründet 1856 als Nikolauspflege, benannt nach ihrem geliebten Vater, dem russischen Zaren Nikolaus I., und sie markiert eine gewisse Wende in der Wohltätigkeit Olgas. Während sie bisher bereits bestehende Einrichtungen bestätigte und das Protektorat für bestimmte Einrichtungen übernahm, setzte sie nun mit der Gründung neuer sozialer Einrichtungen eigene Akzente.

Den Schwerpunkt legte sie dabei auf die Erziehung und Bildung der weiblichen Jugend und die Ausbildung eigener Frauenberufe. Die Entstehung zahlreicher Kinderkrippen – Olgakrippen gibt es bis heute in vielen Städten des Landes – Kinderrettungsanstalten, Kleinkinderbewahranstalten mag als eine Reaktion auf die eigene, schmerzlich empfundene Kinderlosigkeit Königin Olgas gewertet werden. Die Gründung von Ausbildungsstätten für Mädchen und Frauen jedoch weist über persönliche Betroffenheit weit hinaus auf ihr Bestreben mit der Schaffung neuer, zukunftsorientierter Institutionen nachhaltig zu wirken. Dabei setzte sie auf den weiblichen Teil der Bevölkerung. 1873 stiftete sie eine Mädchenschule im Stuttgarter Westen, das Olgastift, in dem bereits im ersten Jahr des Bestehens 166 Schülerinnen von fünf Lehrern in sechs Klassen unterrichtete wurden. Jeder Klasse wurde eine Gouvernante zugeteilt.
In diesem Zusammenhang kam wohl auch der Bedarf nach weiblichen Lehrkräften auf, und so entstand z.B. nicht nur das Lehrerinnenseminar in Markgröningen, sondern auch eine Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen in Großheppach.

Die Ausbildung von Krankenpflegerinnen erschien Königin Olga ebenfalls von großer Wichtigkeit. Der Württembergische Sanitätsverein, nach der Genfer Konferenz und im Vorfeld der Entstehung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 1863 in Stuttgart zur Hilfe für verwundete Soldaten gegründet, richtete am städtischen Krankenhaus von Heilbronn eine Krankenpflegeschule ein, aus der die evangelische Olga-Schwesternschaft hervorging. Königin Olga, die 1865 die Leitung des Württembergischen Sanitätsvereins übernommen hatte, wurde die Schirmherrin der Olgaschwestern. Diese sollten dann für das nach dem Tod Königin Olgas 1894 im Stuttgarter Osten gegründete Karl-Olga-Krankenhaus, an das ebenfalls eine Krankenpflegeschule angeschlossen wurde, den Pflegedienst übernehmen.

Das 25-jährige Ehejubiläum des württembergischen Königspaares Olga und Karl am 23. September 1971 brachte noch einmal einen Aufschwung der Wohltätigkeit im Land. Zahlreiche Spenden zugunsten wohltätiger Zwecke wurden aus Anlass der Silbernen Hochzeit im ganzen Land gemacht, Stiftungen und Zustiftungen gegründet. So gründete Königin Olga selbst am 13. Juli 1871 die Karl-Olga-Stiftung zur Unterstützung „unverehelichter Töchter von verstorbenen verdienten Männern, welche im württembergischen Civil- oder Militärdienste gestanden sind“. Insgesamt 30 bedürftige „Präbenden“, also eine Art Pfründnerinnen, welche in den Genuss einer regelmäßigen finanziellen Unterstützung kommen, wurden von einer ehrenamtlichen Kommission ausgewählt, welche nun eine jährliche finanzielle Unterstützung zwischen 100 und 300 Gulden erhielten. Sie mussten mindestens 18 Jahre alt sein und das Zeugnis eines untadeligen Lebenswandels vorweisen. Sie blieben im Genuss der Präbende solange ihre Bedürftigkeit fortbestand und sie nicht heirateten. Ein unwürdiger Lebenswandel zog den Verlust der Präbende unweigerlich nach sich. Schwestern wurden nur in Ausnahmefällen gleichzeitig unterstützt. Das Stiftungskapital in Höhe von 105.000 Gulden kam aus dem Privatvermögen der Königin. Damit es „niemals verringert, sondern vermehrt“ würde, sollte das Stiftungsvermögen wie folgt angelegt werden: 5.000 Gulden sollten abgeschieden und die Zinsen und Zinseszinsen daraus dem Stiftungskapital zugeschlagen werden, bis zu 15.000 Gulden, davon sollten 10.000 Gulden dem Hauptkapital hinzugefügt und mit den übrigen 5.000 Gulden wieder genauso verfahren werden. So sollte die „milde Stiftung für ewige Zeiten“ gelten. Zustiftungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits im September 1874 stiftete die Witwe des Generalkonsuls Seybold den Betrag von 2.000 Gulden zu, im Februar folgten 50.000 Francs aus einem Graf-Loubal-Kapital, und Fürst Michael Gortschakov, inzwischen kaiserlich- russischer Gesandter in Spanien, zahlte im Sommer 1889 10.000 Francs in die Karl-Olga- Stiftung ein. Sogar der Gemeinderat der Stadt Stuttgart mit seinem Oberbürgermeister Sick an der Spitze erwies sich als spendabel: anlässlich der Silbernen Hochzeit vermachte er am 23. September 1871 ein „Grundstück an der Kasernenstrasse Parcelle Nummer 253, ein Achtel Morgen neunzehn Quadratruthen im Maß haltend“ zum Geschenk, für die Errichtung eines Neubaus für die von Königin Olga gegründete Kinderkrippe, „deren heilsame Wirksamkeit für die bessere Verpflegung der Kinder jüngsten Alters über eine große Anzahl armer Familien sich ausdehnt“.

Solche Gaben gehörten zweifellos zu den spektakulären Wohltaten im Umkreis der Mildtätigkeit der Königin und mögen sie ebenso befriedigt wie ermutigt haben. Ebenso die Schaffung eines Verdienstordens, den König Karl ihr zu Ehren „Olga- Orden“ nannte. Dass er „auf dem Geburtstagsfeste meiner Gemahlin der Königin Majestät und Liebden“ den Olga- Orden an den Leiter der Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen verlieh, war seine Art, ihr Respekt und Anerkennung auszudrücken. Und dass er anlässlich seines 25. Regierungsjubiläums 1889 einen Karl-Olga-Orden für Verdienste um das Rote Kreuz und den unter ihrem Protektorat stehenden Württembergischen Sanitätsverein stiftete, war ihr gewiss eine schöne Genugtuung.

Mühseliger gestaltete sich ihr Tun im Alltag. Hier sah sie sich tagtäglich mit zeitaufwändigen Repräsentationspflichten und gesellschaftlichen Terminen konfrontiert, mit dem Management ihrer bereits bestehenden Wohltätigkeitseinrichtungen, fleißigem Aktenstudium und nervtötenden Vereinssitzungen. Unzählige Eingaben wurden an sie herangetragen, Bittgesuche aller Art. Diese reichten von der Verwendung zugunsten einer Bad- und Waschanstalt für Bedürftige oder des Vereins zur Fürsorge für Fabrikarbeiterinnen bis hin zur Bitte um Fürsprache beim russischen Zaren noch kurz vor ihrem Tod 1892, die drei Söhne eines verarmten ukrainischen Leutnants auf Staatskosten in ein Militärgymnasium aufzunehmen.
Und zur Erlangung von Popularität gereichte ihr das Engagement für die am meisten Verachteten in der Gesellschaft auch nicht gerade, für den „Verein für entlassene Strafgefangene“ ebenso wenig wie für das „Rettungshaus für verbrecherische und entartete Knaben evangelischer Konfession auf dem Schönbühl“.

Königin Olga verweigerte sich nicht, auch als sie längst von Alter und Krankheit gezeichnet war, und obwohl ihr selbst von ihrem Schicksal wenig persönliches Glück, kaum unbeschwerte Lebensfreude und weder als Frau noch als Mutter erfüllte Liebe beschert wurde.

Literaturhinweise:

  • Das Königreich Württemberg 1806 – 1918. Monarchie und Moderne.
    Katalog zur Landesausstellung Baden- Württemberg. Landesmuseum Württemberg. Stuttgart 2006
  • Dieterich, Susanne. Württemberg und Russland. Zur Geschichte einer Beziehung. Leinfelden- Echterdingen 1994/2007
  • Olga, Königin von Württemberg. Traum der Jugend. Pfullingen 1955
  • Uhland, Robert (Hrsg.) Das Tagebuch der Eveline von Massenbach. Stuttgart 1997

Dr. Susanne Dieterich ist Historikerin und beschäftigte sich bereits in zahlreichen Publikationen mit dem württembergischen Königshaus und der Rolle der Frau in der Monarchie. Derzeit arbeitet sie für die Stadt Stuttgart im Bereich „Förderung Bürgerschaftliches Engagement“ und ist Geschäftsführerin des Initiativkreises Stuttgarter Stiftungen.